Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1879)
- Date
- 1879-10-07
- Page
- Seite 648 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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648 Landtags-Wahlkreis vom 23. d. Die Hauptrede des Abends war entschieden die des Abg. Richter, (Hagen.) Unter anderem äußerte er: Was seit dreißig Jahren nicht geschehen, in dieser Wahlbcwcgung sei es versucht worden: den Neligionshaß habe man anzuschüren unternommen, an die niedrigsten Leidenschaften appcllirt und eine gemeine Judenhetze inscenirt, und die Leute, die dies sich unterfangen, seien dazu berufen, die christliche Liebe zu predigen. (Stürmische Rufe: Stöcker!) Er (Richter) habe vor dem letzten socialistischen Agitator mehr Hochachtung als vor denen, die den Hofpredigertitel führen. (Beifall.) Hätte man ein Ausnahmegesetz gegen die Socialdemokratie erlaßen, gegen diese Art von Leuten müßte man zehn solcher Gesetze erlassen. (Stürmischer Beifall.) lieber die jüdischen Gründungen sei man in der christlich-socialen Partei hergezogen, man sollte doch wissen, daß ein Jude (vielseitige Rufe: Laster!), ja Laster cs gewesen sei, der einen Wagcner entlarvt und die Gründungen von Herzogen, Fürsten und hochadeligen Personen an das Tageslicht gezogen hätte. (Stürmischer Beifall.) In keiner Zeit stände die Fortschrittspartei gerechtsertigterda, als wie gerade heute. .— Die öffentlichen Blätter enthalten folgendes: „Der in dem letzten Referat über die christlich-sociale Arbeiterpartei erwähnte Herr Philippson ist irrthümlich als Rcdacteur bezeichnet worden. Derselbe ist, wie er uns mittheilt, kaufmännischer Buchhalter und seine ganze literarische Thätigkeit besteht in einem jeweiligen Bericht über die Verhandlungen des fortschrittlichen Vereins „Waldeck," dem er als Mitglied angehört." Berlin, 20. September. (Privatmitth.) Nachdem der Abg. Cremer in der Katholiken-Versammlung und Stöcker in der christlich-socialen Arbeiter-^-Partei gegen die Juden aufgetreten, hat sich auch der dritte im Bunde cingesunden, in der Versammlung dcr»conservativen Urwähler des ersten Berliner Landtags-Wahlkreises. Hier sprachen sich Prediger Hapke, Prediger de le Roi und Commissionsrath Demmler auf's Heftigste gegen die Juden und besonders gegen das Bundesgesetz vom 3. Juli 1809 aus, welches die Gleichstellung aller Eonfcssionen sestftellt. Professor Lasson versuchte demnächst, einen Protest gegen diese Art einer Wahlagitation zu begründen, welche fast zu der Meinung führen müsse, man befände sich in dem halbbarbarischen Rumänien. Die erregte Versammlung verzichtete darauf, die altera pars zu hören, worauf Herr Lasson seinen Posten als Mitglied des Wahlcomitcks niederlegte. Es bleibt nun wohl kein Zweifel übrig, daßdie Ultramontanen, Pietisten und Conservativen einig sind, mit allen Kräften einen Sturm gegen die Gleichstellung der Juden zu erheben. Diesem traurigen in Berlin aufgesührten Schauspiel gegenüber regt sich aber bereits der Widerspruch. In seiner am Mittwoch Abend stattgehabten zahlreichen Versannnlung hat der „Bezirksverein des Stralauer Stadtviertels" mit Stimmen-EinhMgkeit [ beschlossen, an die Stadtverordneten - Versammlung folgende; Petition zu richten: „Der Bezirksverein des Stralauer Stadtviertels spricht sein höchstes Befremden darüber aus, daß sich innerhalb der Mauern Berlins im Jahre 1879 Vorgänge abspielcn können, wie die von Herrn Hofprediger Stöcker seit. ' lange, speciell aber am Freitag d. 19. d. M. in Scene ge-! setzten Agitationen gegen Andersgläubige, besonders gegen das! Judcnthum, ohne von der Vertretung des öffentlichen Rechts gerügt zu werden. Durch die Seitens des Herrn Hofprediger Stöcker gepflegte Aufreizung gegen die Anhänger des Judenthums erachtet der Bezirksvcrein den Frieden der Berliner Bevölkerung auf das Acrgste bedroht. Da die Erhaltung dieses Friedens ganz besonders zu den Aufgaben des Stadtverordneten- Collegiums gehört und weil durch getvisse Vorkommnisse die Ehre des Stadtverordneten-Vorstehers, mithin die Ehre des ganzen Collegiums anzutasten versucht worden ist, so ersucht j der Verzirksverein des Stralauer Stadtviertels das Stadtverordneten-Collegium an maßgebender Stelle unverzüglich die! nöthigen Schritte einzuleiten, welche geeignet sein dürften, derartige Vorgänge in Zukunft unmöglich zu machen." In der Discussion über diesen Gegenstand wurde der Hoffnting Ausdruck gegeben, daß die gesammte Bürgerschaft Berlins Protest erheben j werde gegen das Gebühren gewisser Agitators», die unter dem Deckmantel der Religiosität Vertvirrung annchten in den ^Gemüthern und Haß und Zwietracht säen zwischen den verschiedenen Confessionen, wie dies nur möglich gewesen in den Zeiten mittelalterlicher Intoleranz. — Eine Bekanntmachung der Academie der Künste besagt: „Bei der Concurrenz der ersten Michael-Vecrschcn Stiftung nur für Bekenner jüdischer Religion und in diesem Jahr für Bildhauer eröffnet, sowie bei der Concurrenz der Meyerbeerschr« Stiftung für Tonkünstler ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses konnte der Preis wegen Unzulänglichkeit der von den Bewerbern eingcreichten Arbeiten nicht ertheilt werden." — Ein Israelit führt heute im ,Börs.-Cour/ über die Nichtrespectirung eines jüdischen Feiertages durch einen ,liberalew Bezirksvorstand folgende Beschwerde: „Als Beweis, daß die Anschauungen gctvisser Hofprediger auch in sogenannte,liberale Kreis«/ gedrungen sind, erlaube ich mir. Ihnen eine Einladung zur Vorversammlung des 97. Stadtbezirks cinzusenden, welche auf Freitag Abend, also den wichtigsten jüdischen Feiertag (Vorabend des Versöhnungstagcs), einberufen worden ist. Dem auf dem Aufruf Unterzeichneten Bezirksvorstand war dies vollkonunen bekannt, nichts desto weniger hat er es für gut befunden, etwa 2(0 jüdische Urwähler von der Theilnahme an dieser Besprechung auszuschließen und jede Candidatur derselben unmöglich zu machen. Der Bezirk hat, wie Sie aus dem Tableau ersehen, 21 Wahlmänner zu wählen, unter denen sich natürlich kein Jude besinden wird; den jüdischen Urwählern ist aber