Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1879)
- Date
- 1879-07-29
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227263--37339-3256739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
490 dem Landesgerichte eingcliefert. Diese, beiden ,ehrenwerthen Herren' gehören nämlich, wie constatirt worden ist, zur Gilde jener Professtonsbettler, die unter einem einheitlichen Commando steht und über ganz Mitteleuropa verzweigt ist. Auf Grund gefälschter, mit nachgeahmten amtlichen und privaten Stempeln versehener Empfehlungsbriefe entlocken ste Persönlichkeiten, deren Wohlthätigkeitssinn allgemein bekannt ist, namhafte Unterstützungen. Zu dieser Schwindlerbande, die an fünfzig Mitglieder zählt, gehören auch ein gewisser Tinter, Löwenstein, Nachmann und Hase. (Anscheinend lauter Juden.) Die erstgenannten Zwei, sowie Hersch Margulis, trieben.bereits im Jahre 1875 ihr Unwesen in Wien, wurden aber, als die Behörde Kenntnis; von den Betrügereien erlangte, flüchtig. In einem böhmischen Städtchen fielen sie aber Sicherheitsorganen in die Hände, wurden dem nächsten competenten Gerichte eingeliefert und wegen Betruges zu längeren Freiheitsstrafen verurtheilt. In Berlin ist der Sitz des ,Ehefs' dieser nationalen Schwindler und zugleich auch die ,Operationskanzlei'. Eine Filiale der letzteren befindet sich abwechselnd in Breslau oder in Frankfurt a. A!. Nur mit dem Einverständnisse des,Ehest" dürfen die Strolche nach den Großstädten abgehen, um nach Opfern zu suchen. Jeder Einzelne der Schwindler erhält die Liste der bekannten Wohlthäter und zugleich ein Empfehlungsschreiben an einen Führer der Gauner. In jeder Großstadt haben zwei, mitunter auch drei Führer stabile Sitze. Für diese Dienstleistung ist dein,Chef' und dem Führer der Schwindler der dritte Theil der eingegangenen Unterstützungen.abzuliefern. Die hervorragendst en Aristokraten des In- und Auslandes, ja selbst Fürstlichkeiten, zählen zu den Betrogenen. Die Petenten, die sich verschiedene Namen und Charaktere beilegen, schildern in den Bittgesuchen in grellsten Farben ihr unverschuldetes Unglück und ihre drückende Nothlage. Einer dieses Consortiums, dein es leider geluiigcn ist, unmittelbar nach der Verhaftung Margilli's und Hirsch's aus Wien durchzubrennen, geriete sich theils als Arzt, theils als Opernsänger und Eoncertineister. Gleich nach seiner Aiikunft in Wien richtete er an eine hochgestellte Persönlichkeit ein Schreiben, in welchem er uin die Erlaubniß nachsuchte, in deren Palais ein Coneert veranstalten zu dürfen. Dieser Schwindler ist weder Arzt, noch Opernsänger oder Eoncertineister, sondern ein ehemaliger Chorist. Die Zahl der Beschädigten und die Höhe der herausgelockten Suinine ist, soweit dies festgestellt werden konnte, eine riesige. Hersch Margulis wurde kürzlich in Potsdam dingfest gemacht, es gelang ihm aber, aus dem Arreste zu entspringen. Das dortige Kriegsgericht hat auch deshalb feine steckbriefliche Verfolgung eingeleitet." — Wir wissen nicht, ob es mit der hier beschriebenen Organisation der betrügerischen Bettlerbande gerade sich so verhält, wie hier beschrieben ist. Jndeß bleibt jedenfalls so viel thatsächlich davon übrig, daß eine größere Vorsicht überall geboten erscheint, Darum sind die Gemeinden zu beloben, in welchen durch organisirte Armencassen diesen Bettlerbanden an. den betr. Orten tvenigstens das Handtverk gelegt ist. — Vor Kurzem erhielten 2 Offiziere israelitischer Religion, der Bataillonschef Coblentz und der Kapitain in der 11. Trainschwadron Lüvre Ehrenlegion. — Die Vereinigung der englischen Juden (Angln .lowish Association} hat derEr.-Kaiserin Eugbnie eine Beileidsadresse übersendet. Baron Henry de Worms, welcher die Anregung zu der Adresse gab, hob bei der Gelegenheit hervor, daß die Juden der Familie Bonaparte manche ihrer Freiheiten verdankten, denn es sei Napoleon I. gewesen, welcher die Ghettos in vielen Ländern abschaffte. Bonn, 13. Juli. (Literarische Notizen.) Schon im vor. Jahrg. (S. 379) haben wir von dem Unternehmen des Herrn Eh. D. Lippe in Wien berichtet, ein „Bibliographisches Lericon der gesammten jüdischen Literatur der Gegenwart und Adreß-Anzeiger" herauszugeben, worin die Adressen „von Rabbinen, Predigern, Lehrern, Cantoren, Schriftstellern, Freunden und Förderern der jüdischen Literatur in der alten und neuen Welt nebst bibliographisch genauer Angabe sännntlicher von jüdischen Autoren der Gegeutvart publicirten, speciell die jüdische Literatur betreffenden Schriftwerke und Zeitschriften" enthalten find. Es erschien auch die erste Lieferung und in diesen Tagen die zweite von S'. 81—176, nämlich von Teutschländer bis Herzfeld. 'Man kann den Sammelj^eiß des Herausgebers nicht genug loben. Allerdings thut der merlantilische Zweck der Adressen dem bibliographischen Eintrag, indem das Eonvolut von Namen, Stand und Ortschaften allzu massenhaft ist. Daß hinsichtlich der Bibliographie mancherlei Lücken und Jrrthümer sich einstellen, ist kaum zu vermeiden und giebt sich schon bei flüchtiger Durchsicht kund. Eine sorgfältigere Vergleichung mit Fürst's Uibliotüoca Judaica würde manchen Fehler beseitigt haben. Unsrerseits wäre es überhaupt wünschensiverther gewesen, Herr Lippe hätte nichts als eine Fortsetzung des Werkes von Fürst gegeben. Jndeß verkennen wir nicht den "Nutzen des Unternehinens vom mercantilischen Standpunkte aus, und erkennen die Leistung des Herausgebers vollkommen an. — Die Entgcgnungsschrift von I. Per inhart gegen das Pamphlet von W. Marr ist. in zweiter Auflage erschienen. Bei dieser Gelegenheit bemerken wir, daß jüngst die „Hamburger Zeitung" äußerte: „Marr lebe nun schon Jahre lang an den Juden". Wir hoffen, daß er nunmehr seine letzten Trumpfe ausgespielt hat, und daß besonders unsre Glaubensgenossen sich nicht mehr bethören lassen, seine Streitschriften zu kaufen und somit seine Jnvec-! tiven noch mit ihrem Gelde zu bezahlen. — Wir haben S. 509 | vor. Jahrg. über das erste Heft der „Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins", herausgcgeben von Hermann Guthe (Leipzig, Bädeker, 1878/', berichtet. Es liegen uns jetzt die , Hefte II., III. und. IV. und somit der ganze erste Band vor. }Der Verein ist im Wachsthum begriffen und haben sich ihm