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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-10-28 · Heft 44 (28.10.1879) · p. Seite 691

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 44 (28.10.1879)
Date
1879-10-28
Page
Seite 691 (sequence 3)
Language
German
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691 was Christen gesagt haben und sagen. Sollte sich nun unter diesen Gegnern der christlichen Kirche irgend einmal ein vorlauter Jude sinden, was kann die gesammte Judenheit hierfür? Wie ist diese dafür verantwortlich zu machen? Wo eine ernste und wisienschaftliche Discussion stattsindct, wird natürlich der Jude sich ein Urtheil über das Christenthum erlauben, wie dem Christen ein Urtheil über das Judenthum zusteht. Wie weit hüben oder drüben richtig geurtheilt werde, das kommt auf die Beweisführung an. Aber Niemand wird eine solche Verhandlung, sobald sie in ernster und wissenschaftlicher Weise vor sich geht, als gehässige Leidenschaft anklagen dürfen. — — Da bleibt uns nichts weiter übrig, als daß die eigentliche Ursache aller dieser feindlichen Angriffe und unbegründeten Beschuldigungen der Neid, der fanatische Neid ist, der dem Juden nicht gönnt, ein Stückchen Brod zu haben, denn was dieser hat, könnte ein Christ haben. Nun ist dieser Neid zwar auch unter den Christen gegenseitig vorhanden; aber da richtet er sich persönlich von Einem gegen den Anderen, hier aber und . von vorn herein gegen die ganze Claffe. Daß der Neid eine Leidenschaft werden und zum stärksten Hasse sich versteigen könne, wird kein Erfahrener leugnen. Der Neid ist die Flamme des Judenhasses, welcher nun die Reste des religiösen Fanatismus und des überlieferten, anerzogenen Vorurtheils weitere Nahrung bringen. Was ist nun hiergegen zu thun? Nichts, als das öffentliche Gewissen anzurufen, ein Jeder, wo und wie er vermag. Es ist doch immöglich, das; in einer großen, hochstehenden und durchbildeten Nation eine so krasse und niedrige Leidenschaft eine längere Zeit ihr Spiel treiben könne. Es ist unmöglich, daß, sobald nur etwas Besonnenheit zurückkehrt, diese Nation nicht zu dem Bewußtsein kommen sollte, wie viel Unrecht hier geschehe, wie viel falsches Spiel hier getrieben, wie viel Schaden angerichtet werde. Hierauf vertrauen wir. Die klar erkannten Grundsätze, aus denen der moderne Staat sich aufbaut, deren Verwirklichung zu erkämpfen so viele Anstrengungen gekostet, sic können dem Geiste der Nation nicht schon wieder so entschwunden sein, das; sie ihren eigenen ganzen Bau ourchwühle und gefährde, blos weil einige Sippen nach antinationalen Zielen strebender Verschworener den Augen der Maffe eine Binde umzutverfen suchen. Dann aber strebe jeder Jude, so viel wie möglich an sich zu bcffern und zu veredeln, und hüte sich um so mehr vor jedem Fehltritt, weil er dadurch nicht allein sich selbst mit Schuld beladet, sondern auch Gelegenheit bietet, seine ganze Glaubensgenossenschaft verlästern zu lassen. Im Uebrigen trösten wir uns mit dein alten Spruche: „In jedem Zeitalter stehen Welche auf, die uns vernichten wollen, aber die Hülfe Gottes ist mit uns, und sie schwinden dahin." Der Kampf in Nnmänien. xv. i Um des zukünftigen Verständniffes willen sei hier hervorgehoben, daß die europäische Preffe in dem jetzt in'Rumänien geführten Kampfe um das Princip der Rechtsgleichheit, dieses Fundament des modernen Staates, eine sehr gleichgültige Rolle spielt. Nachdem die Signatarinächte des Berliner Vertrags selbst durch den Artikel 44 diese Frage in ihrer ganzen Schärfe hervorgerufen und sie im edelsten Sinne gelöst hatten, ihre Verwirklichung auch, mit Ausnahme Oesterreichs und Rußlands, nachdrücklich verlangen, konnte man voraussetzen, daß die europäische Presse, die sich doch sonst gern als eine Großmacht proclamirt, diesen Bestrebungen zu Hülfe kommen würde. Allein dies ist nicht der Fall, und sie. ließ sich nicht einmal herbei, eine ernste Kritik der Gesetzesvorlage der rumänischen Regierung anzustellen. Wir haben jüngst eines Artikels des -lounuil des I)(*b;its erwähnt, der ohne alle Sachkenntnis; sich für die Kategorien Bratiano's, die doch nichts als Schein und Trug sind, erklärte. Nicht minder zeigt sich die „N. fr. Pr." durchaus schwach und lau. Sie, die früher muthig und kräftig für die Principien der Freiheit unb Rechtsgleichheit überall eintrat, hat sich jetzt zur Bewunderin des „edlen und ausgezeichneten" Vratiano gemacht, des Mannes, der noch 1S4.S die völlige Emancipation der Juden forderte und darum kämpfte, aber, sobald er den Weg zur Macht sich eröffnet sah, zugleich erkannte, daß er diese nur durch Weckung der Volksleidenschaft erreichen könne, die Hetzerei gegen die Juden in's Leben rief, sie mit seiner: Genossen im Volke weckte und pflegte und jetzt mit aller Kraft die Gleichstellung der Juden hintertreibt. In einem jüngsten Leitartikel, überschrieben „1074" zeigt sich die „N. fr. Pr." so wenig ihrer früheren Principien eingedenk, das; sie die Gleichstellung aller Juden für unstatthaft erklärt — während doch 250,(00 Zigeuner, .*100,01:0 Bulgaren, zahlreiche Griechen und Armenier ohne Weiteres emancipirt wurden, ohne von ihnen zu fordern, daß sie rumänische Werke geschrieben, ja nicht einmal, daß sie lesen ui:d schreiben können, was von den beiden elfteren Nationalitäten wohl kaum Einer auf Tausend leisten könnte. Die „N. fr. Pr." findet nur die Zahl 1074 zu gering, mit einer Verdoppelung oder Verdreifachung dieser Zahl würde sie sich zufrieden geben. -- Man wird einst fragen, woher diese Gleichgültigkeit? Hatten doch früher die Angstruse der verfolgten rumänischen Juden das .lauteste Echo in derselben europäischen Presse gefunden. Der Ursachen sind besonders drei. Zuerst die außerordentliche Unkenntnis; und Leichtfertigkeit der -gegenwärtigen Presse. Sie nimmt.sich nicht die Mühe, die Angelegenheiten gründlich zu studiren, und die Wahrheit, besonders die Richtigkeit der Daten und Faeten zu ergründen, um sich für sie zu begeistern und sie zu vertheidigen. 44*

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