Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1879)
- Date
- 1879-08-05
- Page
- Seite 499 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227264--37349-3256750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
499 Wirklichkeit entnimmt. Höchstens hätten wir hier und da eine knappere Form gewünscht. Diejenigen, welche diese Furcht vor den drei Gespenstern am meisten zu verbreiten und auszubeuten suchen, zum Theil deren Erfinder sind^ das sind nach dem Verfasser „zumeist Ueberläuser, die eine oft sehr zweifelhafte Vergangenheit vergessen machen wollen, indem ste mit dem bekannten Eifer des Renegaten für ihre neuen Bundesbrüder zu fühlen, für ihr theures Wohl besorgt zu sein, sich den Anschein geben, deren junges Chriftenthum seinen neuen Eifer gegen den alten Mutterstamm wenden zu müssen glaubt", ferner Leute, „die in Tinte und Papier machen, Studenten, welche sich nicht Zeit genommen, ihre Studien zu vollenden, eine Art Commis-voyageurs der Wissenschaft u. s. w." Von diesen geschieht es auch öfter, daß ste bei wohlhabenden Juden Besuch machen und ein Manuscript vorzeigen, welches, wenn es gedruckt würde, den Juden großen Schaden verursachen müßte, das sie aber für gutes Geld sich abkaufen lassen wollen. Abgewiesen, werden sie wüthend und befriedigen ihr Rachegefühl in Vorlesungen, Flugblättern u. dgl., in welchen sie die drei Gespenster dem Publicum mit Grausen erregenden Formen und Farben vorführen. Diese letzteren find: die Blutbeschuldigung, das Kahal und die Ausbeutung. Das erste dieser drei ist längst in das Schattenreich zurttckgewiesen; das dritte ist den Judenhassern aller Welttheile noch heute überaus geläufig; sehen wir zu, ivas man in Rußland unter dem Zweiten versteht. Das Kahal ist ,^>cr Name eines Phantoms, das eine von glühendem Mysticismus zusammengeschweißte Verbrüderung mit geheimen religiös-nationalen Tendenzen bedeutet." Man glaubt, die Juden hätten geheime Vereine, Bündnisse, die eine politische Organisation besitzen, ein politisches Ziel verfolgen. Diese Verbindung nennt man „Kahal" und der getaufte Vravmann war cs, der dieses Gespenst erfunden und in Circulation gesetzt hat. Der Verfasser beweist nun an der Hand der Geschichte, daß die Juden seit der zweiten Zerstörung Jerusalems aller politischen Selbstständigkeit entsagt, alles eigene politische Lcbeck verloren haben. Es lag dies nicht allein in der Natur ihrer Verhältnisse, sondern wurde auch zu bestinnntem Ausdruck gebracht. Es heißt Kethnboth 111, 1: „Auf drei Pflichten hat Gott für die Dauer des Exils Israel beschworen: l) daß sie sich nicht auflehnen sollen gegen die Völker, unter denen sie wohnen, 2) daß sie auf die Erlösung nicht dringen, 3) daß sic nicht eine Mauer ansteigen, d. h. das Unmögliche nicht unternehmen sollen." Man bezieht sich hierbei auf Jcrem. 29, 7. Daß die Juden diese Grundsätze stets beobachtet haben, hingegen mit ihrer Aufnahme in das bürgerliche Leben sich in allen Ländern den Jntcresien ihres Vaterlandes Hingaben, zeigt der Verfasser in beredter Weise und weist unter Anderem auch auf die vielen Georgskreuze hin, welche russische Juden km letzten Kriege sich erworben haben. Das Auffälligste ist, daß die Vorstellung des Kahal einen thatsächlichen Anhalt nur durch die russischen Staatseinrichtungen selbst erhalten konnte. In Rußland muß die Gemeinde für die Abgabe der Steuern und für die! Rekruten cinstehen. Hierzu muß die Regierung die Gemeinde ihren Angehörigen gegenüber mit einer gewissen Macht ausrüsten, welche natürlich auch zu mancherlei Ausschreitungen veranlaßt. Anstatt nun aber die Quelle dieser Macht in den Anordnungen der Regierung zu suchen, will man sie in einer allgemeinen geheimnißvollcn Verbindung der Juden unter einander finden, die man Kahal nennt. Da hatte man denn ein Ding, in das man alle möglichen Gehässigkeiten, alle erdenkbaren Schädlichkeiten bequem hineinbringcn konnte, eine Ablagerung für alle Vorurtheile, der man einen bestimmten Namen beizulegen vermochte. Hoffen wir, daß die klare und gründliche Auseinandersetzung in der vorliegenden Broschüre dazu beitragen wird, dieses Gespenst zu verscheuchen und in sein Nichts aufzulösen. Bekanntlich hat sich neuerdings die ultramontane Presse der .Alliance isr. univ. bemächtigt, um daraus ein ähnliches Schreckbild für den Westen Europas zu fabriciren, wie das „Kahal" in Rußland ist. 8er Lllmpf in Uumiiiucii. in. Der erste Act der Tragi-Eomödie, die sich auf dem ernsten Hintergründe des Berliner Vertrags in Rumänien abspielt, ist zu Ende. Der Vorhang siel, indem Bratiano seine Demission gegeben. Er hebt sich zum zweiten Acte, Bratiano erscheint wieder auf der Bühne und zwar mit einem Fusions- Ministerium , das wahrscheinlich die Eonfusion noch mehrt. Das ganze Stück verläuft bis jetzt als ein komisches Jntrignenstück, in welchem allerdings das tragische Element nicht fehlt, indem es sich um das Schicksal von 25i< >,009 verfolgten, bedrückten und mit Verleumdungen überschütteten Menschen handelt. Zweifelhafter ist es, ob die Evmödie auch für Rumänien irgend eine tragische Wendung nimmt. Das; es Deutschland, England, Frankreich und Italien mit dem. Artikel I l des Berliner Vertrags ernst meinen, ist sicher. Aber Rumänien ist vor dem Zorne dieser Ai ächte durch seine nächsten Nachbarn Oesterreich und Rußland geschützt, der Pforte nicht zu gedenken, die nur noch Statistenrolle spielt. Vorerst hat Gras Andrassy es übernommen, die ernste Verwarnung Seitens jener vier Mächte abzuschwächen und den Rumänen in's Ohr 311 raunen: Spielt nur die Komödie weiter, es wird euch nichts Schlimmes geschehen. Daß Bratiano dessen sicher ist, ersieht man daraus, daß er seinen, durch Rosetti vorgebrachten Gesetzentwurf mit scheinbarer Energie verficht, während dieser Entwurf doch nur zwei Nullen statt der einen Skull der scheinbaren Opposition gewährt. Es ist Alles nur Eomödie mit vertheilten Rollen.