Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1879)
- Date
- 1879-08-26
- Page
- Seite 549 (sequence 5)
- Language
- German
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549 Legislative dem Volke gegenüber in der Streitfrage vor Augen führen und zu ermitteln suchen, was zu thun sei, um diese Situation mit den Anforderungen Europas in Einklang zu bringen. Da einerseits die Rumänen geneigt zu sein scheinen, eine große Classe von Juden zur Naturalisation zuzulassen, andererseits die Mächte nicht länger auf der Emü..cipation sämmtlicher Juden pur ul simple bestehen, so sei Hoffnung auf das Zustandekonnnen eines Compromisses vorhanden. „Herr Boerescu", schließt der Correspondent, „wird den auswärtigen Cabineten, die er zu besuchen im Begriffe ist, sagen, das; weder er noch seine Collegcn vorbereitet sind, die Verantwortlichkeit für irgend etwas, wie eine radicale Lösung der Schwierigkeit, die von den großen Grundbesitzern, deren Güter größtentheils an die Juden verpfändet sind, beanstandet wird, zu übernehmen. In Gemäßheit des bestehenden Gesetzes können die Juden nicht Eigenthümer von rumänischem Boden werden, und es würde natürlich eine ernste Sache sein, eine plötzliche Uebertragung von Eigenthum von den großen Grundbesitzern an deren Gläubiger zu bewerkstelligen. Allmählich, und mit gehöriger Berücksichtigung der Interessen aller Parteien, müsse die Emancipation der Juden vor sich gehen." Zlrcitschriftc» für die Inden. Ueber dem großen und breiten Strome liegt dichter Nebel. Aus der prächtigen Wasserfläche, welche, fernhin durch die Länder strömt, ein weites Gebiet befruchtet und zahllose Fahrzeuge auf- und ablvärts trägt, steigt der feuchte Dunst herauf, der das Thal füllt und den Hinune! verschleiert. Wie? strahlt nicht die goldene Morgensonne vorn blauen Himmelsgewölbe? Run, harren wir ein wenig: bald erhebt sich ein frischer Luftzug und fegt den Nebeldunst hintveg, oder allmälig steigt die Sonne höher, ihre Strahlen blitzen durch die Verhüllung und der Nebel lvird aufgelöst und verschwindet. Der getvaltige Strom ist das wirkliche politische und sociale Leben der Gesellschaft, des Staates, des Volkes. Auch er hat seine Windungen und Wandelungen, sein Gewässer ist oft trübe, er übersluthet seine Ufer und schon manches gute Fahrzeug, manch' wackerer Schiffer ist in seinem Schivall untergegangen. Aber immer klärt sich seine Fluth wieder, immer weiter und unaufhaltsam zieht er dahin und unermeßlich ist der Segen, den er schafft. Aber auch an dichtem Nebel, an unheimlichem und drückendem Dunst fehlt es nicht Morgens und Abends und bisweilen einen ganzen Tag. Das sind neben den ernsten, gewichtigen unb entscheidenden Processen und Diskussionen des Staats- und Volkslebens die Jntriguen der Parteien, die aus Ränkesucht und Eigennutz geivcckten und genährten Vorurcheile^, Verleumdungen, Gehässigkeiten, die Versuche giftgeschwängerter Geister, die Leidenschaften der Massen zu entzünden, um sich untereinander zu bekämpfen; einander, wenn nicht zu vernichten, doch zu lähmen, damit sie herrschen können, die Intriganten, die Hab- und Herrschgierigen. Und dahin sind doch wohl die zahllosen leidenschaftlichen Angriffe gegen die Juden zu rechnen, die in den letzten Jahren in Büchern, Flugschriften und einer großen Anzahl Parteiblätter erhoben wurden, um das Volksbewußtsein über sie zu verblenden, das Volksgefühl gegen sie zu reizen, den bürgerlichen Frieden betreffs ihrer zu stören, und alte Zustände der Ausschließung und Verfolgung gegen sie wieder zmückzubringen. Doch die Sonne der Wahrheit ist längst am Himmel aufgestiegen und das Recht der frische Luftzug, die wahre BeivegungSkrast unsrer Atmosphäre geworden. Nur einige Zeit und auch diese Nebel werden wieder verscheucht, auch dieser Dunst verschwindet, und der Tag lvird licht und rein über uns stehen. Das Pamphlet von W. Marr hat, wie cs scheint, eine große Verbreitung gefunden, denn es zählt bereits 7 Auslagen, wobei allerdings es sich unserer Kenntnis; entzieht, wie groß diese Auslagen waren. Wir können dies von zweien Seiten aus ansehen. Denn die Marr'sche Broschüre ist durch ihre extravaganten Uebertreibungen so närrisch, so toll, und muß den Gefühleil selbst des „Germanen" so dcmüthigend und widerwärtig erscheinen, daß man ihr eine tiefgreifende Wirksamkeit nicht Zuschreiben sollte. Andrerseits jedoch bleibt bekanntlich von einer Verleumdung, je frecher sie ist, desto mehr als Niederschlag an den Gemüthern hängen. Wir müssen es also innnerhin dankbar begrüßen, lvenn, da einmal jenes Libell einigen Staub auswirbelt, eine Reihe von Gegenschriften erschienen is^ Ueber die von Perin hart, die bereits 2 Auflagen erlebte, haben lvir schon berichtet. Jetzt liegt uns eine solche vor, die wir.als entschiedener und durchschlagender bezeichnen können: „Die Juden und das deutsche Reich. Offener Brief an eine deutsche Frau von F. Sailer. Berlin, Friedrich Stahn." Diese Schrift ist mit vielem Geiste und guter Sachkenntnis; abgefaßt, und der Vers, versteht es, seinen Gegner mit Lessingscher Lauge zu übergießen, wobei uns höchstens der Wunsch übrig bleibt, daß aud) die Lessing'sche Knappheit des Ausdrucks gewahrt worden wäre. Die Dame, an welche Herr Sailer seinen offenen Brief richtet, ist in den glücklichsten Verhältnissen gedacht, „fern dein beängstigend regen Getriebe der Hauptstadt, aus dem reizendsten waldeinsamen Schlößchen lebend." Er sagt: „Bisher haben Sie über die Religion und über die Abstammung derjenigen, mit denen Sie verkehrten, kamn nachgedacht. Erst jetzt, nachdem Sie Herrn Marr's Elaborate gelesen, erinnern Sie sich plötzlich, daß die Leiter derjenigen parlamentarischen Fraction, der Ihr Herr Gemahl angehört, daß der Banquier, dem derselbe seine Geldgeschäfte anvertraut, daß der Kaufmann, der die Erträgnisse Ihres Gutes vcrwerthet, daß der Eonfectionair, von dem Sie Ihre reizenden