Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1879)
- Date
- 1879-10-28
- Page
- Seite 690 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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690 Pöbel, von dem neun Zehntel die Kirche niemals betritt, und ein großer Theil Taufe und kirchliche Trauung verschmäht, jauchzt dem stockorthodorcn Prediger stürmischen Beifall zu, wenn er Gift und Galle über die Juden ergießt!" Wir cntgegncten diesem: Was hat mein Patriotismus mit den Gesinnungen meines Nachbars rechts oder links zu schaffen? Was hat meine Vaterlandsliebe mit, sei es selbst dem ganzen Volke zu thun? Vaterlandsliebe ist von keiner Behandlung, von keinem Benehmen abhängig. Das Vaterland gehört mir so gut, wie jedem Anderen. Auf deutscher Erde stand meine Wiege, in deutschem Boden ruhen meine Eltern, die deutsche Sprache ist meine Muttersprache, die deutsche Bildung meine Bildung und der deutsche Genius ist es, der meinen Geist genährt von seinem ersten Erwachen an. Dieses Vaterland hat mir kein Fürst, kein Gesetz, kein Volk gegeben, sondern — allein die Vorsehung. Und darum giebt es keine menschliche Macht, giebt es keine menschlichen Vorgänge, die mir diese göttliche Gabe nehmen, die mir die Liebe zu meinem deutschen Datcrlande vermindern können, sie ist bedingungslos, wie jede wahrhafte, aufrichtige Liebe! — Aber allerdings die Wirklichkeit ist so rauh, wie der Franzose sie in obigen Worten zeichnet. Was will man nicht Alles dem Juden rauben: Vaterland, jedes politische Recht, jede bürgerliche Existenz, jedes Vcsitzthum, jeden Erwerbszweig. Dies sprechen die Presse und die Reden der äußersten Gegner genügend aus, und die gemäßigten — widersprechen dem nicht. Natürlich werden ihre Anstrengungen so weit gehende Erfolge nicht erringen. Glücklicher Weise ist die Existenz jedes Staates an die Beobachtung der Gesetze, an die Aufrechterhaltung der Ordnung, an die Sicherung aller Staatsangehörigen gebunden. Darf er die Anarchie, darf er die Emeute, darf er ein Pöbelregiment dulden? Aber alles . Dies wäre da, wenn er jenen Schreiern und Hetzern auch nur einen Fuß breit nachgäbe. Unsre Zeit ist nicht eine solche, wo der Staat seine Wachsamkeit aufgeben dürfte, wo er nur ein Auge zudrücken könnte bei dem kleinsten Versuche, die Autorität des Gesetzes zu verletzen. Sonst würde ihm bald Alles über den Kopf wachsen. Man fragt nach der Ursache. Tragen die Juden die Schuld davon? Wessen zeihet man sie? Sie sind Fremde. Lächerlich. Wir haben eben so viel Recht an der deutschen Erde wie die Abkömmlinge der germanischen Einwanderer. Haben wir noch einige Stammesart, giebt cs nicht Wenden, Slaven und Dänen in Deutschland? Haben die Ostpreußen und die Alemannen, die Pommern und die Schwaben, die Ostfriesen und die Sachsen nicht verschiedene Stammesart? . . Man sagt, die Juden wären im Besitz des Eapitals. Unwahr; denn wenn selbst in den Händen der Juden nach ihrem Zahlenverhältniß mehr Capital als in den Händen der Christen wäre, so ist doch das Verhältniß der jüdischen zur. christlichen Bevölkerung ein so verschwindendes, l,z gegen 98,^, daß das jüdische Capital immer nur ein sehr geringer Bruchtheil gegen das christliche bleibt. Und nun dagegen der ungeheure Grundbesitz, von welchem die Juden mit Ausnahme einiger Häuser in den Städten, so gut wie gar nichts besitzen. Und ist denn das Capital in Deutschland so besonders groß? Ist es nicht in England und Frankreich ungleich größer, und die beiden Nationen befinden sich bester dabei, als die deutsche? Tort sagt man: Je mehr Capital, desto mehr Arbeit und je mehr Arbeit, desto mehr Capital. In Deutschland haben doctrinäre Lehrmeister und socialistische Wühler die Köpfe so verdreht gemacht, daß man das Capital fast für eine Sünde und die Capitalisten für Verbrecher ansieht. . . Man geht weiter und beschuldigt die Juden des Wuchers. Aber man kann nichts weiter beweisen, als daß es unter den Juden ebenso Wucherer giebt wie unter den Christen. Gebt Wuchergesetze so viele und so gute Ihr könnt; auch wir wünschen den besten Erfolg. Das Judenthum und die Juden verdanunen den Wucher und den Wucherer gerade wie Ihr. Welches Recht hat man aber überhaupt, die Fehler einzelner Juden immer wieder auf die Gesammtheit zu übertragen? Daß die Criminalstatistik beweist, wie viel weniger Juden auf die Anklagebank kommen und bestraft werden, z. B. als Cassendefraudantcn; daß selbst die Generalshnode auf Mittel sinnt, der wachsenden Trunksucht zu steuern, während unter den Juden ein Trunkenbold eine Seltenheit ist; daß die steigende Raufsucht in Stadt und Land immer verheerender wirkt, während unter den Messerhelden Juden nicht gefunden werden; daß die Lebensmittelverfälschung eine wahre Gefahr wird, während unter den Lcbensmittelverfälschern kaum ein Jude gefunden wird — dies Alles verschweigt man, und rechnet es der Judenheit nicht zum Guten an. Dies ist überhaupt die Methode unsrer Feinde, daß sie das Vergehen oder die Schwäche einzelner Juden an das Licht zerren, sie zum typischen Charakter stempeln, um die ganze Gattung verächtlich zu machen, so daß dann aus der Gattung heraus jeder einzelne Jude mißliebig, wenn nicht verhaßt sei. Nichts ist aber teuflischer als diese Methode. . . So behauptet man auch, weil es einige jüdische Nedacteure und Correspondenten giebt, die gesammte Presse werde von ihnen beherrscht. Man sehe sich doch jetzt die Presse an. Drei Viertel derselben fließt von Judenhaß über, und das andere Viertel — schweigt, oder bringt dann und wann eine Pikanterie zu Tage. Diese Thatsache lehrt wohl genügend, daß die Presse von den Juden nicht einmal beeinflußt, viel weniger beherrscht wird. . . Endlich schäumen gewisse Organe vor Wuth über, daß die Juden das Christenthum schmähen und die christliche Kirche angreifen. Gerade hierdurch denken sie den Fanatismus des Volkes aufzustacheln. Aber auch dieses ist unwahr. Niemand schmäht das Christenthum und greift die Kirche an, wenn nicht Christen selbst, und es läßt sich auf diesem Felde nichts mehr sagen, als