Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1879)
- Date
- 1879-10-21
- Page
- Seite 679 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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679 — Man kann es nicht verkennen, daß die Wühlereien gegen die Juden, wie sie jüngst hier stattgefunden haben, zu den Wahlmanövern der Reaktionären und Ultramontanen gehört haben, so daß wir der Hoffnung leben können, mit dem Ende der Wahlschlacht auch diesen Feldzug beendet zu sehen. So fand auch am 29. Sept., also ein Tag vor den Urwahlen, eine Versammlung des „Berliner Arbeitervereins" statt, in welcher die Marr'sche Broschüre besprochen werden sollte. Der Vorsitzende ermahnte bei dem Beginn zu einem versöhnlichen Tone. Wenn es später dennoch zu einer etwas lebhaften Discussion kam, so war der Vortrag selbst nicht schuld, denn er suchte eine objective Beurtheilung zu geben und trat schließlich auf die Seite der Juden. Nur zwei Redner vertraten den „christlich-germanischen Standpunkt", wurden aber von 14 Rednern bestritten, unter welchen sowohl christliche als jüdische Redner waren. Auch diese.Disputation zeigte, daß der Erfolg immer derselbe ist. Jeder bleibt bei seiner Meinung. Die große Mehrheit der Versammlung stimmte aber denen bei, welche den auf die Juden gehäuften Verleumdungen entschieden widersprachen. Wir können hierbei abermals constatiren, daß die hiesigen Juden sich ihren Feinden tapfer gegenübcrstellen und sich ihrer Haut in wackerster Weise wehren. Berlin, 11. October. (Privatmitth.) Von den beiden hiesigen Lehranstalten für Rabbiner ist es das „Rabbiner- Seminar für das orthodoxe Judenthum", welches regelmäßig einen Jahresbericht veröffentlicht. Der für 5039 (1878/79) wurde soeben ausgegeben. Er enthält eine Abhandlung von Iw. A. Berliner: „Beiträge zur hebräischen Grammatik im Talmud und Midrasch." Besucht wurde die Anstalt von 22 Schülern, von denen 0 aus Deutschland. Entlassen wurde keiner. Die Einnahmen betrugen 39,803 M., die Ausgaben 26,838 M. Das Vermögen bestand in 134,634 M., einschließlich von 99,000 M., die auf das Haus eingezahlt sind, wohingegen 126,000 M. noch auf dem Hause schuldig sind. Im Ganzen also stehen die Finanzen der Anstalt gut, sofern die Beiträge auch fernerhin in so günstigem Maße fließen. Berlin, 6. October. Die Alterversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde in Berlin feierte am Sonntag Vormittag in dem Anstaltsgebäude in der Großen Hamburgerstraße das Jubiläum ihres 50jährigen Bestehens. Ein im Garten der Anstalt aufgeschlagenes, festlich geschmücktes großes Zelt nahm die zahlreich erschienenen Gäste aus, unter welchen Vertreter des Magistrats und der Stadtverordneten- Versammlung, die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde, der Vorstand und zahlreiche Wohlthäter der Anstalt und die Hospitaliten derselben sich befanden. Den festlichen Akt cröffncte der Synagogen-Chor mit dem Gesänge des 37. Psalms: „Jung war ich und bin auch alt geworden", worauf Justizrath Makow er Namens des Vorstandes die Gäste und und namentlich auch die Vertreter der Stadt aufs Herzlichste begrüßte. Möge man draußen, so führte derselbe aus, glauben, ein gottgefälliges Werk zu thun, wenn man Mißgunst und Neid zwischen Bürgern derselben Stadt säet, das Erscheinen der -städtischen Vertreter sei ein Pfad dafür, daß die städtischen Behörden alle humanen Bestrebungen kräftigst unterstützen und diese schönen Traditionen auch in Zukunft sorgsam wahren werde». Die Kommune Berlin habe vor 50 Jahren mitgewirkt bei dem Entstehen der Anstalt und sie begrüße jetzt nach 50 Jahren das Wachsthum derselben. Redner warf dann einen Blick auf die Entwickelung der Anstalt, die vor 50 Jahren mit geringen Mitteln begonnen, jetzt für fast 100 Insassen ein Heim gewähre und zeigte, wie dieselbe vermöge ihrer ganzen Organisation, ihrer Erfolge und ihres Wachsthums ein Recht auf ferneren Bestand habe. — Rabbiner Dr. Frankl schloß an diese Worte eine Betrachtung über die Macht der religiösen Idee, welche der Alterversorgungsanstalt zu Grunde liege und dieselbe stets jung erhalten werde und mit dem Gesänge des 4. Psalms schloß die Feier. — Ihre Majestät die Kaiserin beehrte die Alterversorgungs-Anstalt der jüdischen Gemeinde an ihrem Jubiläumstage mit nachstehendem a l l e r h ö ch st c n S ch r e i b e n: „Ich freue Mich, zu dem fünfzigjährigen Bestehen einer Anstalt Glück wünschen zu können, deren Werth Ich durch persönliche Kenntnis; schätze und die benifen ist, auch in ferneren Zeiten -segensreich für die Mitbürger Berlin zu wirken. Ich übersende der Anstalt beifolgend das Bild des Kaisers. Badcn-!Baden, den 3. October 1879. Augusta." Berlitt, 12. October. (Privatmitth.) Die Wahlen vom j 7. October für das preußische Abgeordnetenhaus habenden Beweis geführt, daß ein großer Theil des preußischen Volkes, besonders auch aus der zweiten und ersten Ilrwählerclasse den; Liberalismus den Rücken gewandt hat! Denn die Eonservativen sind in dreifacher Stärke, die Freiconservativen fast ver- - doppelt in das Haus gewählt worden, die National-Liberalen hingegen haben mehr als ein Drittel, die Fortschrittspartei 'die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Die Erklärung dieser ^Thatsache ist unschwer: das Volk ist unzufrieden mit seiner! materiellen Lage und hat sich durch die außerordentlich starken! Agitationen der reactionären Parteien, sotvie durch die Autojrität des leitenden Staatsmannes zu der Meinung bringen! lassen, daß die liberale Gesetzgebung an dieser Lage Schuld I sei; die Schützzöllner haben das Ihrige bcigetragen, weil unter ( ihrem Schutze „die nationale Arbeit" einen neuen Aufschwung -nehmen soll. Das neue Haus bietet nun das eigenthümliche! Schauspiel, daß keine Partei für sich die Mehrheit bildet, j denn die beiden größten Parteien, die Eonservativen zählen 113,!die Nationalliberalen 112 — sondern daß cs auf die Verbindung zweier oder mehrerer Parteien ankommt, um eine - Mehrheit darzustellen. Die Eonservativen mit den Freiconser- ^dativen haben nur 167 Stimmen, die Nationalliberalen mit .den Fortschrittlern nur 150 Stimmen. Verbinden sich die