Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1879)
- Date
- 1879-10-28
- Page
- Seite 696 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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696 Erklärung des Repräsentantencollegiums, namentlich unterzeichnet von sämmtlichen Mitgliedern desselben — die, wie bekannt, durchweg Träger von Namen sind, die in der Oeffentlichkeit den besten Klang haben — erlaffen werden wird, in der sich das Collegium mit aller Energie gegen die von gewiffer Stelle ausgehenden Verfolgungen und Hetzereien verwahren wird." —. Die „Nat. Ztg." veröffentlicht folgenden trefflichen Brief der verdienstvollen Frau Lina Morgenstern: „Von! einer Reise zum Heidelberger Frauentag heimgekehrt, höre ich,' daß einige Zeitungen die Nachricht gebracht haben, ich hätte an I. M. die K a i s e r i n in Betreff der vom Hofpredigcr! Stöcker veranstalteten Judenhetze geschrieben, und in Folge dieses Schrittes nennt mich die „Germania" die „junge Esther." Ich bitte Sie Folgendes zu berichtigen: Ich hatte von jeher so viele sprechende Beweise von der humanen Gesinnung des deutschen Kaiserpaares gegen alle Glaubensbekenntniffe, daß ich,! fest überzeugt davon, man billige an höchster Stelle keineswegs : solch intolerantes und fanatisches Vorgehen, es nicht für noth-' wendig hielt, weder brieflich noch in der gewährten Audienz ■ davon zu sprechen. Erst der von mir vorausgesetzte, vermeint- - liche Brief an I. M. die Kaiserin hat mich bestimmt, über die? im neunzehnten Jahrhundert unerhörten Ereignisse einer Judenhetze in der intelligenten Kaiserstadt auch an maßgebender Stelle unumwunden mich zu äußern. Wir Juden haben wohl zur Genüge bewiesen, daß wir nicht nur genießen, sondern arbeiten, und zwar nicht nur, um Kapital zusammenzuscharren,; sondern ohne Unterschied der Religion das Gute zu fördern, unseren Mitbürgern beizustehen und barncherzige Liebe zu üben.! Wir fühlen uns als gleichberechtigte Staatsbürger, da wir alle | Pflichten gegen Thron und Vaterland, gegen Staat und Gesell-; schast gewissenhaft erfüllen. Für die Fehler Einzelner ist die gesammte Judenheit ebensowenig verantwortlich zu machen, als für * Fehler Einzelner die gesammte Christenheit. Lina Morgenstern." Berlin, 17. October. In Sachen des etwaigen Vor-! gehens des Vorstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde gegen! Herrn Hofpredigcr Stöcker hört die „Tribüne", daß in der! Repräscntanten-Versammlung der Gemeinde längere Verathungen j über die Opportunität eines solchen Schrittes gepflogen worden; sind. Man ist dabei zu dem Beschluß gekommen, von jcbcnt; gerichtlichen Schritt gegen die Hetzereien des Herrn Stöcker? Abstand zu nehmen, weil man der Ansicht war, das; die Staatsanwaltschaft aus eigener Initiative sich des Gegenstandes bemächtigen würde, falls in denr Auftreten des Herrn Hofpredigers Verstöße gegen das Strafgesetzbuch gefunden werden könnten. Dagegen soll die Repräsentanten-Versammlung sich dahin schlüssig gemacht haben, durch den Mund eines hochangesehencn, auch in der städtischen Verwaltung verdienstvollen Vorstandsmitgliedes in persönlicher Audienz Sr. Majestät dem Kaiser die Sachlage vorzustellen und von dieser allerhöchsten Stelle die Verhinderung dieser den Frieden der Bevölkerungsclaffen gefährdenden Agitationen, die sich am wenigsten für einen Hofprediger geziemen, zu erbitten. Berlin, 18. October. Berliner Zeitungen melden: Wie? tvir hören, werden die Vorgänge in den christlich-socialen Ver-! sannnlungen, so weit sie die Juden betreffen, vorläufig wenigstens ihr Ende erreicht haben. Der Kaiser soll genaueste Informationen dieser Angelegenheit und des Vorgehens des Hofprediger Stöcker gefordert haben. Die Behörde wird ebenfalls den Versammlungen der Christlich-socialen in Zukunft größere Beachtung schenken. — Hofprediger Stöcker theilr der „N. Pr. Z." mit, daß er die Nummer 477 des „Berliner Börsen-Couriers" vom Sonntag, 12. October sowohl wegen des darin enthaltenen Briefes als auch wegen der aus Halbcrstadt mitgetheilten verleumderischen Notiz (der Herr Howrcdigcr sollte seine hochbetagte Mutter Noth leiden laffcn; eine Notiz, welche der „B. B. C." inzwischen selber zurückgenrmmen hat), der königlichen Staatsanwaltschaft zur gerichtlichen Verfolgung eingereicht habe. Eine andere Antwort werde er selb'werständlich demj Nedacteur Davidson nicht geben. — Der heutige „Berliner Börsen- Courier" bemerkt dem gegenüber: „Wir werden wegen der Beleidigungen, welche dieser Herr in der Freitags-Versammlung, auf Grund der bekannten Verdrehungen, gegen unser Blatt sich hat zu Schulden kommen laffen, nunmehr ebenfalls Strafantrag stellen. Es wird sich zeigen, ob ein Hofprediger ungestraft sich in Schmähungen ergehen und sib Entstellungen, die von uns bereits gebührend charatterisin sind, zu Schulden kommen lassen darf." Berlin, l 9. October. (Privannitth.) Man darf es sich nicht verhehlen: die Symptome des Sturmes mehren sich! Bei einem Festmahle des Präsidenten des evangelischen Oberkirchenraths brachte der Cultusminister v. Puttkammer einen Toast aus auf das „Hand in Hand gehen der selbstständigen Kirche mit dem christlichen Staate." Die Zeitungen hatten berichtet, er habe die „freie Kirche im christlichen Staate" gesagt, aber die „Kreuzz." berichtigt dies in obiger Weise. Nun haben wir sicherlich nichts gegen die „selbstständige," selbst nichts gegen die „freie Kirche" einzuweuden. Aber was man unter der Devise „christlicher Staat" versteht, weiß man aus früherer Zeit zur Genüge — die Ausschließung der Juden von allen Staatsämtcrn. Es ist kaum mehr fraglich, daß früher oder? später ein derartiger Antrag an das Abgeordetenhaus, und da das Bundesgesetz einem solchen entg-gensteht, an den Reichstag herantreten werde, nicht von Regicrungsseite, Wohl aber aus der Mitte der reaetionären Parteien. Wenn, wie behauptet j wird, nicht allein zwischen dem Cemruin und den Conservativen! (evangelisch) eine Uebcrcinkunft noch nicht getroffen ist, wie dies ‘ die Angelegenheit des Gcneralsuperintendenten Brückner zu er-! weisen scheint, sondern noch nicht einmal zwischen den conservativen l Fractionen, so kann man doch in jeder die Juden betreffenden