Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1879)
- Date
- 1879-10-14
- Page
- Seite 663 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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663 schritt der Bildung und Gesittung erkennen. Es steht dieser Fortschritt in inniger Verbindung mit dem Geiste der Bildung unserer Zeit. Der Sieg der Toleranz in den gebildeten Staaten ruft auch den Geist einer Toleranz in der Synagoge wach, wie er vor hundert Jahren nimmermehr denkbar war. Das Judenthum, sowohl das moderne wie das althergebrachte, hat ein sehr ernstes und ganz spccielles Interesse daran, fortan jeden Rückschritt zu bekämpfen und der Herrschsucht der Orthodoxie in der christlichen Kirche entgegengewirkt zu sehen." „Aber mehr noch als das „Judenthum," das Herr Hofprediger Stöcker sehr mit Unrecht zur Verantwortung zieht, ist die „Judenheit" in diesem Kampf, der in der christlichen Kirche vorgcht, durch ihr Geschick betheiligt. Wehe der Judenheit, wenn jemals wieder jene Orthodoxie zur Herrschaft im Staate gelangen sollte, welche Herrn Stöcker's Genosse in der christlich-socialen Versammlung, der Herr Prediger de lc Noi, losgelassen hat. Der Berichterstatter der „Kreuz-Zeitung" erzählt der Welt, daß der Herr Prediger de le Noi in herzlichster Weise von der „wahren Toleranz" geredet, welche die Person retten will, die Sünde aber straft. Bekanntlich wollte dies jeder Kreuzzügler, nämlich: die Personen durch die Taufe retten und nur die Sünde, die Un getauften, verbrennen. Dieser Herr de le Noi, schließt auch seine Rede höchst charakteristisch mit folgendem schönen Satz, den tvir wörtlich der „Kreuz-Zeitung entnehmen: „Sie beklagen sich über den Judenhaß," wandte er sich schließlich an die anwesenden Israeliten. „Moses hat gesagt: ,Jhr sollt gehaßt sein in aller Welt/ Warum? Die Frage mögen Sie sich selbst aus der Thora beantworten!" „Wir wollen nicht fragen, tvo Moses dies gesagt hat? Das weis; Herr de le Noi selber nicht, er hat cs wahrscheinlich in irgend einem judcnfresserischen Schmöker gelesen, wo man sich nicht scheut, die ernsten Strafreden des fünften Buches Mose zu korrumpiren. Das Räthsel aber, welches der Herr Prediger de le Roi den in jener Versammlung antvesenden Juden aufgiebt, das können wir ohne Intervention der Thora lösen. Es lautet ganz im Geiste der echten Orthodoxie: die Christen müssen die Juden hassen; denn Moses hat dies schon gesagt. Wer sich aber zum Christenthum bekehren läßt, der gehört fortan nicht mehr zur Sorte der Gehaßten, sondern geht zur Sorte der Hassenden über. — Das ist echte Logik echter Orthodoxie, die angeblich aus Respekt vor Moses die Juden haßt und die „wahre" Toleranz durch die der „Sünde" angcdrohte Strafe ausübt, welche die Personen rettet, die sich aus Angst vor der Strafe oder aus Respekt vor Moses recht schnell taufen lassen. Diese Sorte kennen wir nur zu gut aus der Geschichte, und da meinen wir: die Judcn- ' heit müßte in der That aller innern Würde und jedes Interesse für Wahrheit, Bilung und Recht bar und ledig sein, wenn sie nicht ernstlich dahin streben wollte, dergleichen,wahre Toleranz' aus dem edlen Gefüge des gebildeten Christenthums entfernt zu sehen." „Freilich Herr Stöcker selber ist nicht so frcimüthig mit dem System zur Hand, wie der Herr de le Roi. — Herr Hofprcdiger Stöcker versichert in der Einleitung seiner Redd, daß er im Gegentheil fürchtet, es könnte das Gebühren der Juden in der Presse den Haß der Christen wach rufen und zu einer Judenverfolgung führen. Dem 1 wolle er Vorbeugen und ztvar durch friedliche Ermahnung der Juden und nun legt er los und hetzt ganz prachtvoll, um schließlich wieder zu versichern, daß er den falschen Judenhaß nicht wolle. Der Herr Prediger de le Roi ergänzt dann den richtigen Judenhaß, den Moses geboten haben soll." „Diese Kunst der Einhüllung aller Aufwiegelei und die Versicherung des Wunsches friedlicher Abwicgelung am Anfang und am Ende der Reden haben wir bereits als die Methode des „Vater Karbe" von Anno 1848 an der Straßenecke bei Kranzler ckarakterisirt. Sie wurde auch mit vieler Geschicklichkeit von Herrn Most gehandhabt, der stets damit begann und schloß, daß er nicht die soziale Revolution wolle, sondern blos in Güte die Umgestaltung der Gesellschaft erstrebe und die Revolution nur zeige, wenn man den Weg der Güte nicht einschlagen mag. Herr- Stöcker übt diese Kunst ganz schön und kann als eine Art Virtuose der christlich-socialen Denmgogie wirklich unsterblich tvcrden. Aber Eines fehlt zum Siege seiner Methode, und dieses Eine ist glücklicherweise die Hauptsache. Es fehlt, Gott sei Dank, in der Christenheit gebildeter Staaten jener Pöbel, der Ernst macht mit der Bekehrung und Bestrafung der Sünde, wie sie die wahre Orthodoxie vorschrieb und leitete. Es findet sich fast in dem christlich-socialen Verein kein solches Publikum mehr vor, wie es solche eingewickelte Aufwiegelung als Illustration erfordert. Es lebt in dem gegentvärtigen Geschlecht ein anderer Geist der Toleranz, als derjenige, den Herr Stöcker meint und den Herr Prediger de le Roi sehr offenherzig ausspricht. Und das macht die Agitation wohl widerlich, aber noch lange nicht gefährlich." „Was aber hat dem Geist der Toleranz im deutschen Vaterlande zum Siege verholfen und was erhält ihn aufrecht gegen die finstersten Gelüste aller Auf- und Abwicgler?" „Es ist die innige Berührung zwischen den Bürgern eines und desselben Staates, die da lehrt das Gute anzuerkennen und das Schlechte zu verachten, gleichviel ob es von Glaubensgenossen oder Andersgläubigen ausgeübt wird! In der deutschen Nation hat der Nathan Lessings längst den Fanatismus der Orthodoxie untergraben. Herr Stöcker sagt zwar, solch einen Juden konnte nur ein Christ dichten, und da hat er ganz Recht; wenngleich die gebildete Welt weiß daß der Jude Moses Mendelssohn als Vorbild für Lessing diente. Aber