Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1879)
- Date
- 1879-09-02
- Page
- Seite 565 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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565 Luckardt, 1871), zum dritten Male für die Juden eingetreten. Was diesen Autor auszeichnct, ist nicht etwa eine besondere Originalität oder Genialität, sondern der Geist der Humanität und Menschenliebe, der Gottgläubigkeit und Denkklarheit und daß er über allen Parteien stehend mit voller Kraft nach jedweder Vorurtheilslostgkeit strebt und sie mit edlem Muthe zum Ausdruck bringt. Dieser jetzt so seltene Geist, dieser in dem gegenwärtigen leidenschaftlichen, oft zur Niedertracht geneigten Partergcwühl so selten eingenommene Standpunkt ist es, der unsren Autor schnell beliebt, ja berühnck gemacht hat, und wir können uns Glück wünschen, daß das große Publicum auf diese Weise ein beredtes Zeugniß seiner Empfänglichkeit für solche Erscheinungen abgiebt. Die vorliegende Schrift bringt S. 10!)—117 einen Aufsatz: „Roch einmal die Juden!" und wir halten es für unsre Pflicht, eine Analyse desselben an dieser Stelle zu geben. Der Verfasser beginnt: „In der Zeit der blutigen Entgründungen, des wirthschaftlichen Elendes, des chronisch schleichenden Vankerotts, des dem Milliardcnrausche gefolgten Katzcnjanuncrs, wo das Tenunciantcnwesen Mode ist und der geplünderte Jobber den Grund seiner Verluste nicht in der eigenen Goldgier, sondern in der berechnenden Betrügerei des Nachbars sindcn will, sieht sich die Menge, die für ihre eigenen Laster stets einen.fremden Sündenbock schlachten muß, nach einem Prügeljungcn um, und in Tagcsblättern, Wochenschriften und Broschüren beginnt man, das widerliche Hep! Hep! hören zu lassen. Nach allerneuestcr Entdeckung sind es wieder einmal die Juden, die an der ganzen Misere Schuld sind; die Juden sind cs, die Treue und Glauben aus der Welt gescheucht haben — die Juden sind es, welche dem Handel und der Industrie die Wurzeln abgraben; die Juden haben das öffentliche Gewissen crtödtet, die Juden sind das personificirte Wucherthum, selbst der Elende, der seine Meuchelwaffe am 2. Juni gegen die Majestät erhob, soll jüdische Vorfahren gehabt haben — rrgo muß der Jude wieder einmal verbrannt werden!" „Es ist ein undankbares Geschäft, gegen diesen johlenden Chorus die Stimme zu erheben, und wenn man dies dennoch thun will, muß man zuvor alle Generalfragen verneinen. So betheure ich denn mit unverletztem Gewissen, daß ich mit keinem Juden verwandt oder verschwägert bin, daß ich mich reinster germanischer Abstanunung erfreue, ja, daß ich nicht einmal irgend welchem Juden Geld schulde. Eine vollkommenere Jntcressenlosigkeit wird kaum Jemand nachzuweisen im Stande sein. Aber allerdings bin ich ein Christ, und obenein habe ich mir noch stets Mühe gegeben, exakt zu denken; über diese beiden Schwächen wird man also wohlwollend hinwegsehen müssen. Mein Gewissen und mein Verstand empört sich jederzeit gegen die mißbräuchliche Nutzanwendung vereinzelter concreter Thatsachen zur Ausprägung allgemeingültigcr Sätze,' gegen das Gencralisiren der Urthcile auf Grund einzelner Vorkomnrenhciten, und ich halte es für thöricht und niederträchtig, deshalb, weil Juden, vielleicht viele Juden, gewuchert haben und noch heute fleißig fortwuchern, jeden Juden einen Wucherer zu schimpfen und Jude nt hum und Wucherthum für identisch zu setzen. Ich bedanke mich laut und öffentlich für ein Christenthum, welches der duldsamen Nächstenliebe, ja der unentbehrlichsten Gerechtigkeit so baar ist, daß es schnellfertig andere tlieligionsgenossenschasten in ihrer Gesammthcit in Anklagczustand versetzt, und statt in die eigene Brust zu greifen und wie der Zöllner im Evangelium: „Gott, sei mir Sünder gnädig!" auszurufen, nur mit dem Blicke des Pharisäers nach den Juden schielt und heuchlerisch selbstgerecht in die Worte ausbricht: „Ich danke Dir, Herr, daß ich nicht bin wie jene Hassens- und verfolgenslverthen, wuchernden und betrügenden Ebräer!" Es ist ein sündhaft-unlogisches Enthymcm, wenn man folgenderweise schließt: „Mancher Jude betrügt; daher ist jeder Jude ein Schurke;" derartige Syllogismen erinnern an die bekannte Umkehrung von „Wenn es regnet, wird eS naß" und beweisen, daß man eher ein Verbrechen als eine Dummheit verzeihen darf." — Der Verfasser erinnert hierauf an die vielen edlen und bedeutenden Persönlichkeiten, welche in der neueren Zeit aus den Juden hervorgegangcn, und fährt hierbei fort: „Doch wozu nach weiteren Namen forschen? Blicke doch ein Jeder um sich, oder schaue er auf die Pfade seiner Vergangenheit zurück — taucht da nicht hier oder dort die Gestalt eines braven, ehrwürdigen, gelehrten und kunstbegabtcn Mannes auf, den er achten mußte, und den er auch vielleicht ein wenig lieb gehabt hätte, wenn es nur kein Jude gewesen wäre? Freilich muß der Blick des Prüfenden ein Ivciter und seine Erfahrung eine reiche sein; wer in seinem Leben nur mit trügenden Roßtäuschern, Pfandleihern und Kellerwechselagenten zu thun gehabt hat, dessen Stimme wird in der vorliegenden Frage kaum als competcnt gelten dürfen" - - Amyntor betont dann, wie leicht die Juden auf alle die banalen und unvernünftigen Behauptungen mit einer Gegenanklage zu antworten vermöchten und geht hierauf folgendermaßen in einen einzelnen Punkt ein: „Daß bei allen größeren Geldoperationen, auch bei den unsoliden und schwindelhaften, das Judenthum in verhältnißmaßig stärkerer Proecntzahl betheiligt erscheint, giebt keinem Christen das Recht, einen Stein auszuhebcn; hat man Jahrhunderte lang die Juden auf die schamloseste und unmenschlichste Weise gepeinigt, verspottet und zertreten, hat man sie in brutaler Niedertracht von den meisten ehrlichen Erwerbszweigcn, ja selbst vonr Rechte der Niederlassung ausgeschlossen und ihnen fast ganz allein das Feld des Schachers und Geldverkehrs überlassen, so wird man sich billiger Weise nicht wundern dürfen, wenn noch heute das traditionelle Bankgeschäft besonders von Juden besorgt wird und jede Gründung, welchen Charakters sie immer sei, ein starkes Contingent beteiligter