Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1879)
- Date
- 1879-08-05
- Page
- Seite 498 (sequence 2)
- Language
- German
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498 ihre Brüder mit angezettelten Beschuldigungen, verkappt oder mit offenem Visir, herfallen. Wir müssen oft unsere Interessen auch vor solchen Juden wahren, die weit entfernt sind. Schlimmes im Schilde zu führen, die vielmehr das Heil ihrer Brüder im Auge haben und in Folge dessen wohlgemeinte Rathschläge crtheilen, die aber an jene probate Cur lebhaft erinnern, welche, um Kopfweh zu heilen, dem Patienten den Kopf abgeschnitten hat. Man bekommt oft Meinungen zu hören, und diese von solchen, von denen man sie am wenigsten erwartet, die selbst einen Unbefangenen stutzig machen. Am Ende des verflossenen Winters war cs, als bei einer besonders feierlichen Gelegenheit, bei welcher die damals hier tagende Nabbincrcommission in plano und die Spitzen der hiesigen Judenheit anwesend waren, uns das recht originelle Schauspiel vergönnt wurde, welches darin bestand, daß ein junger tüchtiger Gelehrter und freisinniger Schriftsteller von radikaler Färbung in einer gewandten Rede mit wahrer Begeisterung den Gedanken durchsührtc, das einzige Ziel und die einzige Hoffnung Israels müsse Palästina sein, während ein anderer Redner, ein im Rabbinate ergrauter Rabbi, das Judenthum, wie Nationalität überhaupt, als ein Uebergangsstadium zum Kosnwpolitismus darstellte, und die möglichsten Conscquenzen daraus folgerte. Meinungen sind gewöhnlich verschieden. Das; sie aber so extrem auscinandergehen und in einer solchen Frage, zeugt nur dafür, wie wenig man bei uns mit den leitenden Ideen dieser Frage bekannt ist. Es scheint wirklich, als ob Alles, was darüber gesprochen und geschrieben wurde, entweder schon längst verschollen und vergessen oder nie geschehen wäre." Die aus dieser Schilderung sich ergebenden Aussichten sind nicht sehr tröstlicher Art. Neben den getauften Juden, welche seit längerer Zeit in Rußland durch Verleumdungen und lügnerische Denunciationen ihren früheren Glaubensgenossen den nachhaltigsten Schaden verursachen, treten unter den sog. gebildeten Juden, welche theils materialistische Ideen in sich ausgenommen haben, theils für einen ausschließlichen Kosmopolitismus schwärmen, geradezu Feinde des Judenthums auf, oder es verbreiten sich unter ihnen schiefe Ansichten, die der gesunden Entwicklung, deren die Masse so sehr bedarf, entgegcnwirken. Diese Zustände sind erklärlich. Rußland selbst hat keine normale Culturentwicklung genossen, welche bei den Völkern des westlichen und mittleren Europas durch viele Jahrhunderte vermittelst der geschichtlichen Phasen und einer langwierigen und tiefgehenden Geistesarbeit gewonnen wurde. Es sprang sozusagen mit seiner Halbbarbarei mitten in die europäische Cultur hinein, und hieraus ergab es sich, daß die ungeheure Masse ziemlich auf dem alten Standpunkte verblieb, während die oberen Schichten begierig die Resultate der europäischen Civilisation ohne deren innerste Fundamente annahmen, 'zum großen Theile sich auch nur mit dem äußeren Bildungsschliff begnügten. Dein analog ging es auch mit den Juden. Das christliche Rußland aber hat auf diesem Wege doch schon ungefähr 180 Jahre hinter sich, während bei den dortigen Juden das Eindringen der Cultur erst nach wenigen Jahrzehnten zählt. Zusammengedrängt in wenige westliche Provinzen, ohne ein durchgreifendes, der Jetztzeit entsprechendes Schul- und Unterrichtswesen und erst seit geringer Zeit in die öffentlichen Schulen ausgenommen, verblieb die große Mehrheit der Juden in den alten Zuständen, während eine Anzahl jüngerer plötzlich in den Wirbel der Culturresultate versetzt wurde. Nun traf es sich unglücklicher Weise, daß in der Gegenwart die vorherrschende Richtung im europäischen Geistesleben keine günstige und vielmehr geeignet ist, solche Geister, die weder eine gründliche wissenschaftliche Vorbildung, noch eine irgend gefestigte Ueberzeugung besitzen, zu verwirren. Was man auch von der Philosophie als Schulsystem sagen mag, der Mensch keines Zeitalters kann sich des Philosophircns, der philosophischen Anschauung der Dinge entschtagcn. Kommt nun, wie es jetzt der Fall ist, die herrschende philosophische Anschauung nur aus der Retorte des Chemikers, von dem Secirmeffer des Anatomen und den Vivisectionen des Physiologen her, so kann der verneinende, auslvsende, zersetzende Geist nicht ausbleiben. Jene jüngeren russischen Juden nun, die sich im letzten Jahrzehnt gebildet haben, stehen von der einen Seite der verkommenen Masse gegenüber, von der anderen vor der materialistischen Anschauung, die ebenso von Frankreich, wie von Deutschland aus herübergekonnnen ist und sie mit ihrer falschen Wissenschaftlichkeit blendet. Welch' einen ganz anderen Entwicklungsgang unsere Glaubensgenossen in Mittel- und Westeuropa seit mehr als einem Jahrhundert durchgemacht und dadurch ganz andere positive Resultate erreichten, brauchen wir hier nur anzudeuten. — Demungeachtet haben wir vor diesen Zuständen nicht allzusehr zu erschrecken. Die Masse des jüdischen Stammes in Rußland wird von solchen Tendenzen höchstens auf der Oberfläche berührt, und wird, wenn die Zeit ihrer Entwicklung gekommen, diese, wie überall, auf dem geschichtlichen Boden anheben und fortführen. In die modernisirten Kreise aber werden die jüdisch-deutschen Arbeiten eindringen und die materialistische, wie pseudo-kosmopolitische Richtung bekämpfen, wozu dann der sich vorbereitende Umschwung in der philosophischen Anschauung Europas seinen Einfluß üben wird. Unser Petersburger Correspondent bemerkt am Anfang, daß zu den Veranlassungen der Verfolgung in Rußland die Vorstellung vom jüdischen „Kahal", das bekanntlich,, Gemeinde" bedeutet, gehöre. Es wird dies durch eine soeben erschienene Broschüre des Odcssaer Stadtrabbiner Dr. Schwabacher: „Drei Gespenster, eine Zeitfrage" (Odessa, Ulrich 1879), bestätigt. Es ist dies eine mit vielem Geiste und großer Beredsamkeit verfaßte Abwehr, die ihre zutreffenden und überzeugenden Beweise nicht sowohl der Theorie, als der tatsächlichen