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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-10-28 · Heft 44 (28.10.1879) · p. Seite 693

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 44 (28.10.1879)
Date
1879-10-28
Page
Seite 693 (sequence 5)
Language
German
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zum betreffenden Entwurf mit großer Mehrheit, wenn nicht mit Einstimmigkeit erfolgen tverde. Es soll also noch weniger gewährt werden. Dies ist aber nicht beunruhigend für uns: denn da weniger als Nichts immer Nichts bedeutet, die Gesetzvorlage aber schon gleich Null war, so kommt der Eompromiß auf Daffelbe hinaus. Im Gegentheil: uns kann es nur erwünscht sein, wenn Ruhe in Rumänien herrscht, weil dann die Juden unmittelbar weniger bedroht sind, und zugleich die Großmächte ganz klar erkennen, das; die Rmnänen des Berliner Vertrages spotten. Bukarest, 18. October. Das Schicksal des Gesetzes über die Juden ist nunmehr entschieden, indem es in der abgeänderten Faffung ohne Debatte mit 183 gegen 9 Stimmen angenommen worden. Die Liste der 1074 ist aufgegeben. Der Grundsatz der Gleichberechtigung der religiösen Bekenntnisse wird als Artikel 7 in die Verfassung ausgenommen. Kein Jude hat aber ein Recht, bevor er nicht naturalisirt worden, und diese Naturalisirung wird nur durch einen Beschluß beider Kammern gewährt. Durch einen solchen Beschluß cn bloc sollen alle diejenigen Juden naturalisirt werden, die während des Krieges bei der Fahne gedient haben. Tie Erwerbung ländlichen Grundbesitzes ist Allen untersagt, die nicht naturalisirt sind. Der Senat wird morgen eine Sitzung abhalten, um die Sache zu erledigen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 14. October. Wir sprechen cs offen aus, daß von den neueren Dramen, so weit wir sie kennen zu lernen Gelegenheit hatten, keines uns mehr ergriffen und bis zum Ende in Spannung erhalten hat, als „Naymund von Veziers. Ein Trauerspiel der Albigenser Zeit in fünf Aufzügen. Von Carl Scholl. München, Merhoff. 1879." Für uns, die wir für dramatische Dichtungen Fachkritiker zu sein, nicht beals treuer Vertvalter der Güter des Grafen Ravmund gezeichnet, ist jedoch nur Nebenfigur. Das Judenthum als solches spielt also in dem Stücke keine Rolle, denn Sarah könnte ebensogut die Tochter einer Christin sein. Was vielmehr der vorliegenden Dichtung ein hohes Jntereffe verleiht, das ist, daß sie den großen, bis in unsre GegeMvart hineinspielenden Kampf des Menschenthums gegen das herrsch- und habsüchtige Priesterthum, der Geistesfreiheit gegen die Geistesknechtung durch die Bande einer, die ausschließliche Herrschaft beanspruchenden, in Dogmen und Cercmonien erstarrten Kirche zeichnet und diesen Kampf an einen: historischen Vorgang und an einer bestimmten Persönlichkeit darstellt, diesen Kampf, den das Mittelalter erzeugte und bis auf unsre Zeit vererbte. Dabei wußte der Dichter diesem Kampfe den örtlichen und zeitlichen Charakter zu nehmen und ihm einen allgemeinen zu geben, indem er zwar die gegen die Albigenser verübten unmenschlichen Greuel schildert, durch diese aber entsetzt den Grafen Ravmund von Veziers sich von dev Sache des päpstlichen Kreuzzuges .lossagen läßt, so daß sich nun die Wuth der Anführer gegen ihn lenkt und ihn nach heldenmüthigem Widerstand besiegt und durch Gist lobtet. Endlich gelingt es auch dem Dichter, was in einem Trauerspiel so schwer, aber auch eine wesentliche Forderung ist, nämlich auch eine versöhnende Schlußperspektive zu eröffnen, indem er durch die Mißhandlung des Grafen und die eclatante Raubsucht jener Anführer, nämlich des bereits gedachten päpstlichen Legaten und des Heerführers Simon von Montfort, die Fürsten und Herren in ihren: Gefolge so erbittern läßt, daß sie abfallen und den Kampf mit den Aussichten eines gewissen Sieges aufnehmen. Der Held des Stückes, Rayinund von Veziers, tvird nicht gerade als eine tief angelegte oder philosophirende Natur gezeichnet, aber mit den liebenswürdigsten Eigenschaften und von einem unbeschränkten Evelinuth, so daß ihm die w'ärmste Theilnahme zugewendet tvird. Im Gegentheil erscheinen die Führer des Kreuzzuges in: dunkelsten Schatten. Montsort tvird durch die niedrigste Habgier geleitet, die ebenso nach den anspruchen, ist dieses spannende Interesse der eigentliche Maßstab für den Werth des Kunsttverkes. Wir bemerken im Voraus, daß diese Theilnahme für das vorliegende Trauerspiel nicht etwa dadurch geweckt tverde, daß neben: den: eigentlichen Helden, den der Titel nennt, die Hauptheldin eine Jüdin ist. Tenn diese kann durchaus nicht als eine Repräsentantin des jüdischen Stammes angesehen tverde::. Sie ist das uneheliche Kind einer Jüdin, die ein junger katholischer Priester verführt und natürlich sie ihrem Elende überlasten hat. So ist sie von vornherein einen: persönlichen, unselige::: Geschick verfallen. Sie liebt einen albigensischen Krieger, nach dessen Fall sie wahnsinnig wird und nachdem sie erfahren, daß ihr Vater der päpstliche Legat Arnold von Eiteaur sei, der an der Spitze des Kreuzzuges gegen die Albigenser steht, tvill sie diesen tödten, tobtet aber schließlich sich selbst. Ihr Oheim Samuel tvird 1 Schätzen wie nach den Ländern und Würden der Besiegten verlangt, und der Legat ist der eiskalte, lediglich die Aus- 1 breilung der päpstlichen Herrschaft erstrebende Priester. Allerdings versucht der Dichter den: letzteren noch ein besonderes psychologisches Motiv zu insinuiren. Er gesteht seiner Tochter, daß er alle! diese Greuel nur aus Rache an den Menschen anzettele, weil! sie ihn gezwungen, Mutter und Kind den: Elend preiszugeben. Es gelingt ihn: aber kaum, diesen Zug recht glaubwürdig zu machen. Ein guter Griff ist es daun, daß diese beiden Gewalten, J die geistliche und die weltliche, sich gerade durch die sie leitende Leidenschaft entztoeien, sich nur durch die Umstände gezwungen vertragen, aber zu erkennen geben, daß diese Eintracht nicht ’ lange andauern tverde. Von einem wirklich religiösen Fanatismus ist keine Spur. Wenn wir etwas zu tadeln haben, so besteht!es darin, das; mehrere Male der Wechsel in der Gesinnung

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