Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1879)
- Date
- 1879-10-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Ein nnpnrtciischcs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 diS 2'/* Bogen. Preis Bicrteljährig 3 Mark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Perirzeite oder deren Raum berechnet. Alle Postämler und Buchhandlungen nehmen Beslettungen an. Hera us gegeben von Rabbiner 1)r. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgiirtntr's Buchhandlnilg in Leipzig. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. In redaktionellen Angelegenheiten irende man sich an l»r. €. Philippson in Bonn: hinsichtlich der Inserate -in A. Messe in Vcivriaund dessen Iilialeu . in Berlin. Breslau :c. i Zuserate, icel^e biSvonnerstageingehen. finden in der daraussolgcuden Nummer i Berücksichtigung. 43. Jahrgang. Leipzig, den 28. October 1879. Jf° 44. Inhalt. Leitende Artikel: Das judenfeindliche Treiben in der Gegenwart. — Der Kampf in Numänien. XV. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Breslau, Permaf'ens, Minden, Darmstadt. — Bulgarien: Wien. — Serbien: Belgrad. — Feuilleton: Antipessimistische Tenksprüche (Forts.). Bonn, 22. October. Das judenfeindliche Treiben in der Gegenwart. Ein Correspondent aus London schreibt uns: „Welche Zustände jetzt im deutschen Reiche! So viel Haß, so viel Schlechtigkeit und Dummheit, so viel Borurtheile, die man längst beseitigt glaubte! Die sel. Gerlach und Stahl hätten dies wieder erleben sollen, dies Hepp-Hepp-Geschrei, diese specifisch-confessronellen Schulen, diese Proclamirung des „christlichen Staates", den doch das Christenthum selbst nicht haben will, das Christenthum, dessen „Reich nicht von dieser Welt", das die Rechtssphäre nicht anerkennt, sondern nur das Motiv der Liebe.' Und dabei politisch der regste Wetteifer unter den Parteien, welche am billigsten das bischen Freiheit und Parlamentarismus verhandeln will. Sind dies die Früchte des deutschen Reiches, oder glaubt man auf diese Weise dasselbe zu stützen, für Jahrhunderte zu begründen? Man beleidigt nicht ungestraft die besseren und edleren Gefühle des Menschen, man bekämpft nicht ungestraft die siegreichen Gedanken und Tendenzen der Zeit! Roch hat die Geschichte immer gelehrt, daß der Mangel an aufrichtigen Sympathien, daß die bloße Furcht vor der materiellen Macht kein Mittel ist, einen welthistorischen Staat zu erhalten." — Es ist dies eine Aeußcrung aus dem nicht unmittelbar intercssirten Auslande: Aber ist nicht jeder Vorurtheilslose entrüstet, ja entsetzt, über die, Gemeinheit und Niedertracht, die sich gegenwärtig in Deutschland über die Juden ergießt! In Deutschland — denn wir begegnen wohl auch in reactionären und radicalen Blättern Frankreichs, Englands, Amerikas von Zeit zu Zeit judengehässigen Auslassungen — tvie weit sind aber diese von dem systematischen Hetzen entfernt, das jetzt von allen Seiten in Deutschland auf die Juden losgelasien ist, welches ununterbrochen, unermüdlich, kein Mittel scheuend, jedes sittlichen Gefühles baar, in Schrift und Wort auf seine Schlachtopfer losstürmt, und ganz schamlos und offen schon den Scheiterhaufen Zusammenträgt, auf dem man dieselben zu verbrennen gedenkt. Und wie begegnet man diesen Faiseurs? Die allgemeine Meinung schweigt; sie scheint Wohlgefallen daran zu haben; sie begünstigt sie offenbar. Nichts bezeugt mehr als dieses Benehmen: wie tief das Gefühl für Gerechtigkeit und Wahrheit gesunken, wie sehr die Grundsätze des Rechts und der Humanität in den Geistern sich abgeschwächt haben. Armes Deutschland! Von der einen Seite der brutalste Socialismus, von der anderen Seite der blödeste Ultramontanismus, von der dritten die protestantische Stockorthodoxie, und dazu die fanatischen Schutzzöllner, die erbitterten Agrarier — und alle diese haben mächtige Theile des Volkes hinter sich. Aus Paris schreibt uns ein Correspondent: „Wie ist es möglich, daß die deutschen Juden bei der Behandlung, die sie gegenwärtig wieder einmal erfahren, noch Patriotismus hegen, noch deutsch-patriotisch gesinnt sein können? Kann der Wurm den Fuß" lieben, der ihn tritt? Den Juden tritt aber jetzt Alles in Deutschland. Der materialistische Berliner