Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-04 · Heft 45 (4.11.1879) · p. Seite 707

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 45 (4.11.1879)
Date
1879-11-04
Page
Seite 707 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227231-3227277--37572-3256986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

707 und nicht zum wenigsten Theile ist der religiöse Jndifferentismus bei den neueren Juden aus dieser Herrschaft des Rationalismus entsprungen. Wo das Herz nicht vibrirt und die Einbildungskraft nicht in Bewegung gesetzt wird, läßt* die Vernünftigkeit kalt und ist nicht befähigt, den Wirkungen des materiellen Lebens und der geistigen Zerstreuung Widerstand zu leisten. Hierauf folgte, und das hebe ich zu zweit hervor, das willigste Eingehen in die Kritik, ja in die zersetzende Hyperkritik. Sie, welche von dem einheitli chen und einigenden Geiste keine Ahnung hat, zertheilt das ihr vorliegende Material in Stücke und Stückchen, und wo diese nicht dem Schema gemäß zusammenpassen wollen, wird das Ganze verworfen oder durch kühne Hypothesen in fremde Regionen versetzt. Aus dieser Kritik folgt von selbst die Skepsis, die bald nicht mehr zweifelt, sondern verneint und allem religiösen Geiste ein Ende bereitet. Endlich: die Wissenschaft des Judenthums'. Sehen wir uns ihren Entwicklungsgang bis heute genauer an, so müssen wir uns eingestehen, daß sie eigentlich nur Geschichtsforschung geworden und wiederum diese Geschichtsforschung zur Geschichtsmikroskopie. Man faßt nur die geschichtlichen Facten und Daten, ihre Details und deren Richtigstellung in's Auge, mögen diese mehr oder minder oder gar nicht wichtig sein. Dies ist aber die Wissenschaft nur von ihrer Aeußerlichkeit. Die wahre Wissenschaft geht auf die Erforschimg des tieferen Geistes und des wahren Lebens in allen Erscheinungen aus; in der Geschichte will sie die continuirliche Strömung des Geistes und des Lebens und deren Ausgestaltung in den Eigenthümlichkeiten der Zeiten und der großen Intelligenzen erfaßen, und daran das Begreifen der Gegenwart und ihres geistigen Erzeugens im organischen Zusammenhänge schließen. Bon diesem Standpunkte aus haben tvir eine „Wissenschaft des Judenthums" noch zu erwarten. Das Nebel aber ist, daß sich jene Mikroskopie an die Stelle der echten Wissenschaft gesetzt hat, daß sie diese, weil sie dieselbe nicht begreift, sogar mißachtet und alle Arbeiteu, die dahin führen, zurückdrängt und möglichst todtzuschtveigen sucht. Das; aus solcher Geschichtsforschung auch nicht eine Ahnung des Geistes und der Ausgaben der Zeit und der Zukunft hervorgeht, diesen vielmehr geradezu in's Gesicht geschlagen wird, daß aber derartige „Wissenschaft" außerhalb des kleinen Kreises ihrer Anhänger auch nicht das geringste Interesse zu erwecken befähigt ist, wird man leicht einsehen. Ich will für das Gesagte hier keine Beispiele anbringen; ich wollte diese Andeutungen nur geben, damit man doch zum Gefühle komme, daß noch lange nicht Alles ist, wie es sein sollte, und wo die Schäden liegen, denen abzuhelfen tväre. Auf Verlangen würde ich auch in eine weitere Auseinandersetzung eingehen. Die Religion -es Juden von Ernst Renan. Am 22. d. M. wird; bei Calmann Levy in Paris der VI. Band der Histoirc des origincs du Cliristianismc von Renan unter dem Titel „VEglise Chrctienne“ ausgegeben. Es wird dann noch ein VII, „Marc Aurele“ betitelt, erscheinen. Mehrere Journale veröffentlichten im Voraus dieses und jenes Kapitel des VI. Bandes. So das .lourual des Dektts vom 20. Oktober das Eapitel über den Kaiser Hadrian. Renan giebt hier eine Eharakterisirung des denkwürdigen Kaisers in der glänzenden Weise, wie er eine solche zu componiren versteht und in welcher die dichterische Phantasie aus den durch eine ausgezeichnete Belesenheit zusammengehäuften Materialien ein Bild schafft, das freilich der wirklichen Geschichte nicht immer entspricht. Es versteht sich, daß hier auch das Verhältniß Hadrians zu den Christen und zu den Juden besprochen wird, jedoch nur aus der ersten Periode des Kaisers, denn des Aufstandes des Barkochba und der darauf folgenden grausamen Verfolgungen der Juden wird in dem Eapitel nicht gedacht. Wichtiger für uns ist ein anderes Eapitel, welches das zu Brüssel erscheinende Echo du parleineiil vom 22. Oct. bringt und die Überschrift trägt: „La Religion du Juif“. Dasselbe erscheint uns um so wichtiger, als Renan hier in vollem Widerspruch mit den früheren Bänden seines Werkes dem Judenthuine bis auf den heutigen Tag ein Leben, eine Energie, eine großartige Wirksamkeit zuschreibt, er, der dasselbe nach dem Entstehen des ChristenthumS für todt, die Juden für Skelette und Gespenster erklärte! Diese Umkehr in der Erkenntniß und dieser offene Ausspruch einer besseren Ueberzeugung ist wahrlich rühmenswerth, da selten ein Gelehrter sich zu einem, solchen Schritt entschließt und gewöhnlich um so hartnäckiger bei seinen Ansichten verbleibt, je schärfer er deshalb angegriffen tvird. Vielleicht dürfen wir sagen, daß auch tvir durch unsre Kritiken, die tvir Herrn Renan jedesmal übersandten, etwas dazu beigetragen haben. Wir geben hier dieses kleine Eapitel in wortgetreuer Uebersetzung. Allerdings erkennen tvir in ihm noch mancherlei Irrt h um er. Denn zu sagen, daß die jüdischen Märtyrer ohne den Glauben an die Unsterblichkeit ihr Martyrium bestanden, ist vollständig unrichtig, und läßt sich seitens Renan's nur aus der, für ihn unüberwindlichen Neigung, scharfe Antithesen zu bilden, erklären. Denn ebenso unrichtig ist, tvas er über das Buch Jkkarim von Albo sagt, und man braucht nur das l>0. und ol. Eapitel deS vierten Abschnittes zu lesen, um das Gegentheil dessen zu finden, tvas Renan von ihm äußert. Jndeß halten tvir es für unrecht, diese kleine Piece, die aus dem Zusammenhänge gerissen ist, zu kritisiren, und behalten wir uns dies vor, bis wir den ganzen Band in Händen haben. Jndeß der einzige Satz schon: „Diese hartnäckige Verkündigung (das Schema), dieser beharrliche Ruf, der zuletzt gesiegt und 4ü*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.