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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-04 · Heft 45 (4.11.1879) · p. Seite 711

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 45 (4.11.1879)
Date
1879-11-04
Page
Seite 711 (sequence 7)
Language
German
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711 läßt, desto mehr captirt ste ihn und verhindert ihn, seine Gedanken auf den Inhalt des Gebetes zu richten. Zwar weckt die Musik Gefühle in ihm, die zeitlich sehr hoch schweben können — aber sie schweben doch nur und gewinnen keinen faßlichen Inhalt, keine bestimmte Beziehung auf den Seelcnzustand. Es ist daher schon oft geklagt worden, das; auf diesem Wege der Gottesdienst mehr den Charakter eines Concertcs als eines Gcbetcultus erhält. Wie gesagt, in diesen beiden Momenten des unthätigen Zuhörcns und des Ueberwiegens der Musik scheint uns eine bedrohliche Schwäche des reformirten Gottesdienstes zu liegen. Ist es doch schon so weit gekommen, daß die Gemeinde selbst beim Schema und der Keduscha nicht laut zu werden wagt, da auch hier Chor und Orgel sich an'die Stelle der Gemeinde gesetzt haben. Eine solche Nichtbetheiligung der Gemeinde bringt auf die Dauer! Theilnahmlosigkeit hervor und steht um so mehr in C^cmtraft ‘ mit der Vergangenheit, je größer früher der Spielraum war, j welcher der Thätigkcit der Gemeinde gelassen war. Fragt man uns nun nach den Auskunftsnutteln zur Beseitigung dieses Schadens, so hatten wir zwei vorzuschlagen: den cinstinnnigen Gesang und die Ncsponsen. Erstcren adaptirt sich die Gemeinde, namentlich unter Führung der Orgel, sehr bald und nach einiger Zeit crgiebt sich die beste Wirkung davon. Nesponsen sind in der deutschen (aschkenasischen) Synagoge nicht unbekannt. Außer bei gewissen Jozeroth durch Refrains findet die Responsentveise bei den Selichoth statt und tvird mit großer Theilnahme ausgeführt. In leicht musikalischer Weise müßten einige der Hauptgebete also geordnet werden. Wir geben dies unsren nmsikalischen Autoritäten, den Rabbincn und Lehrern zur Ertvägung und tvürden triftigen Aeußerungen hierüber gern die Spalten unsres Blattes öffnen.! — Geben wir nun zur Besprechung der uns vorliegenden | neuen musikalischen Werke über. (Schluß folgt.) etl i ui cj .Miete ßu c ßlen. Deutschland. Berlin, ,21. Octobcr. (Privatmitth.) Es ist natürlich, daß die Lorbeeren, die der Hofprediger Stöcker für sich cingesanunelt hat, andere Herren seines Standes nicht schlafen lassen, und so wird es uns nicht überraschen, wenn wir aus den evangelischen Kirchen von Predigten gegen die Juden hören tverdcn. Den Anfang machte. vorgestern ein Pastor Krafft in der hiesigen „Zionskirche." Auch er sprach von der Unterdrückung der Christen durch die Juden und vom Verfall der christlichen Kirche, welcher durch die Schmähungen der Juden hcrbeigeführt werde. Nichts ist bequemer als wenn man eine Ursache für die leeren Kirchen, für das verhältnißmäßig häufige Unterlassen der Taufe und der kirchlichen Trauung sucht, dafür die Juden verantwortlich zu machen! Das Lächerliche in solchen Behauptungen kann Niemandem entgehen, der sich nicht in die Sackgasse dieser Herren verloren hat. Können sie sich doch nicht einmal auf das böse Beispiel der Juden berufen, bei denen die Unterlassung der Beschneidung und der religiösen Trauung nur eine Seltenheit ist. Darum ist diese Art Auslassungen gegen uns mehr günstig für uns, als gefährlich zu erachten. Werden die Angriffe auf uns erst eine Domäne der Herren Prediger, so ist deren Wirkung auf das Volk gleich Null. Herr Krafft tvurde sich dessen wohl auch rechtzeitig bewußt, und nachdem er seine Zuhörer ermahnt hatte, keine von Juden geschriebene Zeitungen zu lesen, wandte er sich gegen die Christen selbst und forderte sie auf, ihren Glauben freudig zu bekennen. „So lange der Jude mit ansehe, wie wenig der christlichen Seelsorge in städtischen Krankenhäusern Rechnung getragen, so lange er sehe, daß der Fortbildungsunterricht seitens der städtischen Schulbehörden gerade in die Zeit des christlichen Hauptgottesdienstes gelegt werde, so lange könne man auch eine besondere Hochachtung für! unsere Kirche nicht von ihm erwarten. Im Texte weitcrgehend, warnte er nun aber vor Leidenschaftlichkeit in diesem Kampfe; dieselbe sei ja schon durch die christliche Liebe ausgeschlossen. Aber auch die Ehrfurcht vor diesem von Gott durch außerodentliche Gaben ausgestatteten alten Volke sollte es unmöglich machen, jemals gelvaltthätig selbst gegen einen einzelnen Juden vorzugehen, denn begegne uns einer derselben, so sei es ja möglich, wir haben einen ,Nachk o m m e n d e r A p o st e V vor uns, ja selbst,ei n e n Sohn Maria*!' Das zähe Festhalten des jüdischen Volkes an seinen Gebräuchen und sein enges Zusammenschließen seien uns ein Beweis, daß Gott dasselbe noch zu großen Dingen sich Vorbehalten, und daß, wenn erst alle Heiden. Christum bekennten, auch die Juden dem allgemeinen Zuge folgen würden; wie Großes und Herrliches könnte geschehen, wenn dieses auserwähltc Volk einst seine großen Geistcsvorzüge, seine Klugheit und seinen Scharfsinn in den Dienst des Gottessohnes stellen werde?" — Ter Herr Pastor muß doch also annchmcn, daß die Nachkommen der Apostel und der Brüder Jesu wieder Juden geworden sind. Zum Schluffe soll der Redner sich noch sehr scharf gegen einige Führer in diesem „Kampfe gegen die Juden" ausgelassen und ihnen nicht sehr löbliche Motive vindicirt haben. Ich gebe diese Skizze nach den Mitlheilungen judenfeindlicher Blätter, und meine, daß sie die,Expectorationen dieser Herren.

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