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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-10-14 · Heft 42 (14.10.1879) · p. Seite 661

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 42 (14.10.1879)
Date
1879-10-14
Page
Seite 661 (sequence 5)
Language
German
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Ruhe bestattet. Das überaus zahlreiche Grabesgeleite gab am Besten davon Zeuguiß, wie der Verstorbene in dem kurzen Zeitraum seines Wirkens sich die Liebe und Achtung Aller erworben hatte. Der letzte Liebesdienst, „eine Hand voll Erde", wurde ihm von Seiten seiner College», wohl dreißig an der Zahl, welche von Nah und Fern herbcigeeilt, dargebracht. Der letzte Liebesdienst. Bereits von schwerer Krankheit erfaßt, hatte der Verstorbene zur Deckung einer, wie er glaubte, bald zu realisirenden Schuld, den Betrag von öGÖ Mark nöthig. Der Vorschußverein, G. H. Voigt von hier, versprach, diese Summe gegen Bürgschaft zu verabfolgen. In dieser Bedrängnis; wandte sich der Verstorbene an den nächsten seiner College», den hiesigen Cantor I. Ebert, und leistete solcher diese Bürgschaft, nachdem' ihm von Seiten des Verstorbenen eine Lebens-Police von 4000 Mark zur Sicherheit notariell verpfändet wurde. Der leider immer noch zu früh verstorbene Altmeister der schlesischen Lehrer, der bekannte Wander, hatte Recht, wenn er behauptete, daß es nöthig sei, die Kinder in der Schule mit den einfachen Nechtsgrundsätzen bekannt zu machen, leider machte er zum Theil den Lehrern den Vorkurs, daß dieselben selbst die Gesetze zu wenig studirt hätten. Auch der Verstorbene hatte wenig Kenntniß vom Gesetz. Rechtschaffenheit und Nächstenliebe gingen ihm über Alles. Der Cantor Ebert ließ sich für seine Bürgschaft die Police mit, allen Rechten cedircn. Wenige Tage darauf traf den in seinem Amte unermüdeten Kranken beim Orgelspiel in der evangelischen Kirche der Schlag und zwar so, das; er vollständig auf die Sprache und rechte Seite gelähmt wurde und nach der Aussage der Aerzte ein baldiger Tod erfolgen mußte. Da wurde der Frau bezüglich der Schuld und Bürgschaft, da solches ohne ihr Wissen geschehen, Mittheilung gemacht und zahlte solche sofort anstandslos die betreffende Summe nebst Zinsen zurück. Mit herzlichem Tank für erwiesene Gefälligkeit wurde Herrn Cantor Ebert der Wechsel mit seiner Bürgschaft eingchändigt mit dem Ersuchen, die zur Sicherheit überwiesene Lebens-Poliee zurück zu erstatten. Die Antwort des Freundes, des College» lautete: „Die Police ist mein, dieselbe gehört nur." Die leider recht traurigen weiteren Auseinandersetzungen mögen an dieser Stelle unberührt bleiben. Zwei lange, traurige Rächte, ein schwerer, schwerer Tag; den noch inuner seiner Sprache Beraubten erlöste ein gütiger Tod. Ein Tag nach dem Begräbnis; verstand sich endlich Herr Ebert, Cantor an der katholischen Schule und Organist an der katholischen Pfarrkirche zu Warmbrunn, gegen eine Entschädigung von KR)0 Reichsmark zur Herausgabe der Lebens-Police an die trauernde Wittwe. Ein Weiteres ist wohl nicht nöthig hinzuzufügen und bleibt dem Urtheil des Lesers überlasten." — Darum hegen wir auch den festen Glauben, daß alle diese mit Verleumdung und Lüge betriebenen Jntriguen doch nicht zu dem von unsren Feinden erwünschten Ziele führen werden, sondern daß der Friede zwischen den verschiedenen Confessioncn bald wieder hergestellt sein wird. Berlin, 2$. September. (Privatmitth.) So widerwärtig es sein mag, sich mit gemeinen Gegnern immer wiederholt beschäftigen zu müssen, so würde doch das Zeitgemälde mangelhaft sein, wenn man derartige Züge übersehen wollte. Die Judenfeinde speculiren augenblicklich in jeder Weise auf die vorausgesetzten Vorurtheile und Leidenschaften des Volkes. Glücklicher Weise zeigt es sich aber, besonders auch hier in Berlin, daß jene eben nur vorausgesetzt sind. In den hiesigen Zeitungen erschien ein Inserat, das zur Bildung einer ^antisemitischen Liga" aufforderte und eine desfallsige Versammlung auf einen bestimmten Abend in ein bestimmtes Lokal berief. Die Sache nahm aber einen kläglichen Verlauf. Man hatte einen jüdischen Festabend gewählt, um ganz ungestört unter sich zu sein. Indes; waren doch unter den 60, die hingekommen, ein Drittel Juden. Es lvürde nun weder eine Rede gehalten, noch traten die Mitglieder des Comitös (?), die an tüchtigen Stöcken kenntlich waren, mit ihren Namen heraus. Sie wollten nichts als daß jeder Anwesende ihnen seinen Namen sage, das Weitere würde sich dann finden. Nach dieser harmlosen Farce ging man auseinander ') Berlin, l. October. (Privatmitth.) Herr Hofprediger Stöcker tvird nachgerade einsehen, daß er doch in ein Wespennest gestochen. Hatte er auf Erfolg gerechnet, so täuschte er sich um so mehr, als Berlin der letzte Ort ist, Ivo alte Vorurtheite und Gehässigkeiten sich wieder aufivärmen lassen. Viel eher finden hier neue extravagante Ideen Platz; aber der alte Sauerteig confessioneller Verfolgung ist für immer vergohren. Hatte aber Stöcker nur die Absicht, von sich reden zu machen, so hat er diese erreicht, wenn auch nur auf einige Zeit. Cs ist ihm bereits hinlänglich gedient worden. Einerseits faßte der „Berliner Börsen-Courier" vom 2:">. Sept. die Sache von der humoristischen Seite und singirte im Feuilleton ein Interview mit Herrn Stöcker in sehr ergötzlicher Weise. Von der ernsten Seite ging die „Volks-Zeitung" auf ihn los und zwar in fünf trefflichen Leitartikeln: „HerrnHosprediger Stöcker's neueste Agitation" vom 24.-27. September. Diese sind tvohl werth, daß wir etwas näher auf sie eingehen. Das Hauptthema bildet die Behauptung Stöckers, daß die Berliner- Zeitungspreste, besonders so weit sie von Inden beeinflußt oder geschrieben werde, das Christenthum schmähe und überhaupt -Haß gegen das Christenthum hege. Diese Behauptung wird i l) Bei dieser Gelegenheit gestatten wir uns, unsere Herren! Correspondenten zu ersuchen, zukünftig so selten und so wenig wie! möglich auf die „('lormaniii" Rücksicht zu nehmen. Denn dieses! Blatt ist z. B. in seiner Beilage vom l. Lcwber zu einem ^.one! herabgesunken, der es jeder« Gebildeten unmöglich macht, dasselbe zu I beachten. Wenn dieses Blatt an der Spihe der deutschen Ultra-! montanere zu marschieren vorgiebt, so bedauern U'ir, falls dies richtig ■ ist, die Ultramontanen und Deutschland gleicher Weise! [ Die Nedaction.

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