Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1879)
- Date
- 1879-08-26
- Page
- Seite 548 (sequence 4)
- Language
- German
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548 Moldau, von bcr wahnwitzigen Lüge hierhergezogen, daß sie Alle sannnt und sonders freie Bürger Rumäniens werden. Die Negierung habe natürlich entsprechende Maßregeln ergreifen müssen, um diesem so gefährlichen Zuzuge von wahren Vagabunden Einhalt zu thun, und angeordnet, die Paß- und erlverblosen Israeliten in ihre Hcimath Zurückzubefördern. Hierbei sei den betreffenden Behörden beim Vollzüge dieser Maßregel die größte Schonung eingeschärft worden; , auch der einheimischen Bevölkerung würden tagtäglich auf allen nur möglichen Wegen Mahnungen zur Ruhe und Geduld den täglich präpotenter auftretendcn Juden gegenüber eingeflößt. Es sei ein wahres Bild der Zerfahrenheit, welches die Moldau, mit ihrer Hauptstadt an der Spitze, heute darbiete, und ohne auch nur im geringsten Grau in Grau zu malen, könne gesagt werden, daß der Haß auf der einen Seite und der Haß und die wahnwitzige Verblendung auf der andern Seite schon so acute Grade erreicht haben, daß die Negierung die größte Wachsamkeit und Energie entwickeln müsse, um einen in seinen Folgen unberechenbaren Zusammenstoß der so gereizten Elcrnente zu verhüten. Als einige Freunde eines der neuen Minister denselben zu seinem Wiedereintritte ins Cabinet dieser Tage beglückwünschten, soll dieser ausgerufen haben: „Beweinen sollen Sie mich, aber nicht beglückwünschen, denn unsere Moldau steht aus einem Pulverfasse, um welches herunr täglich neue Zündstoffe angehäuft werden." Verfolge!: wir die bedeutungsvolle Rundreise des Herrn Boerescu; aus Wien schreibt man darüber vom 7. Aug. „Gras Andrassy ist gestern hier eingetroffen und hatte Gelegenheit, mit dem zur Zeit hier weilenden rumänischen Minister Boerescu zu conferiren. Der Rumäne war eines wohlwollenden Empfanges gewiß und hat in der That auch einen solchen gesunden; er nahm sofort Veranlassung, zu erklären, daß er nicht mit bestimmten Vorschlägen der rumänischen Regierung betreffs der Judenfrage hiehergekoimnen, sondern lediglich um sich zu infornüren und der österreichischen Negierung nochmals ausführlich die Schierigkeiten der Lage darzulegen. Boerescu wird eine Rundreise, während welcher er sännntliche europäischen Höfe, d. h. die der Großmächte, zu besuchen gedeilkt, antreten, doch war er gestern noch uneickschlossen, wohin er zunächst gehen solle; hier wurde ihm gerathen, zuerst Berlin zu besuchen. Trotz alles persönlichen Woslwollens, das Boerescu hier bei den leitenden Staatsmännern fand, konnte ihn: aber doch nicht verhehlt werden, daß Oesterreich-Ungarn, wenngleich es die Unabhängigkeit Rumänien bereits anerkannt habe, sich dennoch in der augenblicklich vorliegenden Frage von Europa, insbesondere von Deutschland, das die Führung übernommen habe, 'nicht trennen werde. Ein ähnlicher Bescheid dürfte dem rumänischen Minister auch in Nom, Paris und London werden." — Daß selbst in Rußland die Wahrheit ihren Ausdruck findet, dafür zeuge folgender Artikel, der „Nusskaja Pranwba." . . .Wer ist denn dieses Rumänien, von dem der Minister in bedauernder Weise spricht, wenn das rumänische Volk und Land bei diesen angeblichen „Opfern" in materieller und geistiger Beziehung nur getvonnen hat? Sollte es noch außerdem ein anderes Rumänien geben, in dessen Sprache Reformen — „Opfer" heißen, und das der Minister unter seinen besonderen Schutz nimmt? Ein solches Rumänien gibt es. Wo und wie es ist — darüber klärt uns Folgendes auf: Eines der stärksten Argumente, das gegen die Gleichberechtigung der Juden angeführt wird, ist der Umstand, daß, wenn die Juden volles Bürgerrecht erhielten, ihnen auch das Recht auf unbewegliches Bcsitzthum zugesprochen werden müßte; auf diese Weise dürfte aber ein großer Theil des stark verschuldeten rumänischen Grundeigenthun:s sich gar bald in ihren Händen befinde!:. Es ist kein Ztveifel, daß, wenn den Grundbesitz der Bauern ein solches Schicksal ereile!: könnte, es auch nothwendig ist, gegen die Möglichkeit eines solchen Ereignisses sich mit allen Mitteln zu rüsten. Von dem Wohlstai:de dieser kleinen Grundbesitzer hängt der Wohlstand des ganzen Landes, hängen auch die Finanzen des Staates ab. Wenn der Masse des Volkes irgendwie Expropriation drohte, wäre die diesbezügliche Abwehrung eine Sache vor: innnenser staatlicher Bedeutung und Wichtigkeit. Aber in: gegebenen Falle existirt diese Gefahr nicht. Das Bauernland gilt ja in Rmnänien für unveräußerlich, es kann sonnt nie in sren:de Hände übergehen. Folglich hat der Minister rächt dieses Rumänien im Auge, bildet nicht das wahre rmnänische Volk, nicht die große Masse der Bevölkerung den Geger:stai:d seiner Sorge. Er müht sich für die Rumänen, die in Paris leben und in fren:dei: Bädern, für die Handvoll Rumänen, die daheirn, wie in: Auslande, das Geld zun: Fenster hinauswirft, für jene kleine Gruppe der Bevölkerung, für die die Einancipation der Bauern ur:d Zigeuner wirklich ein ungeheures, unersetzbares Opfer gewesen — um der rumänischen Bojaren willen klagt und jammert der Minister. Das Gebäude ihres Wohlstandes, das Laster, Verschwendui:g und Verschuld::!^ längst schon untergraben haben, n:uß zusannnenbrechen. Tie Geschichte ruft die Bojaren ihrer Sünden wegen vor's Gericht. Und dieses Gericht ist's — das der Minister so fürchtet. Er will den Moment der unvcrrneidlichen Liquidation hinausschieben. Begreiflicherweise aber kann, was den: rumänischen Minister so theuer ist und ihn: so an: Herzen liegt, schwerlich auch bei den gebildeten Elationen Europas auf Sympathie rechnen:" Der Correspondent des „Daily Telegraph“ hatte eine Unterredung mit dem runmnischen Minister des Aeußern, Herrn Boerescu. Der Correspondent glaubt, daß die Rundreise Boerescu's zu einer Verständigung über die Judenfrage führen werde. Boerescu, fagt er, habe den Mächten keinen förmlichen Vorschlag oder Programm zu unterbreiten, sondern wolle denselben nur die Situation der rumänischen Regierung und der