Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1879)
- Date
- 1879-09-02
- Page
- Seite 562 (sequence 2)
- Language
- German
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562 eben veröffentlichten Wahlprogramm als seinen unveränderten Grundsatz die Wahrung der Rechte und Freiheiten des Volkes abermals aufstellt, so haben wir ebenso viel daraus zu geben, wie auf sein früheres Proclama: keine Finanzzölle, keine höhere Besteuerung des Volkes! Daß dennoch diese Partei kein Siegesbewußtsein in sich trägt, das bekunden seine Organe am meisten durch den unaufhaltsamen Schwall von Gift und Galle, den sie mit neuem Anlauf auf die Juden ausgießen. Sie suchen ihre Schwäche, ihre Niederlage dadurch zu verbergen, daß sie die Juden wieder zu ihrem Sündenbock machen, um den Verdacht des Volkes von sich auf Andere zu lenken. Wir wollen hier davon absehen, daß z. B. die „Germania" Nummer nach Nummer die Juden auf Schritt und Tritt verfolgt. Hier waren die Kinder einer jüdischen Familie bei Besichtigung einer verlasienen Kirche etwas laut und sofort meldet das Jesuitcnblatt diesen weltgeschichtlichen Vorgang und zieht daraus den Schluß, was den christlichen Kirchen drohe, wem: die Juden erst die Herrschaft völlig an sich gerisicn! Dort läuft ein Jude mit einem Christenmädchcn davon und sofort seufzt das fromme Blatt über die Demoralisation, welche die Juden über die ganze Christenheit bringen. So geht es Blatt für Blatt in der Zuversicht, daß Tropfen nach Tropfen und Schlag nach Schlag doch endlich den härtesten Stein aushöhlt und zertrümmert. Jetzt zeigen sich die Folgen der neuen Finanzzölle in den Preissteigerungen aller unentbehrlichen Lebensbedürfnisse. Niemand kann hiervon überrascht sein; Niemandem konnte es entgehen, daß dies dem gesummten Volke sehr fühlbar, dem Mittelstände und den ärinercn Volksschichten äußerst empfindlich werden würde. Das Jesuitenblatt stellt sich aber als davon völlig consternirt; nach ihm ist dies keine Wirkung der Zölle, sondern nichts als freihändlcrische Agitation, Freihändler und Juden sind identisch, folglich verdankt man die Preissteigerungen nur den Juden, und diese haben den Vortheil davon. Es sind dies empörende Lügen! Denn cs ist allgemein bekannt und statistisch erwiesen, daß sowohl der Großals der Kleinhandel mit den Lebensbedürfniffcn von den Juden nur äußerst tvenig, in gar keinem Verhältniß zur Gesammtheit betrieben wird, so daß in den bei Weitem »reisten deutschen Städten kein einziger Jude Speccreihändler ist, und sich nur wenige jüdische Firmen mit den sog. Colonialwaaren beschäftigen. Ebenso falsch ist es, zu behaupten, daß die Juden auch nur in der Regel Freihändler sind. Selbst die Finanziers mrd Banquiers sind in großer Zahl Schutzzöllncr, weil ihr Geschäft nur mit der Blüthe der Großindustrie blüht, und sich nun einmal die Ansicht wieder verbreitet hat, daß die Großindustrie der Schutzzölle nicht entbehren könne. Ueberhaupt aber geht die ultramontane Preffe mit aller Kraft nur darauf hinaus, die Juden als eine große einheitliche und selbstständige „Macht" hinzustellen, welche natürlich den Nationalinteressen fremd, gefährlich, schädlich sei. Dies ist der Angelpunkt aller ihrer Verdächtigungen. Wer nur die geringste Kenntniß der wirklichen Verhältnisie besitzt, dem erscheint dies nicht allein falsch, sondern sogar lächerlich. Wir wissen wohl, daß es zu Zeiten sogar nützlich ist, wenn man auf dem politischen Gebiete den Schein einer Macht besitzt. In der gegenwärtigen Situation ist diese Vorstellung von einer jüdischen Macht nur nachtheilig und vermag, wenn sie dem Volksbewußtsein einfiltrirt ist, die traurigstrn Wirkungen zu üben. Wie sollten wir nicht um so mehr der Wahrheit ihr Recht geben? Die Juden besitzen keinerlei Macht, ja nicht einmal einen hervorragenden Einlluß. Sie besitzen eine solche Macht auf keinem politischen und socialen Gebiete! Es ist ihnen alles Dies geradezu angelogen! Die Juden sind in politischer und socialer Beziehung eine völlig atomistische Masse, wie jedes andere Stück der Bevölkerung. Jeder einzelne Jude hat seine Ansichten und Stellung, seine Ucberzeugungen und Verhältnisse für sich allein. Darum findet man Juden in allen Parteien, ausgenommen in solchen, welche von vornherein ausschließend und feindlich gegen sie sind. Sic sind conservativ, liberal, radikal und selbst socialdemokratisch, sie sind freihändlerisch, schutzzöllnerisch, prononcirt oder gemäßigt, denn dies Alles hat mit Religion, Race und Stand nichts zu schaffen. Nur wenn die gewerblichen Verhältnisse, die Groß- und die Kleinindustrie und die Landwirthschaft im Vatcrlande blühen, geht cs auch ihnen gut; sie haben keine verschiedenen Interessen, sondern nur die des gesummten Volkes, dessen sie ein intcgrircndes Element sind. Was die Gegner Gcgentheiliges behaupten, ist uncrwicscn, erlogen und wird nur durch die verschrobensten Combinationcn scheinbar gemacht. — Die „Germania" geht noch weiter. Sie will dem Fürsten Bismarck insinuircn, in den Juden seine Feinde zu sehen. Sie ruft aus: „Die ablehnende Stellung der Juden gegenüber dem Tarifgesetz eröffnet aber eine höchst interessante Perspective: Die Stellung des Fürsten Bismarck zu den Juden wird eine andere! Der Fürst hat den ,Culturkampft mit Hülfe der Juden geführt. Sie haben den Kampf verbittert und vergiftet, haben demselben in weitem Umfange den Charakter eines Kampfes gegen das Christenthum selbst zu geben gewußt; aber ihre Macht stand doch auch für die von der Negierung gewollten Ziele zur Verfügung, und ihr Einfluß auf die öffentliche Meinung durch ihre Parlamentsredner, Zeitungen, Witzblätter ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Die Zoll- und Steuerreform hat Fürst Bismarck gegen die Juden durchzusetzen. Das wird bei der Energie des Fürsten in Durchführung seiner Pläne, bei der Energie der Juden in Wahrung ihrer Interessen ein heftiges Ringen werden! Wir sind überzeugt, die leidenschaftliche und gründlich verlogene Bekämpfung des neuen Zolltarifs fällt schon jetzt vorzugsweise auf Rechnung von Juden!" Nun, bis jetzt war die ultramontane Presse in jedem