Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1879)
- Date
- 1879-10-07
- Page
- Seite 651 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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651 Vortheile liegen auf der Hand. Demungeachtet hat diese Einrichtung bis jetzt nur noch wenig realistrt, und wo dies geschehen, hat man nrit der Erhaltung derselben zu kämpfen. Vor zwei Jahren bildete sich, wie zur Zeit berichtet worden, ein solcher „Württ. Bezirksverein - im Neckar- und Jagstkreis zur Unterstützung armer durchreisender Israeliten." Der Verein hat in diesen Tagen seinen zweiten Jahresbericht (1. Juli 1878— 79) ausgegeben. Er besteht aus 29 Gemeinden, aber 3 derselben haben ihren Austritt angemeldet und 9 ivollen ihren Beitrag vermindern. Unter diesen 29 Gemeinden leistete der Vorort Heilbronn im verflossenen Jahre 3,965 Mark, während von den übrigen Crailsheim allein 707 Mark beitrug, die anderen weniger. Die Gesammteinnahme belief sich auf 11,765 Mark, von denen 10,416 Mark an 1825 Personen vertheilt wurden. Es war aber auch aus dem Vorjahre ein Deficit von 412 Mark zu tragen und 254 Mark blieb Bestand. Zu bemerken ist, daß in diesem 2. Jahre 257 Personen weniger die Gabe beanspruchten. Die Hauptschtvierigkeit, die ein solcher Verein zu überwinden hat, ist, das; demungeachtet in den einzelnen Orten aus falschem Mitleid von vielen Personen die Bettler Gaben erhalten. Dadurch wird die Wanderbettelei erhalten und die Ortschaften erfahren die Wohlthat dieser Einrichtung nicht in vollem Maße. Dies nehmen dann die Gemeinden zum Vorwand für den Austritt, während der ganze Gedanke doch nur an dieser eigenen Schwäche scheitert. Interessant ist noch, nach Ländern die unterstützten Bettler zu erfahren. Aus Deutschland, ausschließlich Württemberg, waren es im verflossenen Jahre 855 Bettler, aus Oesterreich 557, aus Rußland 298, aus Württemberg 79, aus der gesammten übrigen Welt 41 Personen. Leipzig, 24. September. (Privatmitth.) Es ist ein zu eigenthümlicher Zufall, als daß er hier nicht bemerkt werden sollte, der nämlich, das; am 1. Oktober das Reichsgericht durch den Staatssecretär des Rcichsjustizamtes Dr. Friedberg und den Präsidenten des Reichsgerichtes Dr. Simson eröffnet werden wird, beides Männer, deren Väter Juden waren, und die als Juden geboren sind, ihre Religion änderten, als die juristische Laufbahn noch den Juden verschlossen war. Und dabei immer noch das Schmähen auf die semitische Race! Sondcröhauscn- 26. September. (Privatmitth.) Ter hiesige Rabbiner, Herr Heideuheim, der feit 46 Jahren bei der israelitischen Gemeinde, seit 40 Jahren als Lehrer der Realschule, gegenwärtig erster Oberlehrer, Ordinarius der Sekunda und Lehrer der Prima ist, und sich in allen Zweigen seiner Thätigkcit allgemeine Hochachtung und Zuneigung erworben hat, hat von unserem Fürsten an: Neujahrsfeste das Ehrenkreuz des Hausordens 3. Elasse erhalten, und ließ er es ihm durch den Herrn Minister selbst überreichen. Der Orden hat noch eine vierte Clasie und zwei Ehrenmedaillen und ist die 3. Clasie noch keinem Lehrer im Lande zu Theil geworden. Die freudige Theilnahme an dieser Auszeichnung war eine allgemeine. (Man sieht auch an diesem Beispiele, daß die Hetzereien der Ultramontanen und Reaktionären Gottlob noch keine Wirkung gehabt') Oesterreich-Ungarn. Wien, 2:5. September. In diesen Tagen wurde die Liste derer veröffentlicht, welche der Kaiser zu lebenslänglichen Mitgliedern des Herrenhauses ernannt hat. Darunter befindet sich auch der Baron Moritz Königs Wärter. Herr v. Königs- Wärter ist als Vertreter der Haute finam-e an Stelle des verstorbenen Barons v. Rothschild in das Herrenhaus ernannt worden. Pest, 21. September. Am ersten jüdischen Neujahrsfeiertage hat sich in Szolyva im Beregher Comitat (Ungarn) ein gräßliches Unglück ereignet. Im Bethaus der dortigen jüdisch-orthodoren Gemeinde, welches über einen: öffentlichen Bade erbaut ist und sich schon seit Langen: im baufälligen Zustande befand, ist während des Gottesdienstes der Fußboden der Frauenabtheilung eingesunken und bei vierzig Personen stürzten in das unter diesem Theile befindliche Badebassin. Tie Scenen, welche sich während und nachdem das Unglück geschehen, abspielten, spotten jeder Beschreibung. — Die Synagoge tvar an diesen; Tage im buchstäblichen Sinne des Wortes überfüllt und Alles betete andächtig, als uran plötzlich ein unheimliches Knattern und Brechen vernahm. Das Gebäude wankt mit einem Male in allen Fugen, Staub wirbelt auf und vor den Augen der Beter versinkt ein Theil der Frauenabtheilung unter gräßlichem Hülsemtd Wehgeschrei der mit in die Tiefe Stürzenden. Die Verwirrung, tvelche nun entstand, läßt sich auch nicht annähernd charakterisire» und es ist ein Wunder, daß durch dieselbe nicht noch größeres Unglück herbeigeführt wurde. Die Anwesenden flüchteten nach den Ansgängen und es entstand ein solches Gedränge, daß die Thürpfosten des Hauptausgangcs auseinander gedrückt wurden; nur Wenige waren muthig und besonnen genug, im Hause zu bleiben, um den Verunglückten hülsreiche Hand zu bieten. Einige ließen sich sogar nicht einmal in ihrer Andacht stören, und trotz Wehgeschrei und Hülserufen und trotzdem der bedenkliche Zustand des. Hauses das Aergste befürchten ließ, blieben sie ruhig an ihren Vettischen stehen und beteten inbrünstig weiter, lieber die Anzahl der zu Grunde gegangenen Menschenleben liegen — in Folge des im ganzen Orte herrschenden Chaos — noch keine authentischen Miltheilungen vor. Etwa zwanzig Frauen und einige Kinder sollen erschlagen und erdrückt und noch ebenso viel theils schwer, theils leicht verwundet sein. Ter Frau eines Kleinhändlers, welche man zwischen zwei sich spreizende Balken eingeklemmt fand, war d.'r Kopf säst gänzlich vorn Rumpfe losgedrückt worden und