Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-09-30 · Heft 40 (30.9.1879) · p. Seite 632

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 40 (30.9.1879)
Date
1879-09-30
Page
Seite 632 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227231-3227272--37490-3256899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

632 Beschränkung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden bereits fertig sei, und daß sie dabei auf die Mithülfe der Conservativen rechne. Offenbar will sie damit die Juden in Furcht setzen, damit diese bei den bevorstehenden Verhandlungen zu Gunsten des Ultramontanismus Schweigen beobachten. Zugleich insinuirt sie ihnen dieses Schweigen als „Schlauheit", um den Juden einzureden, daß sie sehr schlau seien, wenn sie schweigen. Damit wird sie schwerlich auf die Dauer Erfolg haben, und sie muß sich bereits mit ungeheurer Entrüstung gegen die „Frankfurter Z." erheben, die sich auch ein wenig in den Kampf mischt. Das Ganze bietet ein sonderbares, aber leider zugleich ein trauriges Schauspiel. Hamburg, 10. Sept. (Privatmitth.) Hier wurde gestern Abend eine neue Synagoge feierlich eingeweiht, die in dem geräumigen Saale des Hauses Jungfernstieg Nr. 20 zu ungefähr 300 Sitzen eingerichtet worden ist. Es hat damit folgende Bewandtniß. Or. Jsaacsohn, früher Rabbiner zu Rotterdam, seit mehreren Jahren hier wohnhaft, hat, veranlaßt durch einen Verein, in einem öffentlichen Locale jeden ztveiten Sonnabend religiöse Vorträge gehalten. Diese erfreuten sich eines bedeutenden Zuspruchs. Nun wollte er aber nicht länger in solch einem Locale seine Vorträge halten; es tvurde daher vertraulich angefragt, ob ihm vielleicht die Synagoge der dcutsch-isr. Gemeinde am Sonnabend nach beendigtem Gottesdienst zur Verfügung gestellt werden würde. Rabbiner Stern schlug dies aber rundweg ab und setzte überhaupt jeden Anstand dem Di-. I. gegenüber aus den Augen. Infolgedessen sahen sich denn mehrere wohlhabende Familien und Anhänger des I)r. I. veranlaßt, die Fonds zur Gründung einer neuen Synagoge herbeizuschaffen. — Ob diese Bewegung aber von dauerhafter Wirkung sein wird, ist fraglich. Iw. I. stellt als seinen Grundsatz auf: „Wir nehmen jede Neuerung an, die mit dem Schulchan Aruch sich verträgt." Hiermit steht er auch der Neuorthodoxie gegenüber, welche nur solche Neuerungen sich gefallen läßt, die ihr belieben, und die sie in den Schulchan- Aruch hineininterpretiren kann. Kurz, Iw. I. zieht durch seine vorzüglichen, der Masse verständlichen Vorträge eine große Zuhörerschaft an, während der Oberrabbiner Stern sie durch seine nüchternen, inhaltsarmen, vom Papiere abgelesenen Reden abstößt. Zu der Einweihungsfeier kamen daher von der jüdischen Geistlichkeit, wenn ich so sagen darf, Hamburgs und Altonas nur die beiden Tempelprediger, die I)r. Sänger und Jonas. Darüber wird sich Dr. I. leicht mit dem Erfolge, den auch seine Einweihungsfeier erwarb, trösten, und jedenfalls ist die durch ihn hervorgerufene Bewegung beachtenswerth. HiUIlbm'g, 22. September. (Privatmitth.) Der kürzlich Hierselbst verstorbene Kaufmann Johann Heinrich Goßler (Christ) vermachte unter anderen bedeutenden Legaten jeder der nachfolgenden Anstalten 3000 Mrk.: Der israelitischen Stiftungsschule von 1815, der israelitischen Mädchen-Gcmeindeschule,! der Talmud-Tora und der israelitischen Mädchenschule von 1798. Ehre seinem Andenken. Dortmund, im September. Die hiesigen Israeliten haben endlich, den unermüdlichen Angriffen der ultramontanen „Tremonia" müde, gegen welche sie doch nirgends Schutz finden, beschlossen, diesem Blatte keine Inserate mehr zuzuwenden. Man kann ihnen vernünftiger Weise zu diesem Beschlüsse nur Glück wünschen. Wer sich nicht wehrt, wie er kann, verdient geprügelt zu werden. Kurios ist es aber nun, welch ein Geschrei die ultramontane Presse über diesen Beschluß der hiesigen Juden erhebt. Ofsenbach a. M., im September. (Privatmitth.) Dem geschätzten Berichte meines verehrten Freundes und College», des Herrn Rabbiners Dr. Levi zu Gießen, in Nr. 35 l. I. über die Stellung des Jugendunterrichtes in unserem Großhcrzogthum Hessen, erlaube ich mir als Anschluß folgende kurze Mittheilung aus unserer Religionsgemeinde dahier über denselben Gegenstand anzureihen. Seit dem Beginn des laufenden Schuljahres erfreut sich der israelitische Religionsunterricht an unserer Realschule dahier derselben obligatorischen Stellung, Aufsicht, Pflege und Remuneration wie jeder andere obligatorische Unterricht an dieser höheren staatlichen Lehranstalt. Unsere hiesige Realschule, welche ihren Schülern der obern Classen bei dem Austritte aus derselben das Recht zum freiwilligen einjährigen Militärdienst erthcilt, wurde, laut dem Programme des jüngsten abgelaufencn Schuljahres, von einhundert israelitischen Schülern besucht, eine Zahl, welche im laufenden Schuljahre sich noch vergrößert hat. Diese Knaben empfangen im Realschulgebäude vier Mal in der Woche den israelit. Religionsunterricht in zwei Classen von dem an unseren städtischen Bürgerschule dahier angeftelltcn isracl. Lehrer, Herrn Heyum. Knaben vom zwölften bis zum dreizehnten Lebensjahre besuchen, gemeinschaftlich mit den gleichbejahrten Mädchen, den vom. Unterzeichneten in einem Locale der städtischen Bürgerschulen zweimal wöchentlich erthcilten Consirmanden-Unterricht, welcher mit der seit 1832 dahier bestehenden Confirmation in der Synagoge schließt. Die consirmirten Knaben besuchen dann im Realschulgebäude, bis zu ihrem Austritte aus der Realschule, den vom Unterzeichneten erthcilten Unterricht in den höheren Religionslchren und der jüdischen Literatur; ein Unterricht, welcher ebenfalls zu den obligatorischen Unterrichtsgegenständen der Realschule gehört. Als eine neue, seit dem jüngsten Wochenfeste bestehende Einrichtung für die Pflege der religiösen Erziehung unserer israelitischen Kinder dahier muß der, alle vierzehn Tage stattsindende Jugcndgottesdicnst genannt werden. Unser öffentlicher Gottesdienst am Morgen der Sabbath- und Festtage wird von unserer Schuljugend nur zur Schulfcrienzeit zuweilen, außer dieser aber im ganzen Jahre niemals besucht. Denn sogar die- | jenigen Eltern, welche sich gern zu den sogenannten orthodoxen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.