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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-08-19 · Heft 34 (19.8.1879) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 34 (19.8.1879)
Date
1879-08-19
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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530 zerreißt die höchste Anschauung und die wirkliche Tendenz des Mosaismus. Es ist dies eine nicht beabsichtigte, aber dennoch vollbrachte Verfälschung des Mosaismus. Wer dies bezweifeln möchte, der brauchte nur das 19. Kapitel des 3. Buches Mosis durchzulesen. Nach einer längeren Reihe von Specialgesetzen tvird hier als Fundament derselben das Princip der Heiligung ausgesprochen und hieran ein Ileberblick geknüpft über alle die Beziehungen, in welchen diese Heiligung sich bethätigen soll. Zuerst die Verehrung Gottes, eingeleitet durch die Ehrfurcht vor den Elter» (3—8). Hierauf die Behandlung seiner Nebenmenschen in Barmherzigkeit (9. 10), Wahrhaftigkeit (ll. 12), Gerechtigkeit (13—15), Nächstenliebe (16—18), Bewahrung des Natürlichen und Naturgesetzes in einer Einfachheit (19), Verhältniß zum Leibeignenstande (20 bis 22), endlich zur Pflanzenwelt (23—25). Hieran knüpfen sich noch Verbote, welche die Entheiligung des menschlichen Leibes durch heidnische und zauberische Gebräuche und überhaupt Zauberei untersagen. Zum Schluffe wird noch die Ehrfurcht vor dem Alter mit der vor Gott verbunden, die Liebe zu den Fremdlingen eiugeschärft und dem Unrecht im Gerichte und Verkehr cntgcgengetreten. Von hier ab wird immer häufiger mit den verschiedenartigsten Gesetzen der Zusatz DSÜHpE ÜX „ich bin der Ewige, der Euch heiliget", verbunden (2 Mos. 31, 13; 3 Mos. 2t», 8; 21, S; 22, 38 u. a. vielen O., oder auch blos üX Aber auch im Einzelnen spiegelt sich dies ab. Man lese z. B. das vierte der Zehnworte. Dieser Sabbath ist eine Heiligung vor Gott; aber er befaßt auch die Pflicht der Arbeit, das Leben in der Familie, die Gleichheit and) des Fremden und des Leibeigenen innerhalb des Gesetzes und die Menschenfreundlichkeit gegen die Thiere — dies Alles wird an das Schvpfungswerk Gottes geknüpft. Wir können an dieser Stelle eine weitere Ausführung nicht geben, insbesondere auch nicht, welche tieferen Momente in dem Principe der Heiligung nach der mosaisd)en Anschauung enthalten sind, und verweisen vielmehr auf unsren Commentar zur Stelle, sowie auf unsre „Ausführliche Religionslehre". Man wird leicht einsehen, was Nur von diesem Standpunkte aus gegen die Abhandlung Astnlc's unter dem Titel: „La morale de Aloise“ einzuwenden haben, und wie sehr wir es bedauern, daß er an einem so hervorragenden Platze sich mit einer so einseitigen Darstellung begnügt hat. Auch müssen wir noch die Bemerkung hinzufügen, daß in unserer Zeit bei der fort-- geschrittenen Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens schtverlich noch ein Moralsystem auf das früher gewöhnliche Sittengesetz sich beschränken und höchstens „die Wichten gegen das Vaterland und die Obrigkeit" als ciu Anhängsel hinzusügen könne. Vielmehr müssen jetzt die. gesellschaftlichen Verhältnisse, also das sociale und politische Leben und die in demselben zu verwirklichenden Principien das eigentliche Fundament der Moral bilden, auf welchem sich bas mit seinen Beziehungen aufbaut. Die Darstellung in der besprochenen Abhandlung »st also auch von dem modernen Standpunkte aus als veraltet zu betrachten. Ist doch auch jene jüdische Neformphase, in welcher die Trennung des Religiösen vom Politischen und Socialen und die Beseitigung des letzteren aus dem Judenthum als Grm.dlage der Reform verkündet wurde, längst vorüber. Bis hierher waren wir in unsrer Auseinandersetzung gelangt, als folgendes Schreiben des Herrn Großrabbinen Astruc eintraf, welches wir nach dem Wunsche desselben in wor: getreuer Uebersetzung hier geben. Paris, 27. Juli 1879. „Ich hege in keiner Weife die Anmaßung, in der Kritik zu interveniren, welche Sie über meinen Artikel: „Die Moral von Moses" geben, aber ich bitte um die Erlaubniß, einige Mißverständnisse zu berichtigen, die durch ineine ohne Zweifel ein wenig dunkle Sprad)e verursacht worden. Wenn ich, von der Moral von Moses sprechend, mich zu dem Beweise verpflichtet habe, „daß sie seiner Zeit vorangeschrittcn und nicht unwürdig der unsrigen sei", so ist es wohl offenbar, daß dies weder Zaghaftigkeit auf Kosten der heiligen Schrift, noch Liebedienerei gegen die Gegenwart ist, sondern eine Art zu sprechen, welche das Wenigere sagt, um das Mehr verstehen zu laffen; ich bediene mich dessen, um Denen zu antworten, welche erklären, daß unsre große jüdisch? Moral „unendlich unter den begründeten Anforderungen der jetzigen Welt sei". - Wenn ich von der theologischen Frage gesagt habe, „daß sie im Grrlnde der Dinge sehr gleick)gültig sei", so bedeutet dies in keiner Weise, daß ich die Göttlichkeit der Offenbarung verneine, sondern ganz einfach, daß, indem ich mich an Freidenker wende, ich Ihnen nur eine einfache wissenschaftliche Auseinandersetzung zu geben halte und nicht confessionclle Argumente, die von ihnen a priori zurückgewiesen werden. „Der Grund der Dinge" ist die Demonstration der Vorzüge der mosaischen Moral. — Wenn ich endlich gesagt habe, daß die mosaische Moral „von jedem ausschließlichen Dogmatismus frei ist, und daß sie ihre ewige Basis in den Tiefen des menschlick)en Gewissens findet", so bedeutet dies nicht, „daß die Moral unabhängig von jedem Dogma sei". Ich bestätige im Gegentheil kategorisch, „daß sie der Grund des israelitischen Dogmas selbst ist und sich von der Idee des schaffenden, gesetzgebenden und vergeltenden Gottes nicht getrennt werden kann"; aber ich wollte sagen und habe gesagt, daß sic kein unfaßbares Mysterium auflege, der Vernunft nicht widerspreche und dem Gewissen keinen Anstoß gebe, auch Niemanden außerhalb ihrer Wohlthaten stelle, Ausschließungen, die sich in den Religionssystemen, die von dem unsrigen abstammen, finden. Es giebt also im Grunde keine Differenz zwischen Ihrer Interpretation und der meinigen, welche übrigens uns nicht angehören, weder dem Einen, noch dem Anderen.

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