Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1879)
- Date
- 1879-08-26
- Page
- Seite 547 (sequence 3)
- Language
- German
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547 Mischna Gebete in der Landessprache in großem Umfange zugestandcn? Predigt und Chorgesang habt Ihr selbst schon eingeführt. Es bleibt also, wenn Ihr in der Synagoge nicht etwa die ganze alte Unordnung und Geschmacklosigkeit und mancherlei Absurditäten finden wollt, lediglich die zur Unterstützung des Gesanges eingeführte Orgel übrig. Gesteht es nur, das ist der Prügelknabe, der Eure Unzufriedenheit mit dem Wegfall des alten Schwalls, der die jüdische Verehrung des einzigen Gottes zum Gegenstände des Spottes und Hohnes machte, decken soll. Aber schon der alte Psalmist konnte sich selbst das Sabbathlied nicht ohne Harfe und Zither denken, ohne das zehnsaitige Instrument, das die begeisterte Hand des Sängers rührte! Geht, Ihr wollt wahrer sein als die Propheten, frömmer als die Psalmisten, und jeden bärtigen polnischen Rabbi macht Ihr zum Meister unsres unsterblichen Gesetzgebers! Der Kumpf in ßninnnictt. VI. Fast möchten wir sagen, bewunderungswürdig sind die Anstrengungen, welche in Rumänien und von Rumänien aus gemacht werden, um Europa über die Judenfrage irre zu führen! Ein Ausfluß derartiger Machinationen ist eine Correfpondcnz der „Polit. Corresp." vom 3. August, die wir deshalb als höchst charakteristisch wiedergeben müssen. „Der Chef unseres Auswärtigen Amtes, Herr Vasilie Boerescu, hat heute Morgens seine vielbesprochene Reise ins Ausland angetreten. Er wird Wien und die Hauptstädte aller Perliner Signalarmächte mit Ausnahme der Türkei besuchen,! um — wie in Regierungskrcisen behauptet wird - „durch j die Kraft des Wortes" den Buchstaben seiner letzten Circularj Note zu beleben, das heißt, um den Mächten „das Mögliche" z zu zeigen, was die Regierung in der Judenfrage thun kann. Was die erwähnte Note Boerescu's anbelangt, so soll die Regierung bereits Kenntnis; davon haben, das; dieselbe im Aus-j lande eine ziemlich gute Aufnahme gefunden habe, weßhalb, denn auch Boerescu gehobenen Muthes und mit den besten! Hoffnungen diese Reise antritt. Bemerkenswerth ist jedenfalls j die Thatsache, daß unser neu constituirtes Cabinet einen ganz! neuen Mwlu.s jiroeciluidi den Kammern gegenüber in Aussicht genommen hat. Es wird nämlich den, wie bekannt, am I I./24. August wieder zusammentretcndcn beiden Häusern ein von der Regierung selbst verfaßter Gesetzentwurf vorgelegt werden, welcher die Aushebung des Alinea Z zu Artikel 7 der Verfassung und gleichzeitig auch jene Bestimmungen enthalten wird, durch welche dem Principe des Berliner Tractates einerseits und den Interessen Rumäniens andererseits Rechnung getragen werden soll. Die Fassung dieses Entwurfes hängt, wie man in bestunterrichteten Kreisen behauptet, von den Resultaten ab, welche Minister BoereScu jetzt im Auslande erzielen wird; eff seinerseits wird das „Mögliche" Nachweisen; was das Ausland dazu sagen wird, bleibt natürlich abzuwarten. Uebrigcns soll man fest entschloffen sein, das den Kammern vorzulegcnde obenerwähnte Projekt — wenn es nämlich möglich sein lvird, ein solches überhaupt zu Stande zu bringen — als das letzte Wort zu betrachten, welches das derzeitige Cabinet an die Vertreter der Nation in dieser Frage richten wird." „Während auf der einen Seite die Regierung alle nur erdenklichen Anstrengungen macht, um die Forderungen des Auslandes mit den Wünschen und von Tag zu Tag markirtcn Forderungen der heimischen Bevölkerung in Einklang zu bringen und somit eine Frage endlich einmal aus der Welt zu schaffen, die nachgerade schon mit zersetzender Wirkung am Lebensmarke des heimgesuchten Landes zu nagen beginnt, dauert die Agitation hier sowohl wie in den Districten unablässig fort. Dieselbe hat jetzt einen zweifachen Charakter angenommen und ist in ein Stadium getreten, welches mancherlei überraschende Momente bietet: Die Opposition einerseits ist in Wort und Schrift äußerst thätig, dem Volke begreiflich zu machen, daß die europäischen Mächte dem Staate Rumänien, welcher seine Unabhängigkeit sich selbst durch sein Blut erkämpft hat, in der vorliegenden Frage, weil dieselbe eine rein interne sei, gar nichts anhaben könnten und auch gar nichts anhaven tvürden, nachdem sie ja auch unter sich selbst über diese Frage uneinig seien (?). Diese Doktrinen finden ein sehr williges Ohr und werden heute von; überwiegenden Theile der Bevölkerung tvic ein Evangelium geglaubt. Unterstützt lvird diese unüberlegte Sprache getvissenloser „Patrioten" durch das dem Plebs ebenso angenehme Geflüster, welches 'demselben von Außen her von einer an dieser Stelle bereits gekennzeichneten Seite in die Ohren geraunt lvird. Die Aufregung gegen die Inden, besonders in der Moldau, ist eher im Wachsen als im Abnehmen begriffen. Ten überraschenden Thcil der Situation aber bildet die in neuester Zeit sich manisestirende Haltung der Juden selbst. Hierüber tvird an maßgebender Stelle Folgendes behauptet: Während die hiesigen Israeliten der durch die obschwebende Frage geschaffenen schlvierigen Situation gegenüber eine sehr ruhige und angemessene Haltung an den Tag legen, sind die Juden in der Moldau „rein von der Tarantel" gestochen; es ist kaum zu glauben, und doch ist es so, daß die Moldauer Juden alle ihre Bekannten und Berlvandten aus Galizien, der Bukowina u. s. tv. zu uns kommen lassen, tvcil dieselben binnen der kürzesten Zeit hier die gleichen liechte mit den Rumänen erhalten tvürden und erhalten müßten. "Nicht nach Hunderten ist die Zahl der seit neuerer Zeit in der Moldau hereinströmenden Juden zu berechnen, sondern gleich dichten Heuschreckenschwärmen, die selbst das Licht der Sonne umnachten (l\), fallen sie nieder aus die Fluren der armen