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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-04 · Heft 45 (4.11.1879) · p. Seite 706

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 45 (4.11.1879)
Date
1879-11-04
Page
Seite 706 (sequence 2)
Language
German
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706 Gesellschaft und ihre Zwecke schon als bestehend und entwickelt voraus und lassen die Frage unbeantwortet, woher diese Gesellschaft gekommen und woher sich ihr Recht schreibt? Bleiben also nur die panthcistischen und atheistischen Philosopheme übrig. Woher wollen diese ihre Ethik nehmen? Es existirt für sie nur die Natur, deren Ganzes und Einzelnes ihnen zugleich göttlich ist oder ohne Gott. Die Natur aber bietet weder Recht noch Liebe. In der Natur ist Alles Macht; soweit das Können und Bedürfen jedes Wesens reicht, soweit hat es das Recht zu existiren und andere Individuen sich anzueignen. Die Liebe ist in der Natur nichts als der Fortpflanzungstrieb. Das Insekt bereitet seinem zukünftigen Geschlecht, das noch nicht vorhanden ist, Wohnung und Nahrung in dem dazu geeigneten Blatte, und das Säugcthier nährt und schützt seine Jungen, bis sie es selbst vermögen, dann kennt es sie nicht mehr. Auf diesem Grunde müssen alle Versuche, eine wirkliche Ethik zu Stande zu bringen, mißlingen, und eine sophistische Illusion kann zwar die Anhänger eines Philosophems eine Zeit lang gefangen halten, niemals aber eine Zeit beherrschen oder dauernden Erfolg erzielen. Es ist das unbestreitbare Verdienst des Christenthums und des Islam, dieses Sittengesetz der monoiheistischeu Gottcslehre unter den Völkern des Abend- und des Morgenlandes verbreitet und zur Anerkennung gebracht zu haben, so daß cs im Laufe der fortschreitenden Entwicklung auf die Gesellschaft und ihre Gesetzgebung immer mehr Einfluß gewann und auf den mannigfaltigsten Wegen gewinnt. Allein beide, Christenthum wie Islam, traten sofort mit den Grundsätzen dieses Sittengesetzes selbst in Widerspruch und zwar durch die Ausschließlichkeit des Glaubensbekenntnisses, durch die Heilswirkung des Glaubens selbst und durch die oft mit dem Schwerte bcthätigte Feindschaft gegen alle Andersgläubige und Ketzer. Die Lehre, daß nur der Gläubige selig werde und die Alleinherrschaft der Kirche und der Moschee gehöre, eine Lehre, die beiden Religionen, wenn auch sich gegenseitig ausschließend, gemeinsam ist, bildet geradezu einen Gegensatz zu der Ethik der Gotteslehre. Hierzu kommt noch, daß das Christenthum dieser Ethik sentimentale Ucbertreibungen einmischte, welche die Identität der Liebe und des Rechts verneinten und sie in Gegensätze verwandelten. Endlich trennte cs das Individuum von der Gesellschaft, wollte die letztere aus dem Bereiche seiner Wirksamkeit beseitigen und höchstens durch die Versittlichung der Individuen die Gesellschaft beeinflussen. In allen diesen Punkten entfernten sich die beiden Töchtcrrelig'tvnen.von der eigentlichen monotheistischen Ethik. Das Judenthum hingegen, nachdem cs diese letztere durch alle seine Phasen hindurch bewahrt, und zuletzt von aller nationalen Färbung, welche die geschichtlichen Verhältnisse seiner Ethik auferlegt hatten, freigemacht hat, ist heute erst recht im Besitze des reinen und ganzen monotheistischen Sittengesetzes, das ebenso für die Gesellschaft, wie für das Individuum die grundlegenden ethischen Axiome enthält. Ich erlaube mir, hierüber auf den lll. Theil meiner ausführlichen Rcligionslehre zu verweisen. Dadurch ward es dem Judenthume möglich, ohne irgend ein integrirendcs Element seiner Lehre und Ethik aufzuopfern, voll und ganz in das moderne Culturlebcn, in die socialen und politischen, wie in die wissenschaftlichen und künstlerischen Regionen desselben einzutreten und innerhalb desselben sein Leben fortzuführen. So ist es im Stande, auch in dieser seiner dritten Phase seine Mission zu erfüllen: den Schatz der reinen monotheistischen Gotteslehre und der aus dieser erflossencn Ethik für alle Zeiten treu und rein zu bewahren und sie der fortschreitenden Entwicklung der Menschheit entgegenzubringen. — Und tver nun alle diese, von mir aufgeführien Monrente auf- und zusammenfaßt, wie könnte der noch von Zweifeln befangen bleiben über den Fortbestand des Judenthums, auch wenn dieses in Folge seines neuen Standpunktes Vieles von seinen früheren Lebensformen verliert! Das Uebrige muß die Zuversicht auf die göttliche Leitung der Weltordnnng thun. Sie, die drei und ein halbes Jahrtausend das Judenthum unter den mannigfaltigsten Geschicken erhalten, es zuerst im Schooße des ihm eigenthttmlichen Stammes den Sieg über alle Gegensätze und ein gefestigtes Leben zu erlangen, dann inmitten aller Völker unerhörter Pression zu tviderstehen befähigt hat, tvird ihm auch in der neuen Weltstellung die Kraft und Mittel lebendigen Bestandes zu schaffen wissen. Wenn die Propheten vor zwei und ein halb Jahrtausenden das unerschütterliche Dasein der monotheistischen Gotteslehre und deren zukünftige Ausbreitung weissagten, und Recht behielten: so können wir, auch ohne prophetische Begabung, aber gestützt auf die Lehren der Geschichte und auf die Einsicht in die Natur des Menschengeistes, eine gleiche Verkündigung für die zukünftigen Zeiten wagen. Doch ich will diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne mich auch über einige Ucbclstände zu äußern, die mir stets Bedenken eingeflößt haben. Es ist dies zunächst, daß die Reform des Judenthumsverleitet von der obherrschendcn Geistesrichtung umher, sich allzu sehr dem einseitigen oberflächlichen Nationalismus ergeben hat. Diese Vernünftigkeit, die nichts gelten läßt, als was sie in Ursache und Wirkung mit ihren schwachen Augen zu erblicken vermag, welche die Gefühlswelt und die Einbildungskraft als untergeordnete und in ihrer Geltung durchaus zu beschränkende Eigenschaften des Geistes betrachtet und Form und Wesen so auseinanderhält, als ob sie sich nicht gegenseitig bedingten, trat allen supranaturalistischen und traditionellen Elementen des Judenthums scharf, ja verachtend entgegen, um der Religion nichts als einige abstracto Sätze übrig zu lassen. Gerade der jüdischen Volksseele sind aber alle die vom Nationalismus verachteten und bekämpften Momente ganz besonders zu eigen.

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