Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1879)
- Date
- 1879-09-23
- Page
- Seite 618 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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618 gesprochen. Ich fragte weiter, welche Religion sie bekennen, und sie sagten mir, das; sie der Religion von Moses anhingen. Als ich sie nach dem Namen des Gottes, den sie anbeleten, fragte, erwiedcrtcn sic „Yo-cho-a-eha“ (Jehova), eine Aussprache, welche wahrscheinlich angenommen worden, um eine profane Aussprache jenes heiligen Namens zu vermeiden. Dann fragte ich sic, ob sie eine Nolle des Gesetzes Moses besäßen. Sie antworteten: „Wir besahen mehrere Scfarim, (Gesetzesrollcn», aber Fremde, die hierher kamen und von denen wir nicht wußten, ob sie Israeliten oder nicht seien, nahmen sie uns fort, indem sie Vorgaben, das; sie sie nur durchsehen und uns dann wiedergcbcn wollten. Aber einmal in ihrem Besitz, behielten sie sie." Es.kam mir so vor, als ob diese Rollen zu' einem sehr hohen Preise den Annen dieser Stadt abgekaust tvorden seien. Wenn einer von diesen Leuten noch eine Gesetzesrolle besitzen sollte, würde er sic keinem Fremden wieder zeigen. Man erzählte mir, das; zweihundert von ihren Familien nach Pekin gezogen seien und drei Rollen mit sich genommen hätten. Einige meiner Berichterstatter crtvähnten, daß sie früher in dieser Stadt eine sehr schöne Synagoge besessen hätten, welche nach einern Modell des Tempels in Jerusalem geballt worden sei und mehrere Jahrhunderte gestanden hatte. In cinein beflimmtcn Thcil des Synagogeuhofes sei Tag und Nacht Weihrauch verbrannt worden. Ein Theil jenes Gebäudes wurde Bethel (das Haus Gottes) genamlt. Nur Eohanim <Abköiluillinge von Aaron) dursten dort an Sabbathen, Festtagell und Neumonden den Gottesdienst verrichten. Mälmer, Frauen mld Kinder versannnelten sich in der Synagoge an den Tagen des Neurnondes. Hier thaten die Juden Gelübde, verbrannten; Weihrauch und sangen Hymnen und religiöse Lieder, welche von Trommelschlägen und von anderen Instrumenten begleitet! tvurden. Bei solchen Gelegenheiten feierten die Juden undthaten sich gütlich, vertheilten Geschenke unter die Armen und > hingen an die Thürcn und Fenster ihrer Häuser, wie auch an die der Synagogen, blaue und rothe Streifen Seide. In den Nächteri der Neunlonde und Feste ivar das Haus jedes Israeliten erleuchtet. Während der Jahre IS 10 bis l«S.r)0 verfiel die Synagoge gänzlich: seitdem ist sie nie wieder ausgebaut worden, weil die meisten Abkönwllinge der Israeliten arm sind und auch, weil sie nicht das Bedürfnis; nach einer Synagoge fühlen, da sie das Gesetz und seine Gebote vergessen haben. Mit dem Tode des letzten ihrer Acltesten hörte die Kenntniß der Schriften unter ihncil gällzlich auf. Auf Befehl der Regierurrg tvurden Gesetzcsrollen auf dem offenen Marktplatze ausgestellt und eine Bekanntmachung in chinesischer Sprache stand daneben, welche demjelligen eine Belohnung und bedeutende Stellung versprach, der im Stande sei, die Worte der Nolle zu übersetzen. Auch die Juden machten ähnliche Anerbietungen an anderen Plätzen, aber ohne Erfolg. Dies brachte sie dazu, daß sie an ihrer Synagoge verzweifelten, sie gänzlich verfalleil und keinen Stein auf dem andern stehen ließen. Es wurde ihmn befohlen, vor der Ankunft voll Personell, welche das Gesetz lesen und unter ihnen wieder die in Vergessenheit gcrathene Kenntnis; verbreiten könnten, keine alldere Religion anzunehmcn. Ich besuchte den Platz ihrer ehemaligen Synagoge und fand nichts als Steine, die Ueberreste der früheren Eingangspforte. Der Eingang schien ungefähr 15 Ellen Länge bei l Ellen Breite gehabt zu haben. Das Fundament war mit Schutt bedeckt und bestand allgeilscheinlich aus Stein. Die Oberschwelle enthielt eine chinesische Inschrift in großen Buchstaben. Die Worte waren „lilasu-szo Taon-Kin-Kedon“ (was bedeutet: „das Haus Gottes und die Religion derer, welche die Ader aus dein Fleische ziehen.") Der Platz, an.s dein die Synagoge gestanden, ist ein elender Fleck, bedeckt mit Koth und Wassersümpfen. Hier sah ich eine Steinsäule, 5 Ellen lang und 1 Elle dick, weit einer chinesischen Inschrift, welche besagte, daß Personell, die nicht zur jüdischen Religion gehören, diesen Platz llicht betreten sollten. Ich fragte meine jüdischen Freunde, woher ihre Vorfahren gekommen, als sie sich hier angesicdclt. Sie konnten nicht sagen, das; ihre Väter von Westen gekommen und aus ihrein Vaterlande verbannt tvorden, „tveil sie gegen den Willen des Allmächtigen sich aufgelehnt hatten." Sie erklärten: „Wir sind Söhne Abrahams, Isaake, und Jacobs und sind Abkömmlinge bom Stamme Ascher. Vor vielen hundert Jahren, so sagten sie, waren ihre Väter in sieben Familien gekoiilmell, von bcucii einige keinen Stammbaum hatten. Ungefähr vierhundert waren in jener Stadt: in Pekiilg gab es zweihundert Familien und iil Hanscho rmd bei Ningpo, so tvic an anderen Orten lebteil ebenfalls viele zerstreut. Die Verjvüstungcn des Krieges hatten viele Juden dahingerafft. Einige von ihnen nahmen hohe militärische Posten und Regierungsstellen ein. Durch die militärische Laufbahn und dadurch daß sic so zerstreut leben, haben die meisten Juden so gänzlich die Keniltnis; ihrer Religion verloren, daß ihre Lehrsätze ihnen völlig unbekannt sind. Und doch enthielten sich ihre Abkömmlinge des Essens von Schweinefleisch und jedes Fleisches, das von einem Fremden getödtct tvorden. Sie enthielten sich des Gebrauches von Blut und des Essens von allem Unreinen der Thicre, Vögel und Fische. Sie standen auch von den Heirathen mit Personen anderen Glaubens ab. Sie besaßen noch einen besonderen Friedhof. Ich fragte, ob sie noch Ueberreste von alten Schriften besäßen, die ihre Vorfahren ihnen hinterlassen hätten, und bot ihnen an, einige ihrer Reliquien zu kaufen. Sie erwiederteli, daß ihnen nichts als eine steinerne Tafel geblieben wäre, welche an der Wand der Synagoge befestigt gewesen, und daß diese mit Buchstaben beschrieben sei, die Niemand von ihnen lesen i könne. Ich drang in sie, mir den Stein zu zeigen, aber sie