Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-04 · Heft 45 (4.11.1879) · p. Seite 710

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 45 (4.11.1879)
Date
1879-11-04
Page
Seite 710 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227231-3227277--37575-3256989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

710 Beziehung wollen wir nur betonen, daß „Ein neues Lied dem Herrn singen", für die höchste Feier und Verherrlichung Gottes erachtet wurde, wie wir dies häufig in den Psalmen ausgesprochen finden, und daß die Musik zur Erweckung des prophetischen Geistes verwendet ward; in der zweiten Beziehung aber, daß die Musik bei dem Volke auch bis zur Begleiterin und Förderin der Ausschweifung ausartete. Die Propheten bezeugen dies in ihren Strafreden, wie Jes. 5, 12, wo die Musik bei allen Zechgelagen zugegen ist; ja, die Buhlerinnen brauchten die Musik zur Verlockung, wie Jes. 23, 15. 16 „des Liedes der Buhlerin" gedenkt und Koh. 7, 5 „das Lied der Thoren" erwähnt. Das Verstummen der Musik wird daher öfter als charakteristischer Zug des Sturzes des Volkes angeführt, oder die Umwandlung der Freudengesänge in Klagelieder, z. V. Amos 8, 10. Daß die Israeliten wegen ihrer Lieder und Musik auch in weiter Ferne berühmt waren, bezeugt die kostbare Reliquie, die wir in Psalm 137 besitzen (s. unsren Commentar zu ihm). — Der synagogale Gottesdienst ist bekanntlich aus dem Bedürfnis; des Volkes nach Unterweisung in Lehre und Gesetz entstanden, indem sich den dcsfallsigen Vorträgen gewisse Gebetsormeln Zugesellten, woraus sich, besonders nach dem Falle des Tempels, ein regelmäßiger Gebetcultus entwickelte. Auf diesem Boden war es natürlich, daß er nicht mit Musik verbunden war, und als die furchtbaren Geschicke über das besiegte und zerstreute Volk hereinbrachen. blieb um so eher die Musik ausgeschlossen. So war die Synagoge bis aus die neueste Zeit keine Stätte für Instrumentalmusik, bald aber brach sich die Vocalmusik um so breitere Bahn in dieselbe. Kannten ja die Israeliten außer bei Reden und Predigten gar keinen declamatorischcn Vortrag, und wurde selbst die Thorah cantilenenartig verlesen. So kam es, daß der ganze synagogale Gottesdienst Gesang wurde, sowohl Recitativ als Melodie. Dieser Gesang wurde, ohne niedergeschrieben zu sein, und ohne musikalische Kenntmß von Geschlecht zu Geschlecht überliefert. Demungeachtet darf mau wohl nur einem geringen Theile der synagogalen Sangweisen ein höheres Alter zuschreiben. Sind dieselben doch in den verschiedenen Riten durchaus verschieden und haben den Charakter der Völker angenommen, in deren Mitte sie exifiirten. Man braucht nur einen echten jüdisch-polnischen Vorbcter zu hören, und einem Gottesdienste in einer portugiesischen Synagoge beizuwohnen, um das Gesagte richtig zu befinden. Andererseits ist nachgcwiesen, daß z. B. im portugiesischen Ritus Melodien, die jetzt sehr alt und hochgehaiten sind, ursprünglich spanische Volksmelodien war«,, die von der Straße in die Synagoge wanderten. Auch bis zu unsrer Zeit ist es oft geschehen, daß ein Vorbeier eine betrete Opernmelodie auf einen Gebettext verwandte. Häufig umgab sich der Vorbeter mit einem kleiucn Chore, „Singer und Baß"; es waren aber immer Ratursärrger, die nach ««er gewissen Manier, zum Theil auch nach augenblicklicher Eingebung, den Vorbeter als eigentlichen Vortragenden mit ihren Stimmen begleiteten. Der Vollständigkeit halber sei hier nur noch bemerkt, daß in etwas größeren Gemeinden auch kleine jüdische Musikbanden (Klesmorim) bestanden, die, nicht zu gottesdienstlichen Zwecken verwendet, bei allen festlichen Gelegenheiten, auch Wohl in jüdischen Kneipen aufspielten und selbst auf den Dörfern vom christlichen Volke gern gehört wurden. — Die oben gezeichnete musikalische Einrichtung unsres Gottesdienstes konnte bei der allmäligen Verwilderung des jüdischen Gottesdienstes überhaupt auf dem beschriebenen Wege nur immer mehr ausarten, und es entstand daher das dringende Bedürfniß, auch den musikalischen Theil des Cultus völlig zu reformiren. Begreiflicher Weise sollte und durfte dies nicht mit Aufgabe des ganzen bisherigen Apparats geschehen. Der Vorbeter sollte musikalisch richtig vortragen; Alles, was dem gottesdienstlichen Charakter widerspreche, sollte entfernt werden; das laute Beten der Gemeinde, das in wüstes Gemurmel oder wildes Geschrei ausgeartet war, sollte aushören und an dessen Stelle Chorgesang treten. Man ging bald weiter und führte, wo die Kräfte dazu ausreichten, auch bedeutendere Musikstücke ein und verlangte, um alles Dies zu regeln, die Orgel. Charakteristisch ist, daß der einfache, einstimm^e Choral, der in der protestantischen Kirche vorherrscht, bei den Juden keinen Gefallen fand und bald wieder aufgcgeben wurde. Dies ist der Gang, den der jüdische Gottesdienst seit 60 Jahren verfolgte, nachdem er hierzu im „Hamburger Tempel" seinen ersten Anlauf genommen. Bald mußte das Bedürfniß entstehen, eine musikalische Bearbeitung theils der üblichen und beibehaltenen Melodien, theils neu einzusührcnder Gesänge zu besitzen, und hierzu machten den Anfang die Ausgabe der Münchener Chorgesänge und das „Zion" von Sulzer. Seitdem erschien eine beträchtliche Reihe musikalischer Werke für die Synagoge, z. B. von Naumburg, Lewandowski, Baer u. A. Wir erkennen die Verdienste und die Nothwendigkcit aller dieser Bestrebungen vollkommen an und heißen, was nockweiter auf diesem Gebiete geschieht, willkommen. Dennoch glauben tvir, daß das Schwerste und Eigentlichste noch geschehen muß. Wir meinen nämlich, daß noch immer der fühlbarste Mangel an unsrem resormirten Gottesdienste in der völligen Passivität, in der Unthätigkeit besteht, zu welcher die Gemeinde genöthigt ist. Gegenwärtig hat der Besucher des jüdischen Gottesdienstes nur zu hören. Trägt der Vorbcter vor, muß die Gemeinde zuhören; tritt der vierstimmige Chor ein, muß sie zuhören; spielt die Orgel, muß sie zuhören. Kommt die Thoraverlesung, die Predigt, das deutsche Gebet hinzu, immer hat die Gemeinde nur zu schweigen und zu hören. Hierzu gesellt sich noch ein Anderes. Die Musik zieht vom Gcbetwort ab; je schöner und erhebender sie die Fülle ihrer Töne und Harmonien in das Ohr des Hörers «„ziehen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.