Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1879)
- Date
- 1879-09-30
- Page
- Seite 630 (sequence 6)
- Language
- German
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630 Es heißt weiter: „Von Interesse dürfte es bei dieser Gelegenheit sein, zu constatiren, daß in sieben Mittelschulen Wiens die Gesammtzahl der katholischen Schüler 1340, die der israelitischen 1038, die der protestantischen NO beträgt, gewiß höchst beredte Ziffern. Dabei ist noch zu bemerken, daß in drei dieser Mittelschulen die Zahl der jüdischen Schüler die der katholischen nicht unbedeutend übersteigt. So zählt z. B. das Communal-, Real- und Obcrgymnasium in der LeopoldstadL nur l 16 katholische gegen 3N0 jüdische, die Staatsoberrcalschule ebendaselbst 224 katholische und 254 jüdische, und die k. k. Unterrealschule ebendaselbst (14 katholische und 138 jüdische Schüler. Sollte es sich da für Staat und Commune nicht empfehlen, etwa zwei oder drei der bestehenden Mittelschulen ausschließlich den Juden einzuräumen, die übrigen aber den Katholiken vorzubehalten und es den Protestanten freizustellen, die katholischen oder die jüdischen Mittelschulen zu besuchend" Im weiteren Verlauf dringt die Correspondenz auch auf die Gründung eigener jüdischer Volksschulen und auf die Beseitigung jüdischer Lehrer an öffentlichen Schulen. Man sieht, diese Leute sind sich ihres Zieles klar bewußt. Wir unsrerseits können unsere dortigen Glaubensgenossen nur auffordern, sich dieser Errichtung gesonderter jüdischer Gymnasien mit aller Macht zu widersetzen. Wir wissen sehr wohl, daß es auch in unserer Mitte Leute giebt, welche für die Errichtung eines jüdischen Gymnasiums schwärmen. Aber es giebt eben in allem Volke blinde Fanatiker. Solche jüdische Gymnasien würden nach ztveien Seiten hin unabsehbare Schäden mit sich führen. Sie würden den festen Anhaltspunkt für alle confessionelle Spaltung und für die wicdereingeführte Ausschließung der Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens geben. Der zu Grunde liegende Gedanke ist kein anderer, als wo ein jüdischer Schüler sitzt, könnte und sollte ein christlicher sitzen, und ferner der Gedanke: die Christen müssen von den Juden getrennt sein, theils um die Vorurthcile gegen die letzteren bei den ersteren zu bewahren und die. Juden als abgesonderte, ausgeschlossene Menschen zu charakterisiren, theils um jede Verbindung, jeden Verkehr, jede gegenseitige Beeinflussung zwischen Juden und Christen zu hintertreiben. Beide Gedanken werden aber dann auch auf die Universitäten und auf alle Gebiete des öffentlichen Lebens übertragen werden. Der andere Schade würde ein innerer sein. Der Geist in einer streng geschiedenen cvnfessionellen Schule wird, selbst unbewußt, ein durchaus einseitiger, gestaltet sich in Form, Methode und Geistesrichtnng zu einem einseitigen und der jüdische Geist hat Charakter genug, um dieser Einseitigkeit Inhalt und Leben in reichem Maße zu gewähren. Gerade darum ist für ihn Abgeschlossenheit und Ausschließlichkeit gefährlich. Es ist offenbar, daß unsere Gegner im augenblicklichen Zuge der Zeit eine Constellation gekommen glauben, in welcher sie die bürgerliche Gleichstellung und die geistige Ausbildung der Juden zurückschrauben, möglichst cindämmen, die Juden rechtsbeschränkt und mundtodt machen zu können vermeinen. Es ist dies von ganz realer Bedeutung. Der erste, aber sehr wirksame Schritt tväre die Ausschließung der jüdischen Jugend von den Gymnasien und Mittelschulen, gerechtfertigt durch die Errichtung gesonderter jüdischer Gymnasien. Principiis obsta! Hiergegen also die kräftigste Abwehr! (Fortsetzung folgt.) 2t eil 11 u cj M uxc & tic (ateu/. Deutschland. Berlin, 16. Sept. (Privatmitth.) Die Zahl unsrer Synagogen wächst von Jahr zu Jahr, nicht sowohl aus dem Bedürsniß der verschiedenen religiösen Richtungen, als vielmehr aus örtlicher Nothwendigkeit, da jene frühere, auch freiwillige Zugkraft nach einer bestimmten Gegend der Stadt längst aufgchört hat und unsere Glaubensgenossen durch alle Thcile der großen Reichshauptstadt tvohnhaft sind, und die Entfernungen zu groß, um sich mit den Gotteshäusern im Mittelpunkt der Stadt begnügen zu können. Es müssen daher Synagogen in allen Stadtvierteln hergestellt werden. Daß diese dann im Einzelnen in ihrem religiösen Charakter sich nach den Wünschen derer einrichtcn, welche sich derselben anschließen, ist natürlich. Jndeß leiden die Hauptsynagogen durch die Vermehrung der anderen nicht im geringsten, da sie längst nicht mehr ausreichten und die Zahl der hiesigen jüdischen Einwohner noch immer wächst. Es kann daher trotz alledem nicht vermieden werden, daß für die hohen Feiertage in gemietheten, geräumigen, wenn auch nicht immer angemessenen Localen Gottes- ' dienste eingerichtet iverden, Unternehmungen, deren Nutzen nicht i verkannt werden kann, die jedoch nicht immer in die geeigneten! Hände fallen. — Bekanntlich wird dieses Zuströmen aller Bekenner des Judenthums zum Gottesdienste an Nosch-Haschana ' und Jom-Kippur von den Hyperorthodoxen mit Achselzucken be-! trachtet, und höhnisch auf die, im Laufe des Jahres oft leeren Räume der bestausgestatteten Synagogen hingewiesen. Ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß auch ich es anders wünschte, daß in unsren Glaubensgenossen das religiöse Bedürfniß weit stärker sein und öftere Befriedigung verlangen müßte. Jndeß giebt cs doch geheime Charakterzüge in der Volksseele, die nicht zu übersehen sind. Auf Grund der mosaischen Vorschriften hat das israelitische Volk sich über