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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-10-07 · Heft 41 (7.10.1879) · p. Seite 652

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 41 (7.10.1879)
Date
1879-10-07
Page
Seite 652 (sequence 13)
Language
German
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652 auch die meisten übrigen Verunglückten müssen, halb im Wasser und halb von Schutt begraben, des schmerzlichsten Todes gestorben sein. Italien. Turin, im September. Die Gazzctta «lei Popolo veröffentlicht in ihrer Nr. vom 1. September eine Eorrespondenz aus Nizza in Montferrat, aus der wir folgende Einzelheiten hier wieder geben. Ein junges israelitisches Mädchen aus obiger Stadt gab den frommen Ermahnungen des Mönches D. Vosco nack, und verließ das väterliche Haus, um sich in das Kloster von Maria Auxiliatrice in Turin zu begeben. Die Umstände, welche diese Flucht begleiteten, waren so seltsam und geheimnißvoll, daß der Vater des jungen Mädchens, der cs für eine Tbat der Gewalt hielt, die Sache der Gerichtsbehörde anzeigte, welche eine Untersuchung anordncte. Diese Untersuchung endigte schnell, da das befragte junge Mädchen erklärte, das; sie freiwillig und aus eigenem Antriebe das väterliche Haus verlassen und in dem Kloster Zuflucht gesucht habe, um dort die Religion ihrer Väter abzuschwören und den Schleier zu nehmen. Aber seitdem sind uns bestimmte Mittheilungen zugekommcn, welche beweisen, daß die Dinge sich ganz anders zugetrageu haben. Am 25. August d. I. war ein Bruder der genannten A. V. (der betreffenden Neophytin) in Geschäften nach Turin gereist und da fiel ihm ein, das Kloster zu besuchen, um zu sehen, wie es seiner Schwester ginge. Da dieser Besuch ganz überraschend war und da der Vater Vosco, sowie sein alter ego, der Vater Eagliari, zufällig abtvesend waren., ließ inan den jungen Mann eintreten und ohne Zeugen mit seiner Schwester sich unterhalten. Kaum befand er sich mit ihr allein, so bezeugte sie den heißesten Wunsch, das Kloster zu verlassen und bat ihren Bruder dringend, ihr dabei behülflich zu sein: sie schrieb sogar auf ein Stück Papier ein Gesuch an die Behörde, sie sofort daraus zu befreien. Höchst erfreut, wollte der Bruder soeben mit seiner Schwester fortgehen, als ein Priester (wir bedauern, seinen Namen nicht zu wissen) dazu kam, der, von Jemandem benachrichtigt, sich widersetzte, das; seine Beute das Kloster verlasse; er widersetzte sich energisch dem Fortgehen, indem er vorschob, Fräulein B. sei, als sie den Entschluß gefaßt, sich taufen zu lassen, von der Madonna inspirirt worden, und bevor sie ihre Meinung ändere, müsse sie sie von Neuem anrufen und mindestens eine Nacht in Gebeten verbringen. Trotz der Bitten des Bruders und eines Freundes, welcher ihn begleitete, wurde das junge Mädchen genöthigt, in das obere Stockwerk zu steigen, um mit der Oberin" sich zu besprechen, und als sie bald darauf mit dieser und dem Priester wieder hcrunterkam und diese erklärten, daß sie das junge Mädchen erst den nächsten Tag fortgehen lassen würden, hatte dieses kaum Zeit, ihrem Bruder in's Ohr zu sagen, daß er jedenfalls am andern Morgen wiederkommen und auf keinerlei Schriftliches achten solle, das man ihm vielleicht von ihrer Seite übergeben würde. Am folgenden Morgen, schon mit Sonnenaufgang, klopften der Bruder und sein Freund an die Thür des Klosters, aber vergeblich; schließlich kam Jemand heraus und sagte, daß seine Schwester schon nach einem unbekannten Orte abgereist sei. Ter Bruder reclamirt, ruft einen Sicherheilsbeamten; dieser will das junge Mädchen sehen, zum mindesten in das Kloster eintreten; man verweigert ihm den Eintritt, er läßt sich zum Vorsteher des Klosters führen, der versichert ihm gleicher Weise, daß das junge Mädchen ausgegangen sei. Aber jener hat die Ueberzeugung vom Gegentheil gewonnen und den königlichen Procurator von der Sache in Kenntniß gesetzt. Wenn man wissen will, durch welche Mittel man den Geist der armen A. B. bearbeitet hat, so wird es genügen, zu sagen, daß sie von ihrer Familie getrennt worden, daß man ihre Briefe aufgefangen, daß man sie genöthigt, dramatischen Scenen beizuwohnen, welche „die bekehrte Jüdin" betitelt sind, wo eine Neophytin auftritt, die lieber ihren alten Vater vor- Schmerz sterben sieht, als darauf verzichtet, sich durch die Taufe von der Erbsünde zu reinigen ... Die Gazzetta del Popolo verlangt energisch die Intervention der Behörde, um diesem Scandal ein Ende zu machen und fügt hinzu: „Die religiösen Eorporationen sind aufgelöst, warum läßt man ihnen Klöster, in denen es ihnen frei steht, den Frieden und die Freiheit der Familien zu bedrohend Ist die Linke deshalb zur Macht gekommen, um solche Excesse ruhig anzusehen und sie ungestraft zu lassen? Italien hat, einen männlichen Mortara gehabt, aber das war das Werk der päpstlichen Sbirren und so faßte man es auch auf. Sollten wir jetzt einen weiblichen Mortara haben unter liberalen italienischen Ministern, unter einem Cabinet der Linken?" (Selbstverständlich stellen die ultramontanen Blätter den Vorgang in entgegengesetztem Sinne dar. Nach ihnen will man das Mädchen dem Kloster gewaltsam entziehen und die „gottlosen Behörden" bieten die Hand hierzu. Aber diese Künste reichen nicht aus, die Wahrheit zu verdecken, die einfach darin besteht, daß der Pater das junge Mädchen durch irgend welche Vorspiegelungen verleitet hat, ihre Eltern zu verlassen, daß das Mädchen bald enttäuscht ward und reuig zu ihrer Familie Zurückverlangte, daß die Geistlichen aber sie ihrer Freiheit beraubten und sie zwangen, wider ihren Willen Schriftstücke abzufassen, welche das Gegentheil aussagten. Eine persönliche- und völlig freie Besprechung würde das Truggewebe sofort zerreißen.)______

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