Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1879)
- Date
- 1879-08-19
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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539 wenig im Gebrauche war. Daß Geschwister sich küßten, ersieht man aus mehreren Stellen. Esau küßt den Jakob (1 Mos. 33, 4), Joseph alle seine Brüder (45, 15), Ahron den Moses (2 Mos. 4, 27), ja, im Hohcnliede 8, 1 wünscht die Geliebte, daß ihr Freund ihr Bruder sein möchte, damit sie ihn vor aller Welt küssen könne, ohne geschmäht zu werden. So wurde es auch unter Verwandten gehalten. Jakob küßt seine Base Rahel (I Mos. 29, 11) und Laban seinen Schwestersohn Jakob (V. 13). Aber auch schon Freunde umarmen und küssen sich, wie Jonathan und David (1. Sam- 2<>, 41), überhaupt diente der Kuß als Zeichen der Zuneigung, wie David den Barsilai damit entläßt (2. Sam. 19, 40). Eine eigenthümliche Sitte scheint gewesen zu sein, mit der rechten Hand den Bart dessen zu fassen, den man küffen wollte (2 Sam. 20, 91, was an dieser Stelle freilich dem Joab nur diente, um so leichter dem Arnasa das Schwert in den Leib zu stoßen. Man sieht, das; in jener Zeit schon die Hinterlist sich der freundschaftlichen Liebkosung bediente, um die frevelhafte Absicht zu verdecken. Ferner gehörte der Kuß zu den Zeichen der Huldigung, wie das Beispiel Samuel's bei der Salbung Saul's zeigt (1. Sam. 10, 1); so auch Psalm 2, 12; und so finden wir denn auch den Kuß unter den Zeichen der götzendienerischen Verehrung: man küßt den Baal (1- Kvn. 19, 18), die gegossenen Kälber 'Hof. 13, 2), und kann djes immerhin auch ein Kuß auf den Mund des Götzenbildes gewesen sein, wie Cicero erzählt, daß in Agrigent eine Statue des Hercules war, von der der ganze Mund abgeküszt war. Doch begnügte man sich, beim Götzendienst auch mit Kußhänden (Hiob 31, 27). Jin Gegcntheil war der Kuß auch eine Kundgebung der Herablassung, denn Absalom küßt Jeden, der zum Gerichte vor den König treten will, um sich beliebt zu machen (2. Sam. 15, 5). Daß bei so ausgedehnter Sitte sich auch Geliebte und Eheleute küssen, ist selbstverständlich (Spr. 7, 13 1 HL. 1, 2). Ueberhaupt galt ein Kuß als Zeichen der Liebe und der Bewunderung (Spr. 27, 6) und wird er daher sprüchwörtlich als Bezeichnung für lieb und theuer sein verwendet (Spr. 2-1, 26), ja, für den Gehorsam (1. Mos. 41, -1«'). Aus dem Volksleben mit feilten Licht- und Schattenseiten.: VIII. W i e n, 3. Juli.! Ein jugendlicher Kaufmann.! Frau Sarah Schächter aus Jaroslau (Galizien) gebürtig,j erscheint vor den: Richter des zweiten Bezirkes unter der An-, klage, ihr siebenjähriges Söhnchen, den kleinen Rechamias, welcher im Prater beim Verkaufen von Zündhölzchen betreten wurde, auf den Bettel geschickt zu haben. Man sieht es t*cr ‘ Angeklagten wohl auf den ersten Blick an, daß sie es nicht nothwendig hat, sich in den Besitz einer Eouponschecre zu setzen, aber andererseits vcrräth die Nettigkeit, mit welcher sie und der kleine Ncchamias, den sie als Entlastungszeugen zur Verhandlung mitgebracht hat, daß das tvirkliche Elend denn doch noch keine Heimstätte in ihrem Hause gefunden habe, und deßhalb wirkt die Anklage auf die Zuhörer überraschend. In der That versichert Frau Schächter, daß sie sich nicht schuldig fühle; sie habe vier Söhne, der eine sei Jurist, der andere Techniker, der dritte sei noch am Gymnasium, aber alle drei haben gute Lectionen und erhalten das Haus, und Ncchamias, ihr jüngstes Kind, sei schon jetzt ein ausgezeichneter Student, cs sei ihr geradezu unbegreislich, wie er auf den Gedanken gekommen, mit Zündhölzchen hausiren zu gehen. — Richter: Nun, so wollen wir den. Knaben vernehmen (zu demselben gewendet). Du, Ncchamias, du brauchst, wenn bu nicht willst, gegen deine Mutter nichts ausznsagen; wenn du dies aber dennoch thun willst, mußt du die reine Wahrheit sprechen. — Zeuge (ganz unerschrocken): O ja, ich sage Alles. — Richter: Hat dich deine Mutter mit den Zündhölzchen in den Prater geschickt? — Zeuge: Rein, ich bin selbst gegangen. — Richter: Ja, woher hast denn du das Gold zum Ankäufe der Zündhölzchen gehabte — Zeuge: Das Hab ich mir zusaimnengespart. — Richter: Hast du dich denn nicht geschämt, hausiren zu gehen, und du warst, wie der Wachmann, welcher dich arretirt hat, angiebt, sogar sehr zudringlich gegen die Passanten. — Zeuge: Geschämt habe ich mich nicht, ich habe ja schon einen Tag bevor ich arretirt wurde, hausirt. —- Staatsanwaltschaftlicher Functionär Eonnnissär Karasek: Wie viel Päckchen Zündhölzchen Haft du dir eingckauft? — Zeuge flieht auf diese Frage die Antwort, er habe um zwanzig Kreuzer — so hoch haben sich seine Sparnissc belaufen ~~ zwanzig Päckchen Zündhölzchen angekauft. — Functionär: Tu hast deinen Handel mit 20 kr. begonnen, bei deiner Arretirung fand man aber 1 fl. 30 kr. bei dir und sechzehn Päckchen Zündhölzchen — Zeuge (mit Stolz): Das war mein Profit. Richter: Ich gratulire dir zu einem solchen Prosit; ivieso hast du denn denselben erzielt'k — Zeuge: Ein Herr allein hat mir 50 tr. gegeben. — Functionär: Aber nicht der Zündhölzchen wegen, sondern aus Mitleid. — Zeuge: Das hat mich nicht gekümmert, ich Hab' mich gefreut, daß ich Geld gewonnen habe. — Frau Schächter, welcher die Art und Weife, wie ihr Söhnchen deponirt, sichtbares Vergnügen bereiter, tritt mm vor den Richter und überreichr demselben das Schulzeugnix „ihres" Rechamias. Richter (nachdem er in dasselbe Einsicht genommen):. I» der That, ich sehe lauter Vorzugsnolen, nun, aus Ihrem Sohne kann noch ein großer Manu werden, aber Sie müssen auch aus denselben etwas besser Acht geben. Frau Schächter macht einen zierlichen Knir und entfernt sich, nachdem der staatsantvaltschasitiche Functionär die Anklage 3-1*