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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-11 · Heft 46 (11.11.1879) · p. Seite 722

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 46 (11.11.1879)
Date
1879-11-11
Page
Seite 722 (sequence 2)
Language
German
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422 politische Gleichstellung allem National- und Neligionsstreite ein Ende zu machen. Was ist nun wirklich geschehen? Die Rollen sind nur vertauscht worden. Die früheren Beherrschten sind die Beherrscher, die früheren Bedrückten sind die Bedrücker geworden und üben ihre neue Herrschaft in viel härterem Maste aus, als cs seit einem Jahrhundert von den Türken geschehen ist; noch mehr, man unterwirft auch die Juden einer Bedrückung, die sie von den Türken niemals erfahren haben. In Bulgarien werden Juden und Mohamedaner unter den Augen des neuen Fürsten selbst ausgeraubt und getödtet; in Serbien, das von den europäischen Mächten vollständig anerkannt ist, läßt man die Juden in ihrer bisherigen bedrückten Lage; in Rumänien erklärt man sie für rechtslose Fremde. Es geschieht also das Gegentheil von der Civilisation, in deren Dienst man zu arbeiten vorgegeben hat. Man must sich dieses deutlich zum Bewußtsein bringen, um das Benehmen Derer zu charakterisiren, welche berufen und geeignet gewesen wären, die Rumänen auf ihrem Wege zurückzuhalten, nämlich der europäischen Presse, und unter dieser der Organe, welche für die Entwicklung der freiheitlichen Rechtszustände einzutreten vorgeben. Sie, welche sich den Beruf vindiciren, auch ihre Existenzmittcl daraus ziehen, jeder rcactionären Bewegung sich entgegenzustemmen, haben in der rumänischen Angelegenheit das Gegentheil gethan. Sie haben die Rumänen in ihrem Werke unterstützt. Hätte die liberale europäische Presse energisch gegen das Trugspiel der Rumänen protestirt, so würden diese sich doch gescheut haben, dasselbe vor den Augen Europas zu Ende zu führen. Hier war doch einmal eine Gelegenheit, die Negierungen, die in sv erleuchteter Weise vorgegangen waren, in den Grundsätzen des Rechts zu unterstützen. Sie thaten das Gegentheil, diese Helden des Federkiels, die sonst nicht Phrasen genug für Recht und Freiheit in: Munde führen. Voran steht hier die „Neue freie Presse". In einem Leitartikel (vom 22. October) versteigt sie sich bis zu der Behauptung: „Es ist wichtiger, daß Joan Bratiano an der Spitze der rumänischen Regierung bleibe und die Politik seines Vaterlandes in der bisherigen Weise leite, als daß säinmtliche rumänische Juden auf einmal ihren christlichen Mitbürgern gleichgestellt werden." Kann man sich eine stärkere Liebedienerei gegen eine, Macht und Geld in Händen habende Persönlichkeit denken? Kann man sich eine stärkere Verleugnung aller Grundsätze des Rechts vorstellen? Ist hiermit nicht den Bestimmungen des Berliner Vertrags am nachdrücklichsten Hohn gesprochen, indem die Stellung eines Ministers über die Ausführung der Bestimmungen desselben gestellt wird? Ist hiermit nicht dem wesentlichen Zwecke, den Orient zu pacisiciren, auf's Offenbarste entgegengewirkt? Unterdrückt man nicht hiermit jeden Schmerzensschrei der Juden und der Mohamedaner, blos um einen Bratiano in seinem Ministerfauteuil zu erhalten und die Rumänen in ihrem Widerstande gegen Europa zu bestärken? Und dieser Ausspruch der „N. fr. Pr." wird nicht blos von der reactionären Presse mit Jubel, sondern auch von der „Köln. Zeitg." mit großer Behaglichkeit ausgenommen, und vom Journal des Dcbats wohlwollend acceptirt. Soweit sind die sog. Liberalen bereits im Fahrwasser der Reaction; so weit sind die höchsten Grundsätze des modernen Staats bereits abgeschwächt; so weit hat der Byzantinismus sich auf Europa niedergelassen. Man muß schon fast fanatischer Optimist sein, um Hoffnung und Muth nicht in sich ersterben zu lassen. — Wie die Zeitungen berichten, haben die ca. 10,000 rumänischen jüdischen Familienhäupter — die Zahl ist sicher viel zu gering gefaßt — welche im Lande geboren und erzogen worden, und daher durch das Gesetz die Qualisication hätten, bei den Kammern um ihre Nationalisirung zu petitioniren, sich noch nicht gerührt, selbst nicht die, wie man sagt 500, welche sich mit einiger Aussicht schmeicheln könnten. Ties kommt den rumänischen Ministern ungelegen, denn sie hätten gern durch ein Dutzend Bewilligungen Europa von ihrem guten Willen thatsächlich überzeugen mögen. Man hat aber bis jetzt nur einen einzigen austreiben können, den bekannten Bankier Hillel in Bukarest, und glaubt man, daß dieser als Leitbock eine kleine Heerde nach sich ziehen werde. Wir wollen es abwarten. (S. jedoch w. u. Zeitungsnachr.) Verständiger wäre es, von unsren Glaubensgenossen, wenn die l0,000 mit Einem Male oder gar Keiner petitionirten. Im ersteren Falle würde sich bald zeigen, wie wenig die Kammern geneigt sind, das Bürgerrecht zu ertheilen, im letzteren Falle wäre es ein Gesammtprotest gegen das Gesetz. Wollte man nun zum Schluffe letzteres charakterisiren, so würden wir nicht das französische Sprüchwort Vorschlägen: „ISuaucoup de bruit pom* mie omelette", sondern das englische und deutsche: „Viel Lärm um Nichts!" Literarischer Wochenbericht. Bonn, 28. October. (Schluß.) Zunächst liegt uns ein elegant ausgestattetes Heft vor: „Gottesdienstliche Gesänge für Israeliten, componirt von M. Rosen hau Pt, Cantor der israelitischen Gemeinde Speier." Der begabte Verfasser beabsichtigt, die gottesdienstlichen Gesänge nach seiner Bearbeitung vollständig herauszugeben, „sowohl auf traditionellem Gebiete, wie auf dem Felde der neueren kunstgerechten Composition in vierstimmigen und Unisono-Chören, und sämmtlichen Recitativen, größtentheils mit Orgelbegleitung, wobei er auf die Partien des Cantors, die für Bariton geschrieben sind, ganz besonders Rücksicht nahm". Was von diesem Werke zu Hallen sei, bezeugt der Professor der Musik I. Heß in Heidelberg, der unter Anderm sagt: „Außer seinen originellen selbst-

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