Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1879)
- Date
- 1879-08-26
- Page
- Seite 546 (sequence 2)
- Language
- German
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546 Masse wie von selbst vor sich, und war und blieb eine individuelle Reform, die ein Zeder nach seinem Wissen und Gewissen an sich selbst vollbrachte. Me denn selbst die gottesdienstliche Reform stets nur eine örtliche war.und ist, bewirkt durch eine größere oder geringere Anzahl der Gemeindemitglieder und ihren Vorstand. In der einen Stadt ist sie so und so vorgenom'men, in der nächsten noch keine Spur. Woher ist nun jene Umwandlung gekommen? Sie bat sich einfach aus der vollständigen Veränderung der Lebensverhältniffe und der Geistcsrichtung der Juden entwickeLt, welche seit einem Jahrhundert das Werk der göttlichen Vorsehung geworden. Oder wollt Ihr die fünfzehn Jahrhundert lange Knechtung, Ein- und Ausschließung der Juden in bürgerlicher und geistiger Beziehung nicht als ein Werk der Vorsehung anerkennen? Ist diese etwa aus der Hand einiger Personen oder irgend eines Thciles unsrer Stammesgenossenschaft hervorgegangen? War sie nicht ein Geschick Gottes, das zuerst unsre Vorväter sich über die Erde zerstreuen und darr« in die äußerste und drückendste Ausschließung gerathen üeß, in ihnen aber die Kraft und die Mitte! nährte, allen zerstörenden Einflüssen einen unerschütterlichen Widerstand entgegenzusetzen? War es nun nicht abermals ein göttliches Geschick, das seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts den GaiK der Gerechtigkeit und der Duldung in die Völker brachte, ihre Staaten zu Rechtsstaaten umbildete, die Principien der bürgerlichen Rechtsgleichheit zu ihren Fundamenten machte, so daß akknälig auch die Juden von allen bürgerlichen Schranken befreit und in das allgemeine Culturleben eingeführt Wurden? Es wäre eine völlig antijüdische Anschauung, wenn man dies beziveiseln oder gar leugnen wollte. Die Verändenmg in allen Lebcnsverhältnissen und in der gesanuntcn Geistcsrichtung war also gegeben, war der gesammtcn Masse gegeben, und alle Folgen, die sich daran knüpften, waren ein nothlvendiges Ergebniß oder, .wie man jetzt zu sagen pflegt, die Logik der Thatsachen: eine schwächere oder stärkere Umgestaltung des Gottesdienstes hat damit gar nichts zu thun. Run geben wir allerdings erfahrungsmäßig zu, daß die strenge Sittlichkeit der Jude» bei der Amalgamation mit dem allgemeinen Leben der Völker einige Schädigung erlitte:: hat. Die Reinheit des jüdischen Familienlebens hat sich in mancherlei Beziehungen veruündert, was allerdings in einigen: Zusammenhänge mit der Durchbrechung jenes „Zaunes de§ Gesetzes" steht. ANa» zu viel Getvicht darf man nicht hierauf legen. Ich habe genug orthodoxe, ja fanatisch sich gcbcrdeNde Mäuner Jünglinge gekannt, welche sehr sittenlos lebten, freilich möglichst im Geheimen. Seht Euch doch in den osteuropäischen Länder», um! Da. ist unter unsren Stanunesgenossen z. B. die Ehescheidung die Sache jedes Tages, und die Begriffe tarn Rechtlichkeit und Ehre sind sehr schwach. Hier ist a%o die «WMe Frage gesetzt: Wolltet Ihr den Zustand, wie er bis zum letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts für die Juden bestand, zurückhaben, oder die Freiheit und das Culturleben, wie diese seitdem den Juden allmälig, aber doch in rascher Folge geworden? Freilich, wenn Ihr es auch wolltet, die Weltgeschichte, wie sie unter der Fügung der Vorsehung sich abrollt, könnt Ihr doch nicht zurückschrauben. Aber Ihr sollt mir das Licht nicht schmähen, weil es auch Schatten mit sich bringt! Wäre das Judenthum eine Religion, die nur in der Dunkelheit und Beschränkung des Ghetto zu bestehen vermöchte, dann allerdings wäre es dem Untergange bestimmt und deffen Werth. Aber dies ist nicht der Fall trotz alter Eurer Behauptungen, die im Grunde nichts Anderes besagen. Die Veränderung der Lebensverhältniffe und die freiere Entfaltung des Geistes brachten nothwendig eine Umwandlung - hervor, der die Einzelnen sich nicht entziehen konnten, welche das Judenthum überwinden mußte und muß, und die es zu einer neuen Phase der Läuterung, der Cultur- und wissenschaftlichen Durcharbeitung führt, in welcher eS eine neue weltgeschichtliche Bedeutung erlangt. Was nun die svnagogale Reform betrifft, welche, wie Jedermann bekannt, jener Umtvandlung nur langsam nachfolgt, so ging und geht sie eben aus dem geistigen Bedürfniß hervor, und dieses hat jeder Zeit im Judenthume seine Befriedigung erhalten. Woraus entstand denn der mosaische Opfercultus, wenn nicht aus dem Bedürfniß jener Zeit? Das hat uns seine Geschichte selbst ausgezeichnet. Woraus gingen die Psalmen hervor, die doch eine dem Opfercultus ganz entgegengesetzte Geistesrichtung enthalten, die eines der erhabensten Erzeugnisse des israelitischen Geistes sind, und die Niemand „fremde Götter" nennen wird, obschon in der ägyptischen und assyrischen Literatur ganz analoge Hymnen sich finden? Woher kamen denn die sog. Pslichtgebete, die in ihrer Bestimmung den: Opfercultus gegenüber- und in Form und Inhalt den Psalmen sehr fernstehen? Woher wiederum die Piutiin, welche von der Einfachheit und Klarheit der „Pslichtgebete" so fern sind, wie der Nordvon: Südpol, und" die wiederum in ihrem barocken Ausdruck und Inhalt den Jozeroth des spanischen Ritus geradezu gegenüberstehen? Alles dies bezeugt, daß das Judenthum in allen seinen Phasen dem geistigen Bedürfniß des Zeitalters Rechnung getragen hat, nicht sprungweise, aber allmälig, gerade wie unsre gegenwärtige gottesdienstliche Umgestaltung seit GO Jahren allmälig vor sich geht, und zwar eben, weil sie eine Befriedigung des geistigen Bedürfnisses ist. Ihr nennt sie, Ihr wagt es, sie zu nennen „fremde Götter"! Der größere Theil der Gebete wird auch in ihr in hebräischer ' Sprache gehalten, ist den bisherigen „Pslichtgebete::" entnommen; aus Thora und Propheten wird in der Ursprache vorgelesen; ' der ganze Gang, die ganze Haltung des Gottesdienstes ist die überkommene; Sabbath und Festtag werden streng eingehalten — sind Euch das „fremde Götter"? Gelten Euch wirklich einige deutsche Gebete für solche, da doch schon die Lehrer der