Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1879)
- Date
- 1879-10-28
- Page
- Seite 694 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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694 zu schnell vor sich geht, so daß der Hörer nur wie im Sprunge folgen kann, so bei Raymund selbst, so bei seiner Gemahlin. | Was die Sprache betrifft, so ist sie, einige Fehlgriffe ausgenommen, durchaus würdig, gehoben, nicht zu pathetisch, und da hochpoetisch, doch nicht mit Gleichnissen überladen.! Wir wollen hier einige Verse citiren, indem wir, vorsichtshalber daran erinnern, daß der Vers, kein Jude, sondern ein Christ. Der Albigenser Peyrol spricht: „Hier, wo ich der Verfolger Schritt schon höre. Hier sei's noch einmal untcr'm großen Himmel Geschworen: Lieb' und Friede allen Menschen, Doch Haß und Feindschaft, Rache, ew'ger Kampf Den Frevlern, die das Heiligste geschändet. Den frommen Frevlern, die aus Hab- und Herrschgier Die Religion zur blut'gen Geißel machten. Und aus des Himmels Dienern — Henker!" Graf Raymund läßt sich folgendermaßen vernehmen: „Ich thue meine Pflicht nur. Für mein Recht, Mein Fürstenrccht und für mein schönes Land Greif' ich zum Schwert. Mein Land ist's ja allein. Nach dem die Kirche trachtet, alles And're Ist eitel Vorwand. — Ketzerei? — Zum Lachen! Wer treibt sie toller denn, wer frecher als Rom selbst! Geschrieben steht: Mein Reich ist nicht Von dieser Welt! Undwer, ich frage, wer Verschlingt denn Jahr für Jahr ein Land um's and're?" Sein Ideal legt der Dichter der Sarah mit folgenden Versen, in den Mund: „Die Zeit ist groß; wir beide stehen mit All unsrem Denken über Tausenden, Verstanden nur von Wenigen. Tie Nachwelt — Sie wird gerecht denr werden, was kn uns Als Ideal, als heil'ge Sehnsucht lebt! Sie wird sie niederrcißcn all' die Schranken, Die blinder Glaube und der Priester Macht Ausrichtet zwischen Haus und Haus, und Herz und Herz! Und dann wird kommen der Versöhnungstag, Wo alle sich die Bruderhände reichen. Beglücket und beseligt in dem Glauben, Daß es nur ein Ziel, nur ein Höchstes gibt: Menschen zu sein, gerechte, edle Menschen! Und sieh', dies Menschenbild der Zukunft, das In dieser haßerfüllten Gegenwart Aus dir nur strahlt verheißungsvoll entgegen. Das liebe ich in dir, wie du in mir, — So lieben wir uns beide. — Dies Bekenntniß Nimm auch von mir mit!" Hingegen läßt, er den Priester folgendermaßen sprechen! „Soll ich's leugnen. Daß oft mir bange ist, wenn ich Euch sehe Schonung und Mitleid üben mit den Frevlern, Mit diesem Volk, das Unterwerfung heuchelt. Das keinen Glauben, keine Religion, Das nichts mehr hat, wovor sein Knie es beugt! Mitleid mit Ketzern — das habt Ihr vergeffen! — Ist ein Beweis, daß Euch die Ketzerei Nicht ganz so haffenswerth, als sie es sollte." Und ein andermal: „Recht gibt's nur eines, — nur bei Rom ist Recht, — Gegeben von Gott selber! — Ihr vergeßt. Was Euer Recht Ihr nennt, das danket Ihr Der Gnade Roms! In ihm ist alle Fülle Bon Macht und Herrscherthum. Rom ist die Sonne, — All' Euer Glanz, und selbst des Kaisers, gleicht Denr Licht des Mondes, ist erborgtes nur! Drum laßt deu Trotz! Der höchste Ruhm des Fürsten Ist, daß er nie vergeff', wie Nichts er ist. Wie Alles, was von Ehr' und Ländern sein. Ihm nur geborgt, und wie sein weltlich Schwert Er nur darf führen als der Knecht der Kirche!" Es sind dies Gedanken, die wir noch heute unzählige ,'Male von der ultramontanen Preffe aussprechen hören, nämlich!daß Alles und Alle, die nicht blind der Kirche anhängen, religionslos, gottlos seien und daß der römische Stuhl die! einzige Duelle des Rechts sei, das ihr von Gott selbst übergeben worden. Auf das treffliche Lied (S. 4!-)) von der Spinne machen wir aufmerksam, und schließen mit den Versen Ravmunds bevor er seine Seele aushaucht: „Darum Muth! Mir schwillt die Seele. — Vor dem Geist steht mir Das Kommende! — Noch ist cs Nacht, doch schon — Im fernen Osten rothct sich der Himmel, — Und heller wird's, — wie Feuergarben schießt's Empor, — und Glocken hör' ich, Morgenglocken; Aus allen Thälern klingen! — Horch! — Schaut hin! Die letzten Nebel fallen, — auf thut sich j Der Himmel, — und wie hohe Götter schreiten — j So tritt hervor im goldncn Purpurmantel i Die Siegerin, die Sonne, — ihren Fuß 1 Gesetze! auf den Kopf der schwarzen Nacht, Die überwunden sich am Boden windet! ■ Das ist die Zeit, nach der wir uns gesehnt, j Das ist die Zukunft, der durch Blut und Tod! Entgegengeht die Menschheit!! (Mit crbcbrntr Etimmc.) | Seid gegrüßt, : i Gegrüßt, ihr Glücklichen! — Euch strahlt und lacht