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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-09-23 · Heft 39 (23.9.1879) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 39 (23.9.1879)
Date
1879-09-23
Page
Seite 610 (sequence 2)
Language
German
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610 Hinsichtlich des Judcnthums kam die Explosion noch stärker zum Bewußtsein. Das Interesse für das Religiöse brach mit einem Male ab. Der Geist Aller war nur noch von der Mächtigkeit der politischen und socialen Bewegung und der gewaltigen Umwandlung aller Dinge, die man voraussetzte, ergriffen und erfüllt. Die Kämpfe um die bürgerliche Gleichstellung erschienen beendet, da diese überall als selbstverständlich unter die schnell zugestandenen Forderungen ausgenommen war. Das religiöse Moment erschien selbst einsichtsvollen Geistern als aus dem öffentlichen Leben völlig geschwunden", als eine Sache, die höchstens das Individuum berührt, das jedoch in das Streben für die Allgemeinheit geradezu aufging. Wer dachte noch an Reform, an Kampf für oder gegen dieselbe, an jüdische Literatur, an Nabbinervcrsammlungen u. dgl.? Die gesammte damalige jüdische Journalistik, die populaire und die wissenschaftliche, außer der „Allg. Zeitg. des Judenthums", ging ein und von den literarischen Erzeugnissen erschien nur? noch die Fortsetzung unsres großen Bibelwerks. Auch die ■ A. Z. d. I. ging um einen beträchtlichen Theil ihrer Abon-! ncnten zurück, den sie erst nach einigen Jahren lvieder erlangte, j Gerade deshalb gründeten wir damals das „Jüdische Volks- . blatt". Jeder, der die menschliche Seele kennt, wird Präsuj miren, daß dieser plötzliche Bruch und die weiteren Folgen! desselben zu einem wesentlichen Umwandlungsprozeß führen; '.nutzten. Erst nach Jahren hob sich auch das religiöse Bej wutztsein wieder; aber man knüpfte nicht an, wo der Faden; abgeschnitten worden. Der allgemeine Geist bekundete sich als ein anderer. Für das Judcnthum war es immerhin eine Gunst, datz die Männer, deren allgemeine Thätigkeit durch das Jahr ISIS abgebrochen worden, noch in der Blüthe der Manneskraft standen und darum einige Jahre später ihre Arbeiten wieder beginnen konnten, bis ein jüngeres Geschlecht herangewachsen war. Aber dieses jüngere Geschlecht, das aus j den frischen und lebendigen Quellen, die in der ersten Hälfte j des Jahrhunderts geflossen, nicht mehr geschöpft hatte, trat rnit verändertem Geiste auf, und Ansichten und Ziele waren nicht mehr dieselben. Es ist nicht unsre Sache, den beiderseitigen Werth und Gehalt abzuwägen. Dies wird. Aufgabe einer späteren Zeit sein. Genug, datz die obengegebene Eharakterisirung eine gute Anleitung dazu giebt. Nur eine Bemerkung wollen wir hinzufügen. Was man auch gegenwärtig über den Geist und die Richtung in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts und über deren Eruption im Jahre 1S4S uriheilen und sagen mag: gewiß ist dennoch, daß die meisten jener Ideen seitdem verwirklicht ivorden, wenn auch in einer Gestalt, welche den Kampf um den Bestand und die Weitcrsührung erneuern und verstärken mußte, und daß in der That, was die gegenwärtige Zeit an ideellem-Gehalt-besitztsein Entstehen oder doch seinen Anstoß aus der ersten Halste gezogen hat. Und dies ist auch der Fall im Judenthume. Was an allgemeinen Ideen, sowie an speciellen Motiven damals zur Wiederbelebung des Judenthums, zur Begründung seiner neuen Weltstellung producirt wurde, was geschah, um ihm die Wege zu eröffnen und zu ebnen, die es zu beschreiten hatte, dies Alles hat auf die gegenwärtige Zeit cingewirkt und davon lebt sie eigentlich noch. Dies ist es, tvas nicht vergessen werden sollte. Denn immer ist die glücklichste Zeit die, in welcher ein frischer geistiger Hauch, eine verjüngte Lebenskraft, ein idealer Aufschwung erstanden ist und sich allwege kundgicbt. Der ülimpf in ilumiiiiien. X. Bonn, 10. September. Der Minister Boerescu ist von Paris in Wien angekommen, hat daselbst eine ztveistündige Unterredung mit Gras Andrassy gehabt und ist dann nach Rom gereist, von wo er nach Bukarest zurückkehrcn tvird. Man weiß, daß, tvenn die anderen Großlnächte den Plänen Boerescu's ihre Zustimmung gegeben, der Graf Andrassv ihnen sicherlich keine Schwierigkeit machen tvird. Ueber das, tvas Boerescu ansgerichtet, schreibt man der „Köln. Zeit." von Berlin: „Ueber den Erfolg der Rundreise des rumänischen Ministers des Austvärtigen, Bocrescu, bei den europäischen Eabinetten, um die durch den Berliner Vertrag verheißene Emancipation der Jude» in Rumänien zu mngehen, sind vielfach Angaben verbreitet, welche nach Annahme hiesiger diplomatischer Kreise nicht als richtig gelten können. Zunächst hat sich in England gar keine Geneigtheit, zu erkennen gegeben, auf eine Modisication des Berliner Vertrags cinzugehcn, während auch der Minister Waddington in Frankreich, auf dessen Gewinnung für seine Zwecke der rumänische Minister so große Hoffnungen gesetzt hatte, doch nur sehr bedingungsweise sich bereit erklärt hat, die Wünsche der rumänischen Regierung zu unterstützen. In Deutschland steht man auf der» Standpunkte Englands und jfyat gar keine Neigung, sich den rumänischen Auslegungs- | ansichten zu fügen. Wenn cs nun auch wahr sein sollte, das;! man in Italien und Oesterreich für'die rumänische Auffassung? sich erklärt hätte, so wäre hiermit doch nichts erreicht und!es scheint sonnt, daß die Mission ziemlich resultatlos ge-! wesen ist. Der Euriosität tvegcn sei hier noch eine Eorrespondenz! der „R. Fr. Pr." wiedcrgegebcn, deren Abenteuerlichkeit! in die Angen springt:! „Ueber die Haltung, welche die Kammern der Vorlage; der Regierung gegenüber beobachten werden, gehen die Ansichten ' weit auseinander. Während mir von der einen Seite versichert! wird, die Deputaten und Senatoren seien fast ohne Ausnahme

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