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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-09-30 · Heft 40 (30.9.1879) · p. Seite 626

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 40 (30.9.1879)
Date
1879-09-30
Page
Seite 626 (sequence 2)
Language
German
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Juden mit vollem Herzen folgte, und daß ich von jener modernen Hyperorthodoxie, welche durch Bann und Verketzerung den Laus der Dinge aufhalten und in zelotischem Eifer die jüdische Welt zur Erstarrung bringen will, gar nichts halte; auch sehe ich vor mir schon die Kinder der Anhänger dieser Richtung von ihr absallen und mit ihren Eltern in Widerspruch. Aber gerade deshalb werden die geäußerten Zweifel in mir immer lebhafter, und ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie dieselben zum Gegenstände Ihrer Betrachtung machen möchten." — So schreiben Sie mir, und ich versuche, von meinem Gesichtspunkte aus Ihnen zu antworten. Sie wissen, daß dieser wesentlich ein geschichtlicher ist, und es wird Sie daher nicht überraschen, wenn ich diesen Weg betrete. Versetzen Sie sich, werther Freund, mit mir einmal in die Seele eines Mannes einige Zeit nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, sagen wir, in die Seele des Flavius Josephus, der in Rom Schreiber des Kaisers Titus geworden. Was hatte er für ein Schauspiel vor sich, wenn er seinen Blick auf die Lage seines Volkes und seiner Religion wandte? Für einen Verrather halte ich nämlich Josephus nicht; er war ein eitler, ehrgeiziger Mann, aber hing aufrichtig an seinem Glauben und an der Ehre desselben und seiner Nation. Daß er die Dinge anders ansah, als Die, welche Jerusalem bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigten, und daß er in der Unterwerfung unter das Schwert des Römers, bevor die äußerste Katastrophe eingetreten, das Heil zu sehen glaubte, kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn er theilte diesen Glauben mit Männern von größter Autorität. Er war Pharisäer und huldigte der Tradition, soweit diese sich bis dahin entwickelt hatte. Was sah er nun vor sich? In die römischen Verhältnisse eingeweiht, konnte er keine Wiederherstellung der nationalen Selbstständigkeit, erhoffen. Das heilige Land tvar römische Provinz, verödet, voll Trümmerstätten, das jüdische Volk theils niedergemetzelt, theils als Sclaven verkauft, theils in einzelnen kleineren, nur hier und da etwas größeren Gruppen durch alle Länder zerstreut, gehaßt, verfolgt, von der Gesellschaft ausgeschlossen, verachtet. Die übrig gebliebene Menge war ohne allen sichtlichen Zusammenhang, ohne Mittelpunkt, in Unkenntniß mit den Verhältuiffen der übrigen Welt und auch in religiösen Dingen durchaus unwissend. War doch der einzige Brennpunkt, welcher für das jüdische Wiffen und eine gesetzliche Autorität bestanden hatte, Jerusalem, vernichtet, und die wenigen am Leben gebliebenen Gelehrten und Lehrer schienen verschwunden. Denn was aus dem nach Jabne geretteten „brennenden Scheit" sich entzünden sollte, konnte er nicht vorauswissen. Die übrige Menge, tvie in Alexandrien, Antiochien, Athen, Rom, gehörte zum „Am haarez“. Der Cultus, der anderthalb Jahrtausende allein in-Israel bestanden, war untergegangen, seine Stätte verbrannt, seine Priester tobt oder verjagt. Gering waren und noch wenig verbreitet in der Maffe die Gebetformeln, welche, damals noch von armseligem Scheine, jene großartige Cultusorganisation ersetzen sollten. Ich frage Sie, werther Freund, welche Hoffnungen konnten im Geiste eines solchen Mannes leben, der bei genauer Kenntniß der Lehre und des Gesetzes und bei fester Glaubens treue, wie er sie ja in seinen Schriften vor der ganzen griechischen und römischen Welt bekundete, doch an sich selbst die tiefe Wirkung der damaligen weltlichen Bildung erfahren hatte? Wohin sein Blick siel, nichts als rauchende Trümmer der früheren geistigen und weltlichen Besitzthümer seines Volkes, Alles in Ruinen. Nation, Cultus, Lehranstalten höchster und niederer Stufe, Alles geknechtet, zersplittert, im Staube! . . . Wie konnte er ahnen, welch' großartiger geistiger Bau sich aus diesen Trümmern und Ruinen erheben werde? ahnen, wie sich diese Maffe zerstreuter und verfolgter Menschen um ihr geistiges Palladium sammeln und schaaren und trotz ihrer Zersplitterung und des Mangels an jedem Mittelpunkte und jeder Organisation eine große und feste Einheit bilden werde? ahnen, welch' eine Widerstandskraft auf Jahrtausende hin in diesem auseinander gejagten Häuflein sich entfalten werde?... Sie geben mir zu, daß in jener Zeit, als der jüdische Stamm in seine zweite Phase, in die Epoche der Zerstreuung, Unterdrückung und Ausschließung trat, es für einen, in der Mitte der römischen Welt lebenden Geist fast an Wahnsinn gegrenzt hätte, solche Hoffnungen zu hegen und die übermächtigen Zweifel in seiner Brust zu besiegen: diese Unglücklichen könnten bestehen bleiben und ihre Religion einen neuen, glänzenden Aufschwung nehmen! Ging doch der eine Theil der düsteren Aussichten in vollem Maße in Erfüllung und nach der späteren kurzen Periode des römischen Bürgerrechts trat die Zeit der finstersten Verfolgung ein. Aber jede andere Befürchtung tvar eitel. In diesem kleinen, verarmten und beschränkten Stamme lebte ein Geist, der sich auch unter dem Joche erhob, den feindlichen Elementen widerstand, auf den Trümmern der Vergangenheit einen neuen Geistesbau begann, durchführte und für sich auf anderthalb Jahrtausende zum geistigen Wohnhause ausbaute. Wozu ich Ihnen dieses geschichtliche Bild entwerfe? Wohl, Sie hegen mit mir die Ansicht, daß Judenthum und Juden mit dem Ende des vorigen Jahrhunderts in die dritte große Phase ihrer Existenz getreten sind, eine Phase, die sich auf's Wesentlichste von den beiden früheren unterscheidet, und deshalb völlig verschiedene Lebensbedingungen stellt. Daß dieser Eintritt in eine neue Phase kein lvillkürlicher, sondern eine aus der weltgeschichtlichen Entwicklung erfließende Nothwendigkeit, also ein Werk der Vorsehung war, will ich hier nicht noch einmal auseinandersetzen. Sowohl der Rechtsstaat als auch die ganze moderne Gesellschaft vermag besondere und ausgeschloffene Körperschaften nicht zu ertragen. Jndeß war die bürgerliche Gleichstellung und das Eingehen in das

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