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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-04 · Heft 45 (4.11.1879) · p. Seite 708

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 45 (4.11.1879)
Date
1879-11-04
Page
Seite 708 (sequence 4)
Language
German
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708 die Welt bekehrt hat, ist das ganze Judenthum", ist ein kostbares Bekenntniß, ist mit einem Zuge die Lebensgeschichte des Judenthums, die der Verfasser früher verneinte. Renan sagt: „Sicherlich, es giebt in diesem Wortschwall (fatras) des Talmuds vortreffliche Grundsätze, mehr als eine köstliche Perle von der Art, welche Jesus, indem er sie annahm, idealisirte und welche die Evangelisten für göttlich - erklärten, indem sie sie nicderschrieben. Vom Gesichtspunkte der Erhaltung der Individualität des jüdischen Volkes aus bildet der Talmudismus einen heldenmüthigen Theil, desgleichen man vergebens in der Geschichte einer anderen Nace suchen würde. Das jüdische Volk, zerstreut von einem Ende der Welt bis zum anderen, hatte keine andere Nationalität als die Thora; um diese zerstreute Gemeinde, ohne Geistlichkeit, ohne Bischöfe, ohne Papst, ohne heilige Stadt, ohne geistliches Centralcollcgium, zu erhalten, bedurfte es einer eisernen Kette; denn nichts bindet mehr als gemeinsame Pflichten. Der Jude, seine ganze Religion mit sich tragend, und für seinen Cultus weder der Tempel, noch der Geistlichkeit bedürfend, hatte eine unvergleichliche Freiheit in seinen Auswanderungen bis an das Ende der Welt. Sein vollständiger Idealismus macht ihn für materielle Sachen unempfindlich; die Treue für das Andenken seiner Nace, das Glaubensbekenntniß (Schema) und die Uebung des Gesetzes genügten ihm. Wenn man einer Ceremonie in einer Synagoge anwohnt, erscheint Einem im ersten Augenblicke Alles modern, entliehen, banal. Niemals haben die Juden bei dem Vau ihrer Gebetstätten einen ihnen eigentümlichen Baustyl gesucht. Die Geistlichen mit ihrem Väffchen, ihrem Baret und ihrer Stola gleichen den Pfarrern; die Predigt ist ein Abklatsch der katholischen Kanzel; die Lampen, die Sitze, das ganze Mobiliar find in demselben Magazin gekauft, welches die benachbarte Gemeinde versorgt hat. Der Gesang und die Musik haben nichts, was über das fünfzehnte Jahrhundert zurückginge. Selbst einige Theile des Gottesdienstes sind Nachahmungen des katholischen Cultus! Die Eigenartigkeit, das Altcrthum brechen mit einem Male durch mit dem Glaubensbekenntniß: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist einzig; der Heilige ist sein Name!" Diese hartnäckige Verkündigung, dieser beharrliche Nus, der zuletzt gesiegt und die Welt bekehrt hat, ist das ganze Judenthum. Dieses Volk hat Gott begründet (fonde) und dennoch hat niemals ein Volk es sich weniger angelegen sein lassen, über Gott zu disputiren." „Ein Zug großer Einsicht, in der That, war es, zur Unterlage des religiösen Bekenntnisses die Uebung und nicht die Dogmen gewählt zu haben. Der Christ hält zum Christen durch denselben Glauben; der Jude zum Juden durch dieselben Observanzen. Während das Christenthnm die Vereinigung der Seelen über Wahrheiten metaphysischer Art verlangte'und dadurch den Weg zu endlosen Schismen bereitete, entfernte das Judenthum, indem es sein Glaubensbekenntniß auf das „Schema" beschränkte, das heißt auf das Bekenntniß der göttlichen Einheit und auf ein äußerliches Band des Rituals, jedlpeden theologischen Disput aus seinem Schooße. Die Excommunication bei den Juden hat im Allgemeinen als Ursache Handlungen, nicht aber Meinungen. Die Cabbala blieb stets eine freie Speculation; sie wurde niemals ein verbindlicher Glaube; die Unsterblichkeit der Seele wurde nur als eine tröstliche Hoffnung in's Auge gefaßt; und was die religiösen Uebungen betrifft, so gestand man ohne Umschweife ein, daß sie zu den messsanischen Zeiten abgeschafft würden, wenn die israelitischen Grundsätze allgemein adoptirt sein würden. Selbst die Glaubcnsmeinungen über den Messias konnte ein berühmter Lehrer in Zweifel ziehen und der Talmud verzeichnet seine Ansicht, ohne sie zu tadeln. Dies ist sehr einsichtsvoll. Verpflichtet zu sein. Etwas zu glauben, ist ein wahrer Unsinn, während der größte äußere Rigorismus sich mit einer völligen Denkfreiheit verbinden kann. Das ist die Ursache dieser philosophischen Unabhängigkeit, die während des Mittelalters und bis aus unsre Tage im Judcnthum geherrscht hat. Hervorragende Lehrer, Orakel der Synagoge, wie Maimonides, Mendelssohn, waren reine Nationalisten. Ein Buch wie die Jkkarim von Joseph Albo, welches verkündet, daß die Religion und die Prophetie ein Symbolismus sei, die moralische Veredelung des Menschen bezweckend, daß die Offenbarung nur eine Art sei, die inneren Operationen der Vernunft darzustellen, daß alle die göttlichen Gesetze modificirt werden können, daß die persönlichen Strafen und Belohnungen des zukünftigen Lebens nichts als Bilder seien, daß ein solches Buch, sage ich, zu einer Berühmtheit gelangt ist und kein Anatheme erfahren hat, das ist eine Thatsache, dessen es in keiner anderen Religion ein Beispiel giebt. Und die Frönunigkeit litt nicht darunter. Diese Leute ohne Hoffnung auf ein zukünftiges Leben erlitten das Märtyrerthum mit einem bewundernswürdigen Muthe, starben, indem sie sich eingebildeter Sünden ziehen, damit ihre Marter nicht ein zu starker Einwurf gegen die Gerechtigkeit Gottes sei." Der Kampf in Rumänien. XVI. Der Erfolg hat leider unsre Ansicht vollständig bestätigt. Die Comödie, die in Rumänien gespielt wurde, ist als solche zu Ende geführt worden. Denn daß es ganz und gar eine Comödie war, beweist der schnelle Abschluß des scheinbaren Kampfspicls zwischen den Parteien. Einen Monat lang hat nran die furchtbarsten Reden gewechselt, und oft schien es, als ob man handgemein werden würde. Plötzlich verständigten

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