Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1879)
- Date
- 1879-10-14
- Page
- Seite 665 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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665 liche Neaction. Er fährt fort: Das liberale Vürgerthum umfasse die gcsammte große Maffe des arbeitenden und erwerbenden Volkes mit alleiniger Ausnahmederjenigen Leute, welche den Staat für sich haben wollen, mögen sie nun Agrarier, Zünftler oder Socialdemocraten heißen. (Bravo!) Tics liberale Bürgerthum habe den Beruf, die Neaction nicderzutreten, auf ihm beruhe die Hoffnung des Vaterlandes. Nach dem Briefe des vr. Falk könne kein liberaler Mann mehr zweifeln, das; nach Canossa gegangen werden wird, falls die anderen Ziele nicht anders zu erreichen sind. (Beifall.) Die Neaction müsse eintretcn, wenn cs nicht gelinge, liberale Männer zu wählen, die festhalten an der obligatorischen Civilehe, dem Cchulaufsichtsgesetz, der Gewcrbefreihcit rc. Die „Nordd. Allgem. Ztg." habe ihm aus seiner neulichcn Rede den Vorwurf gemacht, daß er in tactloser Weise sich in evangelische Glaubenssachen gemischt habe. Seine damaligen Vorwürfe richteten sich aber nur gegen die Leute, die Haß und Zwietracht säen und den Frieden stören. (Stürmischer Beifall. Nufe: Stöcker.) Das, was Herr Stöcker und Genossen betreiben, sind politische Agitationen der verwerflichsten Art und keine Bekenntnißsachen. (Lebhafter Beifall.) Sobald als solche Leute die Anmaßung haben, die Macht des Staates in Anspruch zu nehmen, um Andersgläubige zu bedrohen und in ihren politischen Rechten zu beschränken, müsse man die Leute energisch in ihre Schranken zurücktveisen. (Lebhafter Beifall.) Freilich können solche Ausartungen nicht überraschen in einer Zeit der allgemeinen Verwirrung, wo die Principien abgelegt werden wie alte Kleider, wo in der ersten Vertretungskörperschaft des Reiches um die höchsten Interessen des Volkes in fast klcinkrämerischer Weise gefeilscht wird. (Bravo!) „Lassen Cie uns", so schloß Redner, „in dieser ernsten Zeit das Andenken an unsere Vergangenheit hoch halten und nicht den Mantel nach dem . Winde hängen; wir verlangen, daß der Constitutioualismus zur Wahrheit, daß das Parlament nicht behandelt wird wie eine auswärtige feindliche Macht, die man möglichst schwächen muß (Lebhafter Beifall), daß das Parlament nicht zerfetzt wird, sondern daß eine in sich und in dem Volke fest begründete Mehrheit mit der Regierung in Eintracht arbeite. Wir treten ein gegen jeden Eingriff in bestehende Verfassungsrechte, gegen zweijährige Etats- und vierjährige Legislaturperioden und, falls das Competenzgesetz an uns herantritt, werden wir sorgen, daß die Organe der Selbstverwaltung in ihren Siechten keine Schmälerung erfahren, jedenfalls können wir uns immer sagen: wir haben als ehrliche Männer für unsere lleberzeugung gewirkt und gearbeitet, ohne Rückhalt, ohne Aussichten für uns persönlich, lediglich für das Wohl des Volkes und die dleberzeugung, daß das Volk uns zur Seite steht, ist der einzige Lohn, den wir suchen." (Stürmischer Beifall.) — Nach Erledigung einiger Anfragen beschloß die Versammlung, von ' einer Discussion Abstand zu nehmen und proclamirte mit allen Stimmen gegen etwa zehn Herrn Dr. mcd. Straß mann und Herrn D?. med. Laugerhans als alleinige Candidaten ' für den zweiten Berliner Landtagswahlkreis. — Von weiteren Versammlungen der Wahlmänncr soll abgesehen werden.! — Wie die „Tribüne" hört, erhebt Iw. Straßmann gegen Hofprediger Stöcker wegen Aeußerungen desselben in; einer seiner Versammlungen eine Jnjurienklagc. Man kann dies nur billigen, damit diese Leute inne werden, daß man nicht imnrrr ungestraft über seine Mitbürger Gift und Galle; ergießen kann. j Essen, 29. September. (Privatmitth.) Am I. April a. c. j ist aus Anordnung des Eultusministeriums eine Ferienordnung | in Kraft getreten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Sie zeichnet sich noch besonders dadurch aus, daß sie vom religiösen Standpunkte jeder Confession gerecht wird. Mau sollte nun meinen, daß die Provinzialregierungen in demselben Geiste die Verordnung handhaben würden. Den: ist! jedoch nicht so. Tie Negierung in Düsseldorf hat für die! israeli tischen Schulen ihres Bezirks eine Fericnordnung -erlassen, die gar sonderbare Bestimmungen enthält. Sic ge- > stattet nicht, das; der Schulunterricht ausgesetzt werde: am!Tage vor dem Neujahrsfeste, am Tage vor dem Pfingstfeste, so wie am Tage vor dein Laubhüttenfeste, am Purimfeste und; an einem Fasttage, außer am Tage der Zerstörung Jerusalems, i Aus welchen Quellen die Regierung die Motive zu diesem I Erlasse geschöpft, ist mir nicht bekamst. Es verlangt mich nun 'zu erfahren, ob in den übrigen Provinze'.!, resp. Regierungsbezirken, die Verordnung des Ministers in derselben Weise zur Ausführung gelangt ist'). StrufflUlt'g, in; September. Die Regierung hat verordnet, daß die jüdische Elementarschule, weil sie nicht mehr, die reglemcutsmäßige Schülerzahl habe, aufgehoben werde. Innerhalb der jüdischen Kreise ist man über diese Verfügung I sehr mißvergnügt und rnacht Anstrengung, sie wieder aufheben zu lassen. DllNlistM, 28. September. (Privatmitth.) Da eine Mendelssvhnfeier hier nicht stattgefunden, so nahm unser Rabbiner I Landsberger die Gelegenheit wahr, am gestrigen Versöhnungstage in der Seelenseier JVC'n), die bei uns 1*57 durch den Rabbinatsverweser Mannheimer eingeführt worden, das Andenken Moses Mendclssohn's in ebenso würdiger wie ergreifender Weise zu feiern, und dem gegeni)Nachbemerkuug der iNedaction. Man erwäge wohl,das; es sich hierbei nur um die jüdischen Schulen bandelt, bei denen von jeher mindestens die '.Nachmittage der gedachten .liüsttage und die ganzen Safttage die schule geschlossen war. Wir fordern daher die Lehrer in den übriaen Regierungsbezirken auf. uns über diesen Gegenstand gefällige Mutheilung zu machen, um nöthige Schritte vorbcrciten zu können. Die Redaktion. 42