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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-10-14 · Heft 42 (14.10.1879) · p. Seite 662

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 42 (14.10.1879)
Date
1879-10-14
Page
Seite 662 (sequence 6)
Language
German
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662 glänzend als durchaus unwahr und unbegründet erwiesen, nach-1 politische Bestrebungen und politische Agitation treibt. Der dem dem Herrn Hofprediger die Maske gelüstet worden, der! Kampf gegen die Orthodoxie ist daher nicht ein Kampf gegen in der Manier der echten Volksaufwicgeler, zuerst die schonungsvollste Sanstmuth fingirt, dann das bitterste Gift der Verleumdung über die Juden ergießt, schließlich aber von allem Judenhaffe sich frei spricht, da dieser ja gar nicht christlich sei. Zunächst: „Herr Stöcker eifert gegen „das moderne Judenthum", welches er der Intoleranz zeiht. Er ist sehr entrüstet darüber daß jüdische Zeitungsschreiber es Unterlasten, etwaige Kämpfe innerhalb der jüdischen Gemeinde zwischen orthodoxen und freisinnigen Parteien zum Gegenstand der Besprechung zu machen, während sie den Kämpfen in der christlichen Kirche eine so große Aufmerksamkeit und Theilnahme schenken." „Da muffen wir ihm denn den vollen Unterschied in dieser Thatsache recht deutlich zeigen." „Im Judenthum giebt es glücklicher Weise keine herrschende Kirche. Da hat denn auch der Partcikampf gar nicht den Charakter eines Herrscherkampfes. Unseres Wiffens mag cs in Berlin wohl an zehn bis zwölf Synagogen sehr verschiedener Tendenz geben, worin Prediger ganz verschiedener Ueberzcugungen ihre Lehren Vorträgen. Weil dem aber so ist und Niemand sich die Herrschaft anmaßt, dem Gegner das Wort im Namen des Judenthums zu verbieten oder zu gebieten, darum waltet wohl Meinungsverschiedenheit, Meinungen, sondern gegen die Herrschsucht und wird deshalb mit vollem Rechte geführt. Hierfür tvird nun eine ganze Reihe von Thatsachen angeführt, und dann über die Wirkungen der orthodoxen Herrschaft, deren erste Folge die Heuchelei ist, nachdrücklich gehandelt. Es heißt hier: „Die Heuchelei hat — Gott sei Dank — einen Stempel im Antlitz, der für den naiven Sinn des Volkes ganz merkwürdig erkennbar wird. Heuchlerische Frömmigkeit hat noch niemals lange getäuscht. Aber wenn sie um sich greift, so erschüttert sie das sittliche Bewußtsein im Heranwachsenden Geschlecht, das man nun und ninuncrmchr wundergläubig machen wird. Da wird denn mit den Wunderlehren auch der sittliche Inhalt der Religion gelockert und es tvächst ein Geschlecht heran, dem mit den Wundern auch der ethische Gehalt der Religion verloren geht." „Der Spruch ist nicht blos wahr, sondern er hat eine noch tiefere Wahrheit in sich. Herrschende Orthodoxie hat nicht blos Heuchelei in: Gefolge/sondern die Heuchelei zieht auch dann eine Entsittlichung herbei!" „Darum ist der Kampf gegen Orthodoxie ein sittlicher und im wahren Sinne des Wortes ein „religiöser" Kampf, von dem man uns nimmermehr wird abwendig machen!" — Wir gestatten uns nun, den ganzen Schlußartikel, der das Juden- „Aber das Judenthum, oder wie Herr Stöcker sagt: moderne Judenthum *? Hat dies etwa Ursache, im aber keineswegs ein Kampf gegen Herrschsucht ob. Wäre thum speciell bespricht, hier anzufügen: dies auch in der preußischen Landeskirche so, würde inan jeder religiösen Partei die Herrschaft über die andere nehmen und das die Freiheit hierin gewähren, wie sie beispielsweise in Nord- Kampfe gegen Orthodoxie ein glcichgiltiger Zuschauer amerika herrscht, wo doch wahrlich die Religion in hoheri bleiben?" , Achtung im Volke steht, so würde der Kampf der Parteien! „Herrn Hofprediger Stöcker scheint es so: aber die unebeuso wenig die politischen Zeitungen beschäftigen, wie es parteiische Geschichte urtheilt anders darüber. Das Judenthum, jetzt mit den jüdischen Religionsstreitigkeiten der Fall ist." — und ganz besonders das moderne, das reformatorische Juden- Die „V. Z." weist dann entschieden die Behauptung Stöcker's thum, verdankt die Ruhe seiner Existenz nur dem Siege der zurück, daß die Zeitungspresse feindlich gegen das Christenthmn Toleranz über den Verdammungseifer der Orthodoxie. Würde sei. Es gebe in Berlin kein einziges Blatt, welches eine Feindsich die Orthodoxie wiederum zu einer Herrschermacht im Staate scligkeit gegen das Christenthum bekunde. Was bekämpft j erheben, so würden auch alle Gesetze der Gleichheit, welche die werde, das sei die Orthodoxie im Christenthmn, und zwar auch j Emancipation der Juden begründet haben, beseitigt tverden. — diese nicht als solche, sondern nur wegen ihrer Herrschsucht,' Auch die gestammte Religionsanschauung im Judenthum hat wegen ihrer Anstrengungen, die verlorene Herrschaft wieder zu sich seit der Herrschaft der Toleranz zu einer veredelnden Höhe erlangen. In Berlin giebt es sehr strenggläubige Sekten, wie erhoben, deren sie in der Zeit der Orthodoxie nimmermehr Baptisten, Jrvingianer, Attluthcraner, die aber durchaus nicht• fähig war. Ein sehr naheliegendes Beispiel giebt uns hierfür herrschsüchtig sind, und die deshalb Niemand auch nur mit' einen sehr treffenden Beleg. Da tvurde — wie alle Zeitungen einem Worte angrcift. So würde auch Jedermann die christ-! berichtet haben — vor einigen Wochen der cinhundertundfünfliche Orthodoxie in Ruhe lasten, wenn sie nicht eine alle Freiheit zigste Geburtstag Moses Mendelssohn's in allen Synagogen erdrückende Herrschaft anstrebte. Mit einer glücklichen An-' gefeiert; auch in den orthodoxesten Synagogen wurde der knüpfung an eilüge Sätze aus dem Regierullgsprogramm des; Tag als ein Fest begangen. Wer aber weiß, wie im vorigen Prinz-Regenten, unseres jetzigen Königs, vom 8. November l 858, Jahrhundert das orthodoxe Judenthlnn den Bannspruch wider wird nun der Orthodoxie, und insbesondere auch Herrn Stöcker' Moses Mendelssohn geschleudert hat, der kann in dem gegennachgewiesen, wie sie unter dem Deckmantel der Religion! wärtigen Verhalten der Orthodoxie nur einen erfreulichen Fort-

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