Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1879)
- Date
- 1879-08-05
- Page
- Seite 508 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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508 in Homburg v. d. Höhe vor einigen Tagen wegen eines „trefenen Käses". Der Rabbiner von Homburg war der Kläger, wurde aber abgewiesen, trotz des Gutachtens mehrerer orthodoxer Rabbiner. — Unter den Berliner Rechtsanwälten ist unsere Glaubensgenossenschast stark vertreten. So lautete eine Bekanntmachung des Berliner Stadtgerichts, betreffend Concurseröffnung, in der „B. Z." am Schluffe: „Denjenigen, welchen es hier an Bekanntschaft fehlt, werden zu Sachwaltern vorgeschlagen die Rechtsanwälte Lewin, Löwy und Lewy." — Man schreibt aus Berlin: Bon einer feinen „Postnase" ist in jüngster Zeit oft die Rede gewesen, allein der Fall, der jetzt von hiesigen Blättern mitgetheilt wird, dürfte denn doch alles Dagewesene übersteigen. Ein Brief, der aus Polnisch- Liffa richtig an eine Handelsfirma unweit Magdeburg gelangt ist, trägt folgende Aufschrift: „Aenuohe meschugge Beheme wc-Chavrasse.“ Die Postanstalt wandte sich an einen israelitischen Gelehrten und dieser cnträthselte die Briefaufschrift wie folgt: Memiche Ruh, meschugge — toll, Beheme Vieh, Ave-Chavrusse — u. Co., also ist der Brief gerichtet an die Firma Rudolphi u. Co. Diese Annahme hat sich in der That als richtig erwiesen; es wäre aber sehr wünschenswerth, daß die „Findigkeit unserer Post" nicht durch derartige kindische Experimente auf die Probe gestellt würde. Jeu i l l e t o n. Vermischtes. Richard Wagner und Emile Zola. Es ist ein eigenthümlicher Zug unsres Jahrhunderts, trotz der immer weiteren Verbreitung der allgemeinen Bildung, des reizbaren politischen, socialen und wiffenschaftlichen Bewußtseins und der demokratischen Tendenz, Männer hervorzubringen, welche sich eine unbedingte Dictatur, eine Unfehlbarkeit, eine Suprematie über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anmaßen, so daß sie der ganzen Zeit in's Gesicht schleudern: „Ich bin Mahomet und kein Prophet außer mir." Selbstverständlich ist cs dabei, daß trotz alledem diese Selbstvergötterer eine große Anzahl Anhänger finden; denn sonst singe sich ja gar nichts an. Wir sehen hier von dem politischen Gebiete ganz ab, obgleich es auch da an solchen Heroen in unsrem Jahrhundert von Napoleon I. bis auf unsere Tage nicht fehlt. In der Musik ist es bekanntlich Richard Wagner, der alle Schöpfungen der Vergangenheit — höchstens mit Ausnah ine einiger Werke Beethovens — für nichtig oder unbedeutend erklärt, seine eigenen Arbeiten als die höchsten Producte der Kunst, seine Grundsätze als die aller Musik der Zukunft aus'' schreit, Melodien und Chöre verwirft, das Wort nicht zum Interpreten der Musik, sondern die Musik zur Interpretin und Magd des Wortes macht. Auf diese Weise soll die Musik den Inhalt des Wortes nachahmend zum Ausdruck bringen, also ganz realistisch verfahren, wobei zugleich die Dichtung ohne einen Zwang aller Moral und Sitte in's Gesicht schlägt und die Nuditäten recht natürlich ausmalt. Dieser Erscheinung analog ist jetzt in Frankreich auf dem Felde der Romanj dichtung ein gewisser Emile Zola ausgetreten. Auch er verwirft alle bisherigen Dichter — mit Ausnahme Balzac's, als seines, wenn auch noch schwachen Vorgängers — nennt sich den Schöpfer der naturalistischen Schule und preist diese als die einzig richtige und die Aufgabe der Poesie allein lösende. Unter Naturalismus versteht er die Schilderung der Wirklichkeit in ihrer ganzen Erniedrigung und Nacktheit. Des Idealen, des verschönernden Einsiuffes der Kunst, der höheren und reineren Triebfedern des menschlichen Handelns spottet er insgcsammt. Von einem Kunstwerk und irgend welchem geschmackvollen Behandeln des Gegenstandes darf nicht die Rede sein. So ist sein Hauptwerk „rAssummoire“' die Lebensgeschichte einer Wäscherin, die nach Ehebruch und Schande sammt ihrem Mann im tlelirium tremens« hinter der Treppe verendet. Dabei ist die Sprache durchweg die der niedrigsten Ctaffe und das Gezänk der Waschfrauen und das Gewitzele der Schnapstrinker in der Kneipe wird mit der sorgfältigsten Genauigkeit wiedergegcben. Dabei verfolgt Zola denselben Weg wie Wagner, indem er Broschüre auf Broschüre folgen läßt, in denen er alle anderen Dichter unbarmherzig zerreißt und sich selbst vergöttert. Das Schlimmste dabei ist, daß seine Romane dennoch ein ungeheures Publicum finden, und für das Theater bearbeitet, dasselbe unaufhörlich füllen. Man wird unwillkürlich zu der Frage gedrängt, wie ist es möglich, daß eine Nation, welche den feinsten Geschmack sowohl im gesellschaftlichen Leben, als für die Formen der Dinge besitzt, so sinken könne, um an derartigen Geschmacklosigkeiten und Ekelerregendem Gefallen finden zu können? Die Erklärung liegt nur in einem gewiffen Gesetze der Entwicklung, das, wenn eine Kunst erst abwärts zu gehen beginnt, sie von Stufe zu .Stufe in Extravaganzen und Absurditäten sich zu übertreffen sucht, und ein gereiztes und blasirtes Publicum ihr willig in ihren Ausschreitungen folgt. Für alle Diejenigen, denen cs Emst um das Heil der Menschen ist, um das Wohl ganzer Geschlechter, tritt aber um so dringender die Pflicht ein, sich solchem Gebühren mit aller Kraft, ein Jeder in seinem Kreise, cntgcgenzustemmen, um die Verwüstung nicht allzu weit gedeihen zu lassen. Unsre Leser wissen, daß wir stets vor den Ausschreitungen der Romandichtung gewarnt haben, und immer daraus drangen, nur mit strengster Auswahl solche Producte auf den Lesetisch des Hauses kommen zu lassen._