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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-09-16 · Heft 38 (16.9.1879) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 38 (16.9.1879)
Date
1879-09-16
Page
Seite 595 (sequence 3)
Language
German
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595 Grunde. Unter uns selbst sind in den letzten Jahrzehnten Parteiungen erstanden, welche sich bis zur Leidenschaftlichkeit erhitzt haben. Es ist dies ein natürliches Ergebniß der Entwicklung. Sind sie doch so weit gegangen, selbst von: Gesetzgeber sich den Anstos; und die Berechtigung zu verschaffen, nicht etwa ihrer Ueberzeugung frei nachzuleben, die darf Niemandem verkümmert tverden, sondern die jüdische Gemeinde auseinanderzureißen, die kleinen Häuflein durch Spaltung noch mehr zu verkleinern — allerdings Gott sei Dank! bis jetzt mit nur geringen: Erfolge. Ist doch in ihnen der Geist der Verketzerung wieder erwacht, dem es freilich an den äußeren Mitteln, an jeder Zwangsgcwalt mangelt. Da ist es denn wiederum ganz besonders nützlich, auf die Zeit zurückzublicken, in welcher die Bewegung innerhalb unserer Glaubensgenossenschaft erstand, die Wege der echten Religiosität zu betrachten, die damals eingeschlagen und geebnet wurden, von denen wir auszogen und die möglichst eingehalten wurden, Wege der Wahrhaftigkeit, der Erkenntnis;, der echten innigsten Herzensfrömmigkeit, ivelche eben darum die Pfade der Freiheit ungefährlich und sicher macht. Es war vor Altem eine Bahn des Friedens und der Einigkeit, die sich sorglich vor aller Scctirerei bewahrte. Dieser Rückblick wird uns stärken und festigen zur Abwehr aller Angriffe von rechts und links und uns in der Ueberzeugung erhalten, das; wir unter der Leitung der göttlichen Vorsehung auf dem rechten Wege uns befinden. — Endlich. Unsre Zeit bat vielfach die Ehrfurcht vor Autorität, die Pietät für die früheren (Geschlechter, auf deren Schultern wir stehen, verloren. Das uns hier dargebotene Gedenkbuch erweist, das; es im Schooße des Judenthums nicht! also ist, daß wir unsre Väter zu ehren, ihre Bestrebungen und Leistungen zu würdigen, ihr Andenken mit wahrhafter Liebe zu umgeben wissen. Wir stehen nicht mehr, wo sie! standen. Ein Jahrhundert hat uns weiter geführt, und es! war eine unermüdliche Geistesarbeit, der wir uns seitdem hingaben. Aber wir mkenueu sie als unsre Lehrer und Meister i an, und wissen, das; ihr Wort und ihr Vorbild uns noch heute! nützlich, ja nothweudig ist. So mögen wir die bevorstehenden! heiligen Feste, auch mit dieser Festgabe in der Hand, uns zum Segen begehen! Der Kumpf in Uumnnien. IX. Bonn, l. September. Wer in späteren Zeiten die Geschichte der Judenfrage in Rumänien sorgfältiger studiren wird, den setzt sicherlich die Unwissenheit, die Unkenntniß der Sachlage in Erstaunen, welche von europäischer Seite bewiesen wird, und die selbst Freunde des Rechts, Vertheidiger des Schwächeren auf Irrwege führte. Vielleicht kommt er daun zu dem Vortvurfe, den unser Eorrespondcnt aus Mähren jüngst den europäischen Juden gemacht hat, nämlich daß sie zu wenig sich bemühten, die Oeffentlichkeit über die wahren Verhältnisse aufzuklären. Ueberhaupt möchten wir hier die Bemerkung einschalten, das; cs erstaunlich i|t, welche unrichtigen und oft verkehrten Begriffe über die Juden selbst bei den Nationen verbreitet sind, in deren Mitte sie seit vielen Jahrhunderten tvohnen und zu welchen sie seit vielen Jahrzehnten durch die Gleichberechtigung völlig gehören. Man' braucht nur die Insinuationen zu betrachten, welche gegenwärtig in dem an Wiffen und Bildung so reichen Deutschland betreffs der Juden verbreitet tverden uitb vielfachen Glauben finden. Man sendet Expeditionen aus, um die Völkerschaften Jnneraftikas und Oceaniens zu erforschen, und läßt sich die irrigsten Vorstellungen über seine nächsten Nachbarn gefallen! Die Folge dieser Unkenntniß ist hinsichtlich der rumänischen Judenfrage ein Schtvanken und Umhertappen selbst bei den wohlwollendsten Politikern --- Diese Gedanken kamen uns bei der Leetüre eines Leitartikels des gestrigen «Journal des iJrbais (vom ol. August) in Folge einer zweiten Verhandlung des .Herrn Boereseu mit dem französischen Minister des Auswärtigen. Ter Artikel beklagt Rumänien, das; es in allen seinen Hoffnungen getäuscht tvorden, zuerst, daß es den früher erhaltenen Thcil von Bessarabien zurückgeben mußte und nur die Dvdrudscha dafür erhielt, daun daß es vom Berliner Eongreß „verurtheilt worden, den in Rumänien : wohnenden Juden alle bürgerlichen und politischen Rechte zu! gewähren." Härter hätte sich die „Germania" auch nicht aus-! drücken können. Geradezu lächerlich ist, was sofort hinzu-! gefügt wird: die rumänischen Staatsmänner wären von diesem! Schlage so betroffen gcivesen, daß sie unfähig waren, die Mitglieder des Eongresses über , die wahre Lage der Dinge genügend aufzuklären! Dies klingt nicht anders wie eine unmittelbare rumänische Einflüsterung aus die Frage, warum die Vertreter Rumäniens bei dem Eongreß nicht protestirt hätten. Hier schlägt nun dem.Journal des Delhis das liberale Gewissen und cs -versichert sofort, das; cs hiermit die Rumänen in ihrem Widerstande gegen den Willen Europas nicht ermuthigeu tvollc. Weit aber geht dies Gewissen nicht, denn es sagt: „Die Rumänen schulden einige Gerechtigkeit (ijiidijuc jusiice!> den Juden, welche ihren Wohnsitz bei ihnen gewählt oder welche in Rumänien schon von Vater auf Sohn tvohnen." Einige Gerechtigkeit! Es geht noch tveiter. „Es ist unmöglich", fährt es fori, „länger jene Ausnahmsgesetze zu dulden" — fügt aber gleich hinzu: „welche ehemals ihr Recht zu bestehen gehabt haben, die aber in dieser Zeit der Duldung und der Gleichheit nicht mehr eristiren können." Also früher uw das Unrecht Recht! Es war nicht der Geist der Ungerechtigkeit, der Ausschließungssucht, des Fanatismus, welcher den namenlosen Druck, der aus den Juden überall lastete.

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