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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-09-16 · Heft 38 (16.9.1879) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 38 (16.9.1879)
Date
1879-09-16
Page
Seite 602 (sequence 10)
Language
German
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602 Gemeinde ein besonderer Platz eingeräumt werde. Der Munieipalrach — hat diese Gesuche abgeschlagen. Nußland. Petersburg, 3. Sept. Daß auch die russische Presse allmälig zu der Erkenntnis; kommt, daß gerade ein Staat wie der russische, der aus zahllosen Völkerschaften und Neligionsgenossenschaften zusammengesetzt ist, sich am wenigsten zu dauerndem Bestände auf eine einzige Nace und Kirche stützen könne, sondern seine Kraft lediglich in der Gleichberechtigung aller seiner einzelnen Glieder und Elemente zu finden vermöge, erweist ein Artikel des „Golos", der viel Aufsehen erregte. In dem Artikel heißt es: „Viele unter uns sind sich noch nicht bewußt, das; vom staatlichen Standpunkt sowohl ein Pole, als auch ein Deutscher, Finne, Tatare, Grieche, Armenier und Sarte ,Ruffc^ sein kann; manche unter uns begreifen noch immer nicht, das; ein Russe auch Katholik, Protestant, Jude. Muhamedaner oder Heide sein kann. Nur durch die Vermengung dreier heterogener Begriffe -- Staatsangehörigkeit, Nationalität und Eonsession können solche rohe Erscheinungen erklärt werden, wie es die Verdächtigung der baltischen Deutschen des Staatsverraths, die gegen die Polen wegen ihres Katholieismus gegen die Finnländer wegen ihrer Liebe zu den sinmscheu kalten Felsen erhobenen Anklagen sind. Ist in der That nur der allein ein Flusse", der den griechisch-orthodoxen Glauben bekennt? Mus; sich denn die Ergebenheit für Rußland darin doeumentiren, das; der Eid durchaus in russischer Sprache, in einer orthodoxen Kirche geleistet wird? Sind denn die baltischen Ienil Äus dcm tiolhslcbcn mit feinen Licht- und Schattenseiten. IX. Am NO. Mai, einem Samstag, konnte bei dem Mittagsgottesdienst im jüdisch-orthodoxen Bethause zu Simmering die Versteigerung der Mizwoth nicht stattsinden, weil der Tempeldiener nicht anwesend war. Es kam deshalb dem ersten Vorsteher der Tempelgemeinde, dem Trödler Jacob Lunzer, zu, diese Ehren nach eigenem Ermessen zu vertheilen. Er überlies; jedoch dieses Amt dem dritten Vorsteher, David Stern, wünschte aber, das; der Pferdehändler Hermann Kohn nicht vorgerusen werde, weil er die irreligiöse Handlung begangen habe, nm Psingsttage im Kaffeeh'ause Karten zu spielen. Stern wollte sich indeß hieran nicht kehren. Nun erklärte Lunzer, während die Thorarolle schon auf dem Kanzeltische lag, etwa» lärmend, Kohn dürfe nicht aufgerufen werden, er sei ein „Poscheh Israel" (irreligiöser Mensch). Diese Worte riesen große Aufregung hervor. Kohn antwortete heftig, ein Tumult Deutschen oder die Polen etwa nicht Russen im! staatlichen Sinne, im Sinne von Gliedern der russischen Gesellschaft, des russischen Reiches? Und die Kassimowschen Tataren, die Beritschewschen Juden, sind sie nicht in demselben Sinne Russen?" — Es wäre nur zu wünschen, daß diese Anschauung, die für den russischen Staat von unberechenbar wohlthätigem Einsluffe wäre, dauernd im „Golos" zum Ausdruck käme und sich von da immer weiter verbreitete. Bonn, 5. September. (Notizen.) Zur Berichtigung diene, das; das «jährige Amtsjubiläum des Herrn Rabbiner Or. Levi in Gießen nunmehr am .'JO. September stattsindet. Wie uns aus Brüssel mitgetheilt wird, wird Herr Großrabbiner Astruc definitiv in seinem Amte verbleiben. — Man schreibt uns aus Liegnitz vom 5. September: In der letzten Stadtverordnetcnsitzung wurde der Stadtverordnete Herr Kaufmann Heinrich Cohn, Vorsitzender des Svnagogengemeindevorstands, zum Schiedsmann gewählt. Es ist dies in nuferer Stadt der erste Fall, das; ein Jude dieses Ehrenamt bekleidet. — In Paris verstarb dieser Tage der Journalist David Schornstein (Elsässer), Mitarbeiter mehrerer israelitischer Blätter und unter dcm Namen Georges Stenn langjähriger Redactionsseeretär des „Potil; journal“. Er hat aucb zwei Novellen jüdischen Inhalts verfaßt. — Es wird uns geschrieben: In Oesterreich und Ungarn treibt sich seit einiger Zeit ein russischer Jude herum, der sich Marschowski, auch Friedmann nennt und durch falsche Vorspiegelungen Mitleid zu. erwecken sucht. Derselbe ist ein ganz gemeiner Schwindler, vor dem hiermit gewarnt wird. t e t o n. entstand, und heute hatte sich der Vorsteher Lunzer wegen Religionsstörung durch unanständiges, Aergernis; erregendes Benehmen während einer öffentlichen Religionsübung vor Gericht zu verantworten. Neben dem Angeklagten waren auch mehrere Mitglieder der Gemeinde, welche meist aus orthodox gläubigen, wohl auch vorwiegend der niederen Elasse angehörigen Personen besteht, als Zeugen erschienen. Die Erklärung der rituellen Gebräuche wie der ganzen damaligen Scene wurde wiederholt im Kauderwälsch und in unklaren, merkwürdigen Satzwendungen gegeben. Der Angeklagte, so wurde versichert, habe, nachdem er sich erst leise zu Stern für die Ausschließung des Kohn ausgesprochen, dann ganz offenbar (öffentlich) es wiederholt. Ein „Poscheh Israel" heiße Derjenige, welcher der Religion „widerlich" ist. Die Licitation bedeute, das; man dem Meistbietenden „die fünf Bücher Mosis verehre" u. s. w. Auch zwei Sachverständige waren zu dem Prozesse vorgeladen, der Rabbiner der Wiener jüdischen Gemeinde, Dr.

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