Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1879)
- Date
- 1879-10-28
- Page
- Seite 692 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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692 Da wird denn auch den Verdächtigungen und unwahren Behauptungen, welche die Rumänen gegen die Juden unermüdlich ausstreuen, leichthin Glauben geschenkt. Die zweite Ursache liegt in der unverkennbaren allgemeinen Verstimmung gegen die Juden überhaupt. Die unglückliche Krise, die nach dem Gründerschtvindel eingetreten, wurde von den Ultramontanen, den Reactionären und den Radicalen benutzt, um die Juden als Urheber aller Uebel zu brandmarken und sie aus jede mögliche Weise zum Gegenstände der öffentlichen Verachtung zu machen. Bei den Vorurtheilen der Menge, dem Mangel an Einsicht und der Schmähsucht derselben fanden jene Judenfresser einen günstigen Boden. Diese Verstimmung lähmt die Theilnahme an dem traurigen Geschick der Juden in Rumänien und läßt Viele die Gegengründe als gewichtig ansehen. Endlich kann, man nicht verhehlen, das; die Gleichgültigkeit und Lauheit der europäischen Juden selbst den Gegnern den Raum allzu frei gelassen. Nachdem die bekannten Vereine die Vertheidigung ihrer Glaubensgenossen übernommen haben, wurde es den Einzelnen unmöglich, in den Gang allgemeiner, die Juden betreffender Fragen einzugreifen und dafür aufzutreten. Um so mehr hätten jene Vereine die Verpflichtung gehabt, mit aller Kraft und unermüdlich und mit allen Mitteln den Insinuationen der Gegner entgegcnzutreten, die öffentliche Meinung gründlich zu belehren und so das Interesse wach zu erhalten. Es ist dies so gut wie gar nicht geschehen. Seit acht Tagen verhandelt das rumänische Abgeordnetenhaus über die ministerielle Gesetzesvorlaae. Unsre gegenwärtigen, wie unsre zukünftigen Leser werden mit uns Berichte über diese Disputationen für überflüssig halten. Die viel- und großsprecherischen Rumänen füllen eine Sitzung nach der andern mit langen Reden für und wider den Gesetzentwurf, ohne das geringste Neue vorzubringen. Dabei sind ja beide Parteien darin einig, den Juden so gut wie nichts zu gewähren, die Opposition will dies nur geradezu aussprechen, die Regierungspartei Europa durch den Entwurf hinter's Licht führen. Die Offenheit der Opposition geht auch nicht aus sittlichen Motiven hervor, sondern sie will durch die Verwerfung des Entwurfs das Ministerium stürzen. Wir geben daher nur folgende Depeschen wieder. Bukarest, 13. October. In der Kammer vertheidigle Minister Boerescu den Negierungsentwurf in Betreff der Revision der Verfassung. Indem er die Debatte auf das wahre Terrain leitet, weist er nach, daß das Cabinet seinem Programme getreu blieb, da es eine Lösung vorlegte,; welche nicht, wie die Opposition behauptet, eine allgemeine Emancipation, sondern, der Anschauung des Landes entsprechend, das individuelle Jndigenat gewährt. Der Minister sagt sodann: Nach der Unterzeichnung des Berliner Vertrags wurde die Nation eonsultirt, und die Kammern nahmen den Berliner Vertrag an, insoweit derselbe Rumänien betrifft, billigten somit auch die Abänderung des Artikels 7 der Verfassung. Das einzige Hinderniß eines Einvernehmens besteht nun über die Art der Ausführung; doch jede Negierung, und sei sie welche sie wolle, wird sich den Forderungen Europas fügen müssen, da der Berliner Vertrag ein internationaler Vertrag ist. Nachdem nun gelegentlich seiner diplomatischen Reise die Staatsmänner, mit denen er sprach, bestätigten, daß Europa fordere, daß die Rumänen die Principien des Artikels 4 t anerkennen und den Anfang mit deren Ausführung machen, so entspricht die Regierung diesen Forderungen. Der Minister widerlegt sodann die von der Opposition bei jedem Artikel des Negierungsentwurfs gemachten Einwendungen. Was die L i st e n betreffe, so seien die Anzahl und die Namen dck auf denselben verzeichneten Israeliten nicht unabänderlich und können von der Kammer modificirt werden; aber die Listen sind nothwendig, inn durch den Anfang der Ausführung Europa die Ausrichtigkeit der Rumänen zu beweisen, sich dem Principe des Artikels 44 zu unterwerfen. Angesichts der Gefahr müssen wir diese Concession machen. Bukarest, 15. October. In der gestrigen Litzung der Deputirtenkammer verlangte Blaremberg, obgleich noch eine größere Anzahl von Rednern vorgemerkt war, die namentliche Abstimmung über die Regierungsvorlage, betreffend die Verfassungsrevision, und theilte mit, daß voraussichtlich eine geheime Abstimmung beschlossen werden würde, in welcher die Regierungsvorlage abgelehnt werde. Hierauf gelangte eine von allen Führern der Opposition Unterzeichnete, in das Protocoll aufzunehmende bezügliche Erklärung zur Verlesung. Blaremberg hielt sodann eine weitere Rede, in welcher er sich über jeden von dem Auslande ausgeübten Druck mißbilligend aussprach und der Regierung anheim gab, die Kammer aufzulösen.. — Das Blatt Romanul meldet, in einer gestern Abend abgehaltenen Privatversammlung habe der Minister- Präsident Vratianu die Erklärung abgegeben, daß die Regicrung nur im äußersten Falle die Kammern auflösen tvürde. So lange er aber von der Mehrheit Unterstützung finde, werde er die Negierungsgewalt unerschütterlich handhaben, bis die Judenfrage eine die Forderungen der Mächte befriedigende Lösung gesunden habe. Nähere Mitteilungen sind um so weniger nothwendig, als wir plötzlich mit folgender Depesche überrascht werden: Bukarest, 17. October. In der heutigen Sitzung der Deputirtenkammer erklärte Rosetti, das Delegirtencomitö werde morgen einen neuen Entlvurf zur Lösung der Judenfrage vorlegcn. Was dies zu bedeuten habe, zeigt uns die „Wiener Polit. Corr." aus Bukarest vom 18r d. an: „Zivischen dem Ministerium und der Opposition ist ein Compromiß in der i Judenfrage im Werke und man hofft, daß die Zustimmung