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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-09-30 · Heft 40 (30.9.1879) · p. Seite 627

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 40 (30.9.1879)
Date
1879-09-30
Page
Seite 627 (sequence 3)
Language
German
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627 ganze materielle Leben doch nur der eine Factor in der großen Umwandlung der Daseinsverhältnisse der Juden. Der andere, in sich noch wirksamere Factor war das Eingehen in das gesannnte Geistes- und Kulturleben der civilisirten Völker. Die jüdischen Geister wurden von dem beschränkten und eingezäunten Boden auf das allgemeine Niveau der geistigen Thätigkeit und Richtungen, in das allgemeine Denken und Fühlen, Streben und Ringen mit allen seinen Nuancirungen und Gegensätzen verpflanzt; die Jugend trat in die öffentlichen Schulen ein und Unterricht und Erziehung wurden denen der übrigen Welt gleich. Hiermit war äußerlich und innerlich dem ganzen Complex der bisherigen jüdischen Lebensformen, des tradirten Gesetzes, der überlieferten Sitte theils der Weg abgeschnitten, theils die Nahrung genommen, theils der Gegensatz ausgestellt. Es geriethen von diesen Lebensformen nach und nach immer mehrere außer Uebung, immer wichtigere in Wegfall. Aber was noch mehr bedeutet: die religiöse Anschauung veränderte sich gänzlich. Das talmudisch-rabbinische Princip ist: alles Religiöse und Ethische, wie das Politische und Sociale ist Rechtssache, Jus, Gegenstand bestimmter und formulirter gesetzlicher Vorschriften. Die moderne Anschauung ist: alles Religiöse und Ethische ist Sache des Gewissens, j welches sich nach den allgemeinen, unveränderlichen Lehren der j Religion und der religiösen Ethik in seinen individuellen! Handlungen bestimmt. Hiermit ist jedoch selbstverständlich! auch das individuelle Gewissen an die Religion und ihre Ethik! gebunden, und da die Religion auf der geschichtlichen Tradi- timt, auf dem geschichtlichen Fundament beruht, so ist auch in! dieser Anschauung der Anschluß an die ganze geschichtliche! Entwicklung des Judenthnms gegeben, nur daß sie der for- : mulirten Erscheinungsgestalt desselben nicht die unbedingt bindende Gewalt einräumt, welche sie bis jetzt besaß. — Hier-; aus ergeben sich alle die Wandlungen, die vor sich gegangen,; alle die Erscheinungen, die Sie stigmatisirt haben. Hieraus crsließt aber auch die Ucberzeugung, daß das Judenthum j damit beschäftigt ist, sich für diese große dritte Phase um- und neuzugestalten, um in derselben lebens-! kräftig und lebenswirksam fortzubestehen. Daß^ dieser Prozeß eine längere Zeit in Anspruch nimmt und nehnten muß, ist einsichtlich; daß er auch eine Reihe negativer, Wirkungen mit sich bringt, ist ebenso erfahrungsmäßig. Aber so wenig, wie Befürchtungen über den Fortbestand des Judenthums der Blick auf die Zustände im ersten Jahrhundert nach der Zerstörung Jerusalems rechtfertigte so wenig sind sie gegenwärtig innerhalb der beobachteten Zustände begründet! Ich gestalte mir, hierauf noch näher einzugchen. (Fortsetzung folgt.) 8er Kampf m Rumänien. XI. In Bukarest beginnt ein neuer Act der dort schon so lange spielenden Tragicomödie. Die Minister sind wieder da; die Kammern versantmclt; es werden geheime Sitzungen gehalten; die Minister machen Eröffnungeen; von einem bestinnnten Gesetzentwurf ist noch gar nicht die Rede. Das Jntriguenspiel ist also wieder im vollen Gange und die Rollen werden vcrtheilt. Ob und in wie weit die Großmächte sich herbeilassen, daran Theil zu nehmen, wiffen wir noch nicht, es sei denn von Graf Andrafsy. Beobachten wir den ferneren Verlauf. Die Rumänen sind Meister in solchem Spiel und tvir haben daher in diesenr Genre große Leistungen von ihnen zu erwarten. Die „N. Fr. Pr." vom 15. d. enthält Folgendes: Morgen beginnen in Bukarest die Kammerdebatten über die Judenfrage. Dieselben werden, wie man glaubt, zehn Tage dauern, bis Senatoren und Depntirte zur Abstimmung über de» Entwurf schreiten, den die Regierung ihnen zur Lösung der Frage vorlegen wird. Einstweilen wüthen die oppositionellen Organe gegen dm Druck der Mächte, als tväre es ihnen Kinderspiel, ganz Europa in die Tasche zu stecken. Im Verlaufe der Discussion dürste dieses Bojarmspectakcl allmälig abnehmen, das am letzten Endedoch nur gegen die liberal-.':'. Mitglieder des Eabinets Bratiano und namentlich gegen Bratiano selbst gerichtet ist. Der „Köln. Z." wird von demselben Datut» lelegraphirt: „Der Minister des Auswärtigen, Boercscu, ist hier wieder eingetroffen. Auf Verlangen des Ministerpräsidenteit Bratiano sind die beiden Kammern zu einer geheimen Sitzung zusammengetreten, um eine Mittheilnng der Regierung cntgegenzunehmen." Bukarest, 10. September. Die Kammer hat heute uitter detn Vorsitze Rosetti's eine Sitzung abgchalten. Es waren 115 Depntirte anwesend. Sämmtliche Minister wohnten der Sitzung bei. Von Seiten der Regierung wurde kein Gesetzentwurf, betreffend die Versasiungsrevision, vorgelegt. Die Sitzung begann mit der Verlesung des Eoimnissionsberichtcs, in welchem die verschiedenen Phasen, die die Frage, betreffend die Versassungsrcvision, bis jetzt durchlaufen hat, und die bezüglichen Projecte, welche im Schooße der Connnission erörtert tvorden sind, auseinandergesetzt wurden. Der Berichterstatter beantragte schließlich die Annahme des bereits am 5. Juli gemeldeten, von der Conunission abgeänderten Entwurfs der Majdrität, welcher verlesen wurde. Die ursprüngliche Fassung des Entwurfs zur Abänderung des Artikels VII. der Verfassung lautete: Fremde aller religiösen Bekenntnisse können das Jndigenat erlangen. Gesuche um Naturalisirung sind unter Angabe der Familienverhältnisse, der Beschästigung und der Vermögensverhälttnsse an den Fürsten 40*

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