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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-10-21 · Heft 43 (21.10.1879) · p. Seite 674

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 43 (21.10.1879)
Date
1879-10-21
Page
Seite 674 (sequence 2)
Language
German
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674 zum Fundament des ethischen Wesens im Menschen inachte, die Liebe aber den objektivsten Begriff subjectivirt. Als sich in neuerer Zeit, besonders in Frankreich und Deutschland, bei vielen Denkern der Racenschematismus geltend inachte — jüngst noch bei Eduard v. Hartmann — da vertheilte man die Nöllen derinaßen, daß man den Pantheismus als zur Natur der Arier, den Monotheismus als zur Natur der Semiten gehörig und das Christenthum als ein Amalgam beider annahm. Diese Hypothese, die sich weithin einschmeichelte, konnte aber weder vor der Geschichte, noch vor der Wissenschaft bestehen Nicht vor der Geschichte; denn erst sechs Jahrhunderte nach der gew. Zeitr. nahmen einige semitische Völkerschaften den Monotheismus an, während alle alten Semiten, mit Ausnahme der Hebräer, dem pantheistischen Polytheismus huldigten, wie denn jede Entzifferung der Keilschriften mehr diesen Charakter der religiösen Anschauung jener Völker bezeugt, und gerade von den Phöniziern und Syrern das Heidenthum in Israel immer wieder eindrana ui^d mit dem Monotheismus um die Herrschaft stritt. Andererseits hat der monotheistische Grundzug durch Christenthum und Islam zahllose arische Völkerschaften und darüber hinaus andere Racen bis in das Innere von China und Afrika und in den neuentdeckten Welttheilen übertvundcn. Tie "Neigung zum Pantheismus ist nur gewissen Richtungen der Philosophie und der wissenschaftlichen Bildung geblieben. Wäre es jenem Schema zulvidcr, wenn die alten Aegypter zur Grundlage ihrer religiösen Anschauung und später in den Priestermysterien die monotheistische Idee gehabt hätten, wie es einige Forscher, jedoch im Widerspruch mit anderen, wollen: so war doch jedenfalls die Volksanschauung auch bei ihnen pantheistischer Polytheismus geworden. So widerspricht die Geschichte jenem Racenschcma vollständig; aber ebenso wenig konnte er vor der Wissenschaft bestehen. Denn diese vermag keinen Zusammenhang zwischen dem Gotthcitsbegriff und einer Raeeneigenthümlichkeit nachzuweisen. Was aber die Wissenschaft nicht nachweifen kann, kann sie auch nur als ein saetisches Experiment oder als eine historische Thatsache gelten laffen, und eine solche ist eben nicht vorhanden, sondern das Gegentheil historisch begründet. Dagegen läßt es sich nicht verkennen, daß, wenn ein bestimmter Kreis von Begriffen, eine bestimmte Art von Begriffen in einem Volksstannn Jahrhunderte lang herrschend gewesen, wenn sein geistiges und materielles Leben darauf begründet war und darin aufging, jene Begrisfsart wie zur eigentlichen Natur dieses Volksstammes wird. Es handelt sich also hier nicht um eine genetische Anlage, sondern um eine . geschichtlich erworbene, anerzogene und inhärent gewordene Geistesrichtung, von der sich der Stamm,' der sie seinen Geschlechtern ununterbrochen überliefert, nicht losmachen kann, die er vielmehr unter allen geschichtlichen Um- und Zuständen, 1 unter allen auf ihn einbrechenden Geschicken und Veränderungen betvahrt und aufrecht erhält. So ist es dem israelitischen; Stamm mit dem strengen und reinen Monotheismus ergangen, i Erstanden in ihm, unter Kämpfen in ihm eingewurzelt, unter * beständigem Ringen mit dem Gegensatz in ihm entwickelt und groß gezogen, endlich über ihn zu dauernder unbedingter Herrschaft gelangt, hat sich ihm der Monotheismus in naturgesetzlicher Weise so eingesenkt, daß ihm außerhalb desselben nichts als begreifbar, als dem Denken und Fühlen, der Ver- J nunft und dem Herzen entsprechend erscheint. Deshalb kann noch heute ein Jude den Abfall von seiner Religion zu einer andern nicht als aus Uebcrzcugung geschehen begreifen. Ist ( also dem jüdischen Stamme der Monotheismus so sehr zur ganzen Natur, zum eigensten Wesen geworden, wie sollte er ’ trotz aller Culturveränderungen jemals ihn aufgeben, oder vielmehr ihn verlieren, ihn mit einer anderen religiösen oder Weltanschauung vertauschend! Er hat über drei Jahrtausende im und vom Monotheismus gelebt, er lebt im vollen ' Sinne des Wortes noch gegenwärtig so sehr im und vom! Monotheismus, daß wahrlich hierin die kommenden Jahr-; Hunderte keine Umwandlungen sehen werden, i Aber wir fragen weiter: ist denn der Monotheismus, ist das Bekenntniß des einig-einzigen Gottes, des Weltgeistcs und j Weltschöpfers, eine Idee, eine Anschauungsweise, die überhaupt untcrgehen, sich abschwächen und verlieren könnte? Sehen 'umzunächst wieder aus die Geschichte, so lehrt sie uns, daß j dies c Weltanschauung , nicht als bloßes philosophisches Pro- ^duct einzelner Denker, sondern als Anschauung der Menschenmassen in einer steten Entwicklung und Verbreitung sich allmälig! die Menschenwelt erobert und, wie sie langsam aber sicher sich j einwurzelt, das gewonnene Terrain niemals wieder verliert. An der Grenze der arabischen Wüste wurde zum ersten Male einem Volke zugerufen: „Höre, Israel, der Ewige dein Gott ist einig-einzig!" Dieser Wahrspruch erfaßte dieses Volk, erfüllte es nach langen Kämpfen, bis cs ihm ganz gehörte. Dann wurde er hinausgetragen in die abend- und morgenländische Welt. Wollte er diese überwinden, und er vermochte dies bei der völligen Erschöpfung des antiken pantheistischen Polytheismus und des antiken philosophischen Pantheismus, so mußte er dennoch der Geistesrichtung der Völker sich zuueigen, die Elemente derselben in sich aufnehmen, und erlitt .dadurch Modisicationen, welche die beiden Töchterreligionen!dem reinen Monotheisinus entfremdeten. Immer aber blieb , von letzterem, von der monotheistischen Weltanschauung in; Christenthum und Islam genug übrig, um beide als gewaltige Siege, wenigstens des Theismus über das Heidenthum und -den Pantheismus ansehen zu müffen. Kam es doch auf den i Zustand und den weiteren Bildungsgang der einzelnen Völker j an, wie viel des heidnischen Wahn- und Aberglaubens sie j beibehielten, und bieten noch heute Christenthum nnd Islam

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