Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1879)
- Date
- 1879-10-14
- Page
- Seite 658 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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658 und Kaempf -größeren Kreisen bekannt geworden, ferner an das px von Kalonymos Ben Kalonymos, welches durch die treffliche Uebersetzung des seligen Meisel (Pest, 1878) Jedermann zugänglich geworden. Man wird nicht behaupten dürfen, daß diese Dichter Schwarzmaler waren. Und dennoch standen die alerandrinischen Juden Jahrhunderte hindurch kämpfend für ihre Religion ein, und gingen aus den spanischen Juden Hunderttauscnde von Märtyrern hervor, die für ihre Religion Heimath, Gut und Leben opferten. Hieraus ergiebt sich, daß, wie nach einem psychologischen Gesetze, mit jeder freieren Gcistesbewegung, mit dem Heraustreten aus der Absonderung und Ausschließung, mit dem Eingehen in das allgemeine Cultur- und Geistesleben immer eine Lockerung des das ganze Leben des Juden umfaffendcn Gesetzes in vielen Individuen stattfand, zugleich aber auch eine Neubclebung, eine Verjüngung des jüdischen Geistes und ohne daß der Fortbestand des Judenthums gefährdet wurde, den vielmehr eine neue geistige Durchdringung und Bearbeitung förderte und sicherte. Es ist dies also eine unzweifelhafte geschichtliche Erfahrung, welche auch auf die gegenwärtige Zeit angewendct werden muß. Die erste Bedingung einer lebenskräftigen Um- und Neugestaltung innerhalb einer Religionsgemeinschaft ist: daß sie sich von dem gegebenen geschichtlichen Boden nicht entferne, sich vielmehr auf und aus diesem entwickle und alle lebensfähigen Elemente bewahre. Es ist der wesentliche Vorzug der Religion vor jeder anderen geistigen Erscheinung im Menschengeschlechts, daß sie nicht als bloßes Product der Verstandesthätigkeit, auch nicht als das alleinige Erzcugniß menschlicher Empfindung und Phantasie sich giebt, wechselnd an Inhalt und Form mit jedem Zeitalter, mit jeder neuen Geistesentfaltung, Erkenntnis; und Erfahrung, sondern als hervorgcwachscn aus ältester Vergangenheit, von Geschlecht auf Geschlecht in ihrem innersten Wesen überliefert, in allen Generationen lebendig und wirksam, identisch mit der Natur und dem Leben des Menschen selbst, selbstständig den Ströumngen der Zeiten gegenüber und so als eine Gabe der Gottheit und ein Eigcnthum des inenschlichen Wesens zugleich. Vor; diesem Gesichtspunkte aus hat das Judenthum den unverkennbaren Vorzug, daß es die älteste und ursprünglichste der positiven Religionen ist, die erst in ihm ihren geschichtlichen Boden haben, und daß es in seinem Wesen und Charakter unverändert sich durch die Jahrtausende entwickelte. Hierin liegt daher seine erste Stärke, so wie die Wucht seines Bestandes auch für alle Zukunft. — Nun, das; die gegenwärtige Vetvegung im Judenthume sich von dem gegebenen geschichtlichen Boden nicht losrcißt, sondern ihre Entwicklung auf demselben vornimmt, ergiebt sich äußerlich tvie innerlich. Es darf nicht übersehen werden, werthe.r Freund, daß jene Bewegung bis jetzt doch nur in einem kleineren Theile der jüdischen Menge Platz gegriffen hat. Ueber 3x/a Millionen Juden in den östlichen Ländern Europas und die Gesainmtmaffe in Asien und Afrika sind von dieser Bewegung bis jetzt kaum berührt. Innerhalb der Million Juden in Mittel- und Westeuropa und in Amerika ist inuner noch ein '"deutender Theil der Orthodoxie ergeben und widerspricht jedweder Neuerung grundsätzlich, obschon auch er derselben , sich nicht völlig zu entziehen vermag. Aus dem Gesichtspunkte, der Gesammtheit, und ihn nehmen wir, lieber Freund, bei dieser Betrachtung ein, geht also die moderne Entwicklung des Judenthums auf der Unterlage einer durchaus conservativcn Maffe vor sich. Ist dies scheinbar nur ein äußerliches Moment, so hat cs doch auch tvcsentlichen Einfluß nach innen. Denn es ist hierdurch dieser Entwicklung von vornherein die Bedingung gestellt gewesen, nicht nach einem einseitigen Nationalismus, nicht nach einer zersetzenden Kritik, nicht nach ncgircndcn Gelüsten vorzugehen, weil ihr sonst die Menge weder gefolgt wäcc, noch folgen tvürde. Aber auch ohne diese Bedingung, in voller Selbstständigkeit hat sich diese Entwicklung fest am Boden des geschichtlich Gegebenen gehalten. Dies erweist sich schon darin, daß mit dem Erwachen der Reformbestrebungen selbst sich das vorzüglichste Jntercffe auf die Vergangenheit, auf die Geschichte des Judenthums, auf das geistige Erfassen und die wissenschaftliche Bearbeitung dieser Geschichte lenkte. Es lag hierin offenbar das Bestreben, den Lebenssaden in der Geschichte des Judenthums auszusinden, um ihn ununterbrochen fortzuspimien. Eine revolutionäre Reformation tvürde vielmehr diesen Faden, so Weiterbestand, abzuschneiden, die Vergangenheit zurückzustoßen und unabhängig von ihr einen neuen Grund zu legen versucht haben. Mit geringen, ziemlich unbeachtet gebliebenen Ausnahmen ist hiervon nichts geschehen. Das eigentliche, sagen wir, das offtcicllc Judenthum ging denselben Pfad. Es besteht wesentlich im Gottesdienste nach dessen ganzem Umfange und im Ehcrechtc; andere Mittel des Ausdrucks sind ihm nicht gclaffcn. Das letztere ist bis heute unverändert geblieben; daß der erstere bei allen Veränderungen doch seinen überlieferten Charakter beibehalten hat, brauche ich Ihnen nicht erst zu erweisen. Er hielt fest an dein ganzen Aufbau, an Sabbath und Fest, an den sog. Pslichtgebeten und der Thoravcrlesung in hebräischer Sprache und was etwa hinzugcfügt wird, bewegt sich doch nur in der Sprache der Psalmen und des überkommenen Gebetausdrucks. All' diese Erscheinungen also haben am Judenthume, an dessen Charakter und Typus so wenig Wesentliches geändert, daß der treubcwahrte organische Zusammenhang nicht verkannt, das Fortbestehen des eigentlichen Judenthums nicht geleugnet werden kann. Die zweite Hauptbedingung für den Fortbestand einer positiven Religion ist aber, daß ihr gedanklicher, ihr Lchrinhalt zwar entwickelt, in neues Licht gestellt und in seiner wesentlichen Bedeutung erkannt, aber keiner einschneidenden Modifieation, keiner Umwälzung unterworfen werde.