Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1879)
- Date
- 1879-09-30
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227272--37489-3256898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
631 12 Jahrhunderte mit einer einzigen Cultusstätte begnügt, obschon es in einem Lande von c. 470 ÜMeilen ansässig war, und denselben Vorschriften gemäß war es nur verpflichtet, drei Male im Jahre an dieser Cultusstätte zu erscheinen. In der Natur dieser Anordnung lag es, daß dennoch nur eine verhältnißmäßige Anzahl zu diesen Festen ziehen konnte, und wir sehen daher z. B. daß der fromme Elkana (1. Sam. 1.) jährlich nur einmal zum Heiligthume pilgerte und zwar nicht immer mit allen Gliedern seiner Familie. Wenn in den letzten Jahrhunderten .des zweiten Tempels neben diesem die Synagoge allmälig entstanden, so geschah dies vorzugsweise aus Bedürfniß nach religiöser Unterweisung und noch allmäligcr bildeten sich die sg. PslichtgeLete heraus. Ein nicht zu übersehender Charakterzug scheint mir nun ferner darin zu liegen, daß, während solche allgemeine Volksgottesdienste nur für jene drei Feste, nicht aber für Nosch-Haschana und Jom-Kippur vorgeschricben und in Hebung waren, gerade auf diese beiden letzteren das höchste religiöse Interesse und zivar unter Anleitung der Lehrer des Talmud selbst sich lenkte, so daß in unserer Zeit diese Wallfahrt des gesammten Volkes zu seinen Gotteshäusern gerade an diesen beiden Festen vor sich geht. Der sich hierin offenbarende Zug besteht darin, daß der Volksgeist die bloßen historischen Erinnerungen nicht für stark genug erachtete, um das religiöse Interesse Aller für immer zu fesseln, ebensowenig der an sich bedeutende Inhalt jener drei Feste mit ihren Beziehungen zur Ernte, deren Bedeutung in den veränderten Oertlichkeiten und Lebensverhältnissen sich für die Individuen abschwächte. Das religiöse Interesse warf sich daher vielmehr auf die höchsten menschlichreligiösen Ideen von der Vorsehung, vom göttlichen Gericht und von der Sündenvergebung, die sich eben in den beiden anderen Festen ausgestalteten. Wie gesagt, hiermit will ich die gegenwärtigen Zustände nicht rechtfertigen, aber es scheint mir doch in dieser meiner Betrachtung eine Erklärung zu liegen, welche auf eine liefere Begründung dessen, was sich uns als Erscheinung in der Gegenwart allsdrängt, hinweist. Berlin, 17. September. (Privatmitth.) Schon lange wirft man deir Juden unb wohl nicht ohne Berechtigung eine starke Empfindlichkeit vor, so das; sie nicht blos jeden Angriff, sondern schon irgend welche Andeutung, die gar nicht so arg gemeint ist, lebhaft aufgreifen und energisch zurückweisen. Diese Empfindlichkeit hat sich aber allmälig gelegt, und sicherlich hat nicht wenig hierzu in der neueren Zeit die Häufigkeit und der fanatische Blödsinn jener Angriffe beigetragen. Es wäre unmöglich, auf jeden derselben zu antworten, und ebenso unnütz, da die Gegner in eine Kampfweise eingetreten sind, in welcher eine Widerlegung um so tveniger am Platze ist, als diese rohen Gesellen doch nur immer von Neuem ihre verlogenen Tiraden und ihre falschen extravaganten Angaben wiederholen. Hingegen scheint diese Empfindlichkeit, besonders den Juden gegenüber, auf ihre Gegner, die Ultramontanen, übergegangen zu sein. Im Ganzen beobachtet die liberale Presse dem lärmenden, aggressiven Vorgehen der Ultramontanen gegenüber Stillschweigen und bricht dies nur dann, wenn es sich um Thatsachen auf dem politischen und socialen Gebiete handelt. In theoretische Plänkeleien läßt sie sich mit ihr nicht ein. Am meisten bewahren ihre Ruhe diejenigen Blätter, bei denen Juden als Nedactcure beschäftigt sind. Tritt aber einmal eine Ausnahme ein, so steht sofort das ganze ultramontane Lager zum Alarm auf. Vor Kurzem hatte das „Berliner Tageblatt" einen Artikel „Gegen Nom" gebracht. Alsbald bricht die „Germania" in einen Verwünschungsschwall über alle Juden aus, die doch an dem Artikel des B. T. völlig unschuldig sind. Sie führt ihnen ein langes Sündenregister vor und meint, die Juden schwiegen nur aus Schlauheit auf alle die ultramontanen Angriffe, und das „B. T." hätte nur in einem schwachen Augenblick dieses Schiveigen gebrochen. Was sie eigentlich von den Juden verlangt, läßt sich dahin zusammenfassen-: sie sollen nichts haben und sollen nichts sein. Sie möchten so gern, daß die Juden nur Statisten seien, die geistig und leiblich von den Brosamen leben mögen, welche von den Tischen der Herren Käpläne und ihrer Anhänger herabfallen. Das werden sie aber so wenig erleben, tvie das; sie jemals wieder ihrJoch der Menschheit auf den Nacken legen können! Berlin, 21. September. (Privatmitth.) Von hier aus schrieb vor Kurzem ein Eorrespondent der „Köln. Z." „Die cvnfessionellen Hetzereien innerhalb der jetzigen Wahlagitation, zu deren Trägern sich freilich Hofprediger und andere evangelische Geistliche hergegebcn haben, hat in höchsten Kreisen und an maßgebenden Stellen der Negierung laute und lebhafte Mißbilligung gefunden, und wir erfahren, daß bezüglich der gesammten Ausschreitungen in der gedachten Richtung ernstlich von einem Einschreiten der Behörden bereits die Rede tvar." Auch tvir glauben, tvie Andere, daß in diesen Worten mehr ein Wunsch als die Wirklichkeit ausgedrückt ist. Denn allerdings gehen jetzt die Judenhetzer mit einer so schamlosen Offenheit zu Werke, tvie man es niemals für möglich gehalten hätte, und dabei wird jede Gegenäußerung eines Juden zu einer ungebührlichen Frechheit gestempelt. Der ultramontane Abg. Eremer hat in einer Versammlung des Berliner Vereins der Eentrumspartei eine Rede gehalten, in welcher er die Juden auf's Heftigste schmähete. Hiergegen wandte sich in einer Wählerversammlung De. Straßmann, der vieljährige Vorsitzende der Berliner Stadtverordneten-Versammlung, indem er vor der, von allen Seiten aufsteigenden Neaction warnte. Dies drehte nun die ofsiciöse „Nordd. A. Z." dahin, als ob Straßmann die staatliche Neaction gemeint habe und legte gegen den und die Juden los. Dies darf uns nicht abhalten, den Fehdehandschuh aufzuheben. Denn in der That scheint es sich nicht mehr blos um ein Zeitungsgeplänkel zu handeln. Die „Germania" giebt täglich zu verstehen, daß in ihrer Partei der Plan zur