Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1879)
- Date
- 1879-10-28
- Page
- Seite 698 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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698 offenbar, sobald man sich die wirklichen Zahle» etwus näher ansieht. Bei der Geringzäbligkeit der jüdischen Bevölkerung in Preußen, nämlich 1,3 Procent, bietet selbst das siebenfache der die höheren Lehranstalten besuchenden Juden für die Juden nur kleine Zahlen. Nach der „Etat. Eorr." besuchten im Sommerhalbjahr 1878 sämmtliche höhere Lehranstalten Evangelische 108,74b Schüler,Katholische 23,774, Juden 14,543. Wie sich nun die 14,000 jüdische Schüler gegenüber den 130,000 christlichen Schülern in den höheren Schichten der Gesellschaft der Herrschaft bemächtigen sollen, wäre gar zu lächerlich, wenn' nicht die Masse Alles zu glauben geneigt wäre, was ihr mehrfach wiederholt und darum zu einem Schtagwort wird. Ist! cs nicht ebenso lächerlich, wenn der Bevölkerung von Berlin, die jetzt aus einer Million und 60,000 Seelen besteht, Furcht vor der Herrschaft der unter diesen befindlichen 40,000 Juden eingeflößt wird. Die Nachwelt wird einst das gegenwärtige Geschlecht nicht blos der Leichtgläubigkeit, sondern auch der äußersten Selbstmißachtung zeihen. Breslau, 16. October. In der Haupt- und Pfarrkirche zu St. Elisabeth hielt der Kirchen-Jnspector, Pastor prim. l)r. Späth, die Sonntags - Amtspredigt über das Evangelium Matthäus, Kap. 22, Vers 34, über die vornehmsten Gebote: „Du sollst Gott lieben Deinen Herrn, und Du sollst Deinen Nächsten lieben als Dich selbst." Hierbei nahm der Redner Gelegenheit über die gegenwärtigen skandalösen Agitationen gegen die jüdischenMitbürgerBreslau's zu sprechen. Er äußerte sich ungefähr wie folgt: „Leider seien die Menschen zu jeder Zeit geneigt gewesen,! zu trennen, was Gott nach seiner heiligen Ordnung unzertrenn-! lich verbunden hat. So sei es auch mit der Liebe zu Gott'- und zum Nächsten. Es habe zu keiner Zeit so lange dieses! Doppelgebot bestehe, an Leuten gefehlt, welche cs wagten, sich! der Liebe Gottes zu rühmen, während sie doch um das Wohl j ihrer Mitmenschen sich wenig oder nicht kümmerten, wohl gar! nicht scheuten, dieselben zu Haffen und ihnen wehe zu thun,! ja selbst sie zu verfolgen, als thäten sie Gott einen Dienst damit. Wie viel Schmach sei doch auf die christliche Kirche von ihren eigenen Bekennern durch solches Verhalten gewälzt worden! Man möge sich nur erinnern an jene Unmenschlichkeiten, welcher sich einst nach der Eroberung Meriko's die glaubensstolzen Spanier schuldig gemacht haben, natürlich zur Ehre Gottes und zum Besten seines Reiches, oder an jene Frevel, welche in den Zeiten des Mittelalters auch auf deutschem Boden an den Juden verübt wurden. Noch in den letzten Jahren mußten wir erröthen über die Judenhetzen an der unteren Donau, und es scheine, daß ähnliche ärgerliche Auftritte auch im deutschen Volke, auch in unserer Stadt im Anzuge seien. Gewisse B lütter werden nicht müde in der gehässigsten und kränkendsten Weise unsere jüdischen Mitbürger der öffentlichen Verachtung preis'zugeben und durch Nährung der Abgunst und .des Haffes darauf hinzuwirken, daß denselben die bürgerliche Gleichberechtigung wieder entriffen werde. Die bübische Zerstörung, welche in den letzten Tagen in der Nähe der Synagoge verübt wurde, zeigte hinlänglich, welche Früchte durch solche Agitationen gezeitigt werden. Ob etwa Jemand glauben könne, daß ein derartiges Treiben sich mit dem Geist und Wort und Vorbilde Jesus Christus vereinen lasse? So lange solche Tinge unter uns geschehen, sei unser Ruhm nicht fein. Es gelte sich mit Ernst dagegen zu erheben." Diese beherzigcnswerthen, kräftigen Worte verfehlten nicht, auf die in großer Anzahl erschienenen andächtigen Zuhörer den sichtlichsten Eindruck zu machen. Ehre dem braven Geistlichen, der von der Eanzel herab dem unchristlichen Treiben einer gewissen Partei durch seine mannhaften Worte cntgegengetreten ist.! Pirmns'ens (Pfalz), im October. Die „Franks. Z." enthält folgende Zuschrift: Wie schwer es selbst gebildeten Personen, die einen Zweifel an ihrer toleranten Gesinnung entrüstet zurückweisen würden, ankonuni, Toleranz zu üben, das zeigt in auffallender Weise! die Jahresliste der Geschworenen, Schöffen und Hilfsschöffen ' für unseren Amtsgerichts bezirk. Dieser Bezirk und insbe-! sondere die Stadt selbst, der Sitz des künftigen Amtsgerichts,! zählt eine große Zahl Bürger israelitischen Glaubens, die geachtete bürgerliche Stellung, Bildung und strenge Rechtlichkeit zur Bekleidung eines jeden gemeindlichen Ehrenamtes fähig und würdig erscheinen lassen. Erfreulich ist denn auch das im Allgemeinen bestehende Berhältniß bürgerlicher Eintracht zwischen der christlichen und israelitischen Bevölkerung. Umsomehr mußte aber bei der letzteren das Gefühl intoleranter Zurücksetzung wach werden, als der Ausschuß, dem die Austvahl der Geschworenen, Schöffen und Hilfsschöffen für den hiesigen Amtsgerichtsbezirk oblag, unter die große Zahl der ausgewählten Personen keinen einzigen Israeliten aufnahm. Unter den Gewählten befinden sich Leute von geringer Schulbildung und von wenig unabhängiger äußerer Stellung; es läßt sich also die unbegreifliche Thatsache des Ausschluffes der I Israeliten auch nicht durch die Annahme einer übergroßen 'Zahl für fragliche Ehrenämter besser befähigter christlicher j Mitbürger erklären. Da ferner der Ausschuß wohl selbst > nicht tvird behaupten tvollen, daß es dein Zufall oder absichts- : losem Uebersehen zuzuschreiben sei, daß kein Jsraelite auf die ' Jahresliste gesetzt tvard, so wird er den Vorwurf intoleranten Verfahrens wohl hinnehmen und sich sagen müssen, daß er bei Ausübung einer ihm obliegenden gesetzlichen Befugniß den ' Intentionen des Gesetzgebers nicht gerecht tvorden ist, der jeden Deutschen ohne Rücksicht auf Glaubensbekenntniß! zu den fraglichen Ehrenämtern beigezogen wissen will.