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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-09-30 · Heft 40 (30.9.1879) · p. Seite 633

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 40 (30.9.1879)
Date
1879-09-30
Page
Seite 633 (sequence 9)
Language
German
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635 / Israeliten zählen lasten, schicken ihre Kinder an den heiligen Tagen in die betreffenden Schulanstalten und sahen bis jetzt gleichzeitig zu, wie ihre Kinder hierdurch ohne Gotteshaus und ohne öffentliche Gottesverehrung heranwuchsen. Um dem gänzlichen Erlöschen des Gefühls für Andacht und Erbauung vorzubeugen, haben wir uns hier zur Einführung eines Jugendgottesdienstes, welcher bereits in verschiedenen anderen israelitischen Gemeinden besteht, mit der Bezeichnung An dacht stunde, entschlosten. Die erste dieser Andachtstunden fand am ersten Tage des jüngsten Schabuoth-Festes statt, und seit diesem Tage wird sie regelmäßig aller vierzehn Tage, am Sabbath-Nachmittage, in unserer Synagoge, in Verbindung mit dem Mincho-Gebete, von unser Schuljugend, Knaben und Mädchen, gefeiert. Gewöhnlich werden zur Thora-Vorlesung aus der Reihe der Knaben diejenigen aufgerufen, welche ihr Bar-mizwa-Fest bereits gefeiert haben. Zum Gegenstand meiner religiösen Vorträge und Belehrungen bei diesem Jugendgottesdiensie wähle ich die Pirke- Aboth, welche seit Jahrhunderten als ein Theil des Sabbath- Mincho-Gottesdienstes -betrachtet werden und deren Inhalt für diesen Zweck als sehr geeignet gefunden wird. — Ehe dieser Jugendgottesdienst in unsere Gemeinde eingeführt wurde, legte ich Zweck und Plan für denselben in einer gedruckten Ansprache schon früher den Mitgliedern unserer Gemeinde zur Beurtheilung vor und wartete, ob sich von irgend einer Seite Aeußerungen gegen diese Einrichtung vernehmen lasten würden. Da aber solche mir nicht zugingen, konnte ich schließen, daß ich bei dieser cultucllen Einrichtung der Zustimmung meiner Gemeinde mich zu erfreuen habe. Im Allgemeinen wird in unserem öffentlichen Gottesdienste nicht die geringste Aendcrung vorgenonunen, ohne zuvor deren Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit mit einem Ausschüsse unseres gewöhnlichen Svnagogen-Publikums besprochen und dessen Zustimmung erhalten zu haben. Hierdurch ist cs uns möglich geworden, unsere hiesige Gemeinde vor jener unseligen Trennung zu schützen, welche leider zum Verderben des israelitisch religiösen Lebens in einigen Gemeinden unserer Nachbarschaft sich gestaltete. Trotz aller Jntriguen einer jüdisch-jesuitischen Orthodoxie, trotz aller ihrer sündhaften Verleumdungen, gemeinen und pöbelhaften Spöttereien ist es dieser grassirenden Geisteskrankheit bis jetzt nicht gelungen, in unserer Gemeinde epidemisch zu werden und wird hier auch, mit der Hülfe Gottes, niemals gelingen. Iw. S. Formstecher, Großhl. Rabbiner. Oesterreich-Ungarn. Wien, 12. September. <Privatmitth.) Ich kannte die polnische Synagoge hier, als sie noch im alten Bagaerhofe war. Welch' ein Bild der Verwahrlosung und des Schmutzes bot diese Betstube damals! Gestern jedoch wurde die neu-! erbaute Synagoge der polnischen Juden hier eingeweiht. Es; ist ein einfaches Haus, aber dem Zwecke entsprechend und dazu licht, hell und rein. Wahrlich, man hätte auch eine ganze Nacht zu erzählen, wenn man Alles berichten wollte, was diese Metamorphose berbeigeführt hat. Ich werde mich jedoch recht kurz fasten, da ich blos das jedenfalls intereffante Factum registriren will. Es fanden sich bei der Einweihung zahlreiche Honoratioren von Seite der Behörden, Vorsteher, Mitglieder und Beamte der israelitischen Gemeinde ein. Mich freute es insbesondere, den ehemaligen Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Leopold Ritter von Wertheimftein, der sich schon seit längerer Zeit vom öffentlichen Leben zurückgezogen hat, da er im Greisenalter steht (er ist im achtzigsten Jahre) neben mir zu finden und zwar körperlich und geistig vollkommen rüstig. Möge ihn Gott noch lange erhalten! Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Güdemaun. Dieselbe war vollkommen angemessen und zweckentsprechend und erwarb sich auch den lebhaften Beifall der anwesenden christlichen Ehrengäste. Schließlich will ich noch hcrvorheben, daß die polnischen Juden hier stets treu zur Muttergemeinde hielten und nie Secessionen begünstigten oder förderten. Sie haben auch keinen eigenen Rabbiner und ist dem Rabbiner der Gemeinde, jetzt Herr l >r. Güdeinann, statutarisch ein Betplatz reservirt. Budapest, den 15. September. (Privatmitth.) Eine ganz eigenartige Judenfrage hat in den letzten Wochen die Gemüther der hiesigen Israeliten sehr lebhaft beschäftigt. Mit der alljährlich wachsenden Zunahme der hiesigen Gemeinde nimmt auch nämlich die Zahl der die Gymnasien besuchenden jüdischen Jugend von Jahr zu Jahr zu. Run sind aber fast alle Gymnasien der hiesigen Stadt streng eonfessionell, insofern sie von den verschiedenen Eonsessionen gegründet wurden: es giebt hier ein evangelisches Gymnasium, ein resormirtes, ein Piaristen- Gymnasium und selbst das sogenannte Staatsgymnasium erhält seine Subsidien aus dem katholischen Religionsfond. Alle diese Gymnasien nehmen selbstverständlich in vorderster Reihe die Schulen ihrer Eonfcssion auf, sodaß Hunderte von jüdischen Schülern zurückgewiesen werden mußten. Im Interesse der zurückgewiesenen jüdischen Knaben beschloß der Vorstand, beziehungsweise der Ausschuß der Gemeinde, eine Vorstellung an den Enltus-Minister behufs schleuniger Abhülfe dieser Uebelstände und wurde eine Deputation von 7 Mitgliedern an den Minister mit der erwähnten Mission entsendet. Bevor diese Deputation von dem Minister noch empfangen wurde, richtete derselbe an Herrn Martin Schweiger, den Präsidenten der israelitischen Landeskanzlei, das folgende Schreiben! In Erledigung Ihrer Unterbrcitungen vom 10. Jänner und 21. April d. I., Z. 5534 eröffne ich Cw. Wohlgeboren, daß ich die Absicht habe — in Berücksichtigung besten, daß sowohl die confessionellen, als auch die Staatsgymnasien zu Budapest überfüllt find und sich diesbezüglich auch der allgemeine 40

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