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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-10-14 · Heft 42 (14.10.1879) · p. Seite 659

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 42 (14.10.1879)
Date
1879-10-14
Page
Seite 659 (sequence 3)
Language
German
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659 sondern in allen seinen wesentlichen Thcilen erhalten bleibe. Jeder sorgfältige Beobachter wird dies aber der neueren Entwicklung des Judcnthums zugestehen. Gerade auf diesem Gebiete ist eine Stärkung und Festigung des Judenthums ganz besonders vor sich gegangen, die für das Aufgeben mancherlei Formen hinreichend entschädigt. Ja, ohne dieselbe wäre das Judenthum wirklich gefährdet gewesen. Das halachische Judenthmn überhaupt und dessen Alleinherrschaft in den letzten Jahrhunderten hätte den Kampf mit der neuen Geistesbewcgung und mit den zersetzenden Elementen des Lebens und der modernen Eultur nicht bestanden, wenn ihm nicht die neubelebte Erkenntniß des Lehrinhalts und die Begeisterung für denselben zu Hülse gekommen wäre. Und diese ist cs, welche durchaus den inncrn Zusammenhang mit allen früheren Phasen des Judenthums festhielr und nach einem solchen strebte. Kurz nur war die Verirrung, welche das moderne Judenthmn lediglich an die Propheten anschließen wollte, und der als Princip der Reform verkündete' Grundsatz: Entfernung alles Politischen und Socialen aus dem Judenthume, d. h. Beschränkung des letzteren auf allgemeine dogmatische und ethische Lehrsätze, fand nur für kurze Zeit einen tveiteren Anklang. Vielmehr wandte man sich alsbald zur tieferen Erfassung des Mosaisnrus in seiner Totalität und seinen Eonsequenzen; erkannte auf dieser Basis den Gedankeninhalt der Propheten und Hagiographcn als Entwicklung und Ausbau an, und ist man gegenwärtig bceifert, den dogmatischen und ethischen Inhalt der talmudischen und nachtalmudischen Literatur zu erforschen und bewußt zu machen. Erst hieran knüpft das inodernc Judenthmn an, um die von ihm gctvonnencn Anschauungen zu einem System zu erheben und auszugestalten. Hiermit verwahre ich mich, dieses letztere etiva nur für ein bloßes Anhängsel jener früheren Phasen auszugcben. Man ist sich vielmehr schon bewußt geworden, daß, wie ich bereits bemerkt habe, die Anschauung der Jetztzeit, im Widerspruch mit der talmudischen, die Religion und Ethik nicht mehr von juridischem Standpunkt als .lu< betrachtet, sondern als Forderung an die freie Erwägung des Gewissens, so wie daß das Politische und Sociale in ihren religiös ethischen Momenten in das Gebiet der Religion gehört, wie dies schon der Mosaismus durchgesührt hat. Hieraus folgt aber, daß eine unbedingte Verpflichtung für alle tradirten Gesetze, Satzungen, Gebräuche nicht anzuerkennen sei Von diesem Gesichtspunkte aus konnte sich das gegenwärtige Bewußtsein auch von, in das Judenthum hineingetragenen und künstlich an Schriftterte geknüpften Dogmen frei machen, ohne das einige Fundament des Judenthums zu verletzen oder nur zu verändern. Bon hier aus haben wir aber nur noch einen Schritt höher zu steigen, um die eigentliche und wesentlichste Bürgschaft für den Fortbestand des Judemhums geltend zu machen. _ _ (Fortsetzung folgt.) Der Kampf in Rumänien. XIII. Gegenwärtig stehen wir im letzten Acte der rumänischen Tragicomödie. Die Opposition ist von der Bildfläche verschwunden. Es agiren nur noch das Ministerium und die Großmächte, die Juden bilden die Statisten. Der Gesetzvorschlag der Negierung, der die völlige Gleichstellung in die Verfassung aufnimmt, dagegen von 250,000 Juden nur 1074, und sehen wir diese als Familienhäuptcr an, ungefähr 5000, also den 50. Theil cmancipirt, und 245,000 für immer zu „Fremden" erklärt, d. h. rechtlos - ist doch offenbar ein Hohn auf alles Recht und alle Logik! Werden nun die! Signatarmächtc dieses Zugeständniß als eine Erfüllung des Artikels 44 oder als einen Spott auf denselben ansehcn?! Dies ist der Knoten. Wir tvcrden sehen, ob und tvie er gelöst!wird. Die deutschen Nltramontanen haben den Rumänen ob! ihres Widerstandes gegen den Beschluß der Großmächte zugejubclt. Werden sie cs noch ferner thun, da gerade die Männer der bunte ünauee, der Großindustrie, der Intelligenz und der Preffe cmancipirt werden sollen, während sie, die Ultramontanen, die Juden vorzugsweise beschuldigen, sich des Eapitals und der Preffe zu bemächtigen? Bukarest, 27. September. Alle Kannncrsectionen haben heute die Berathung des von der Negierung vorgelegtcn Versa s s n n g s re v i si o n s e n t w « r f s beendigt. Don sieben Scctionen sprach sich nur Eine gegen denselben aus; die übrigen sechs nahmen den Entwurf an, vorbehaltlich einiger ModificatioMn und der Verisicirung der betreffenden Listen. Die j öffentliche Sitzung wurde auf Donnerstag verschoben. Man! glaubt, daß bis dahin der Bericht der von den Seetionen gctvählten Delegirten fertig sein wird. - Es darf nicht übersehen werden, daß die Regierungsvorlage nichts von Kategorien enthält, sondern nur eine Liste der jetzt zn emancipirendcn Juden, die nach Kategorien ani gelegt zu sein scheint, bringt. Hieraus folgt, daß ein gesetz-; lieber Grund, aus welchem zukünftig einem Juden die politischen .Rechte gesetzlich nicht verweigert tvcrden könnten, nicht vorhanden sein wird, sondern Alles nur der Willkür der Regierung und der beiden Kammern zusammen anheimgestellt bleibt. Dies heißt aber nichts Anderes, als daß die Juden mit höchst seltenen Ausnahmen die politischen Rechte niemals erhalten werden. Aus Wien wird der Times gemeldet: „Berliner Berichten zufolge ist die deutsche Regierung so ziemlich Geneigt, sich mit den Vorschlägen der rumänischen Regierung bezüglich der Judenfrage zufrieden zu geben, d. h. dieselben als eine Art Abschlagszahlung und ersten Schritt in der Sache zu betrachten. Ties scheint jedoch nicht mit der französischen Regierung der Fall zu sein, tvelche die Eoncesston selbst für 42*

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