Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1879)
- Date
- 1879-07-29
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
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die ihnen so ungeheure Gefahren bevtttete, nicht zu dulden und rechtzeitig zu denunciren. Kostomaroff beruft sich auch auf den berüchtigten Proceß in Saratow vor etlichen 20 Jahren. Aber Chwolson weist aus den gerichtlichen Acten selbst nach, daß das einzige Beweisstück in einem Bilde bestand, das bei einem Juden vorgefunden worden und auf welchem Pharao im Blute der israelitischen Kinder sich badend dargestellt wurde. Dieses absurde Bild sollte zum Beweise für die Blutbeschuldigung dienen!!! Doch ich will in diesen unerquicklichen Streit nicht näher eingehen. Die jüdische Sache hat glänzend triumphirt, aber es ist doch sehr traurig, daß dies in Rußland noch immer nothwendig, und dennoch die Bürgschaft nicht gewährt ist, nach einigen Jahren dieses Wahngebilde nicht abermals erscheinen zu sehen. W. B. Petersburg, 14. Juli. (Privatmitth.) Zwei Facta aus unserem Culturleben: In Kiew exiftirt eine Handwerlsschule, die aus Mitteln der Stadt gegründet wurde. Vor einiger Zeit vermachte ein Kaufmann, H. Lewin (Christ), der Anstalt eine beträchtliche Summe mit der Bedingung, daß man von nun an nur Christen als Schüler annehmen soll. Man muß dabei noch Folgendes in Betracht ziehen: 1) ist diese Anstalt die einzige Handwerksschule, 2) ist Kiew eines der Hauptcentren der jüdischen Bevölkerung des Südens, und 3) ist in der letzteren Zeit bei den Juden das Streben zum Handwerkerlernen sehr rege, da nur den Handwerkern der Aufent^rlt im Innern Rußlands gestattet wird. Da die Bedingung, die Lewin in seinem Vermächtniß aufstellte, für die Juden höchst schädlich war, so nahm sich der Rabbiner von Kiew, Herr Zuckermann, der zugleich Glaßny der Duma (Mitglied des Stadtrathes) ist, der Angelegenheit an. Er legte der Duma vor, diese Bedingung aufzuheben, und unterstützte seine Bitte durch eine warme Rede; zehn Glaßnys erfförten sich mit ihm einverstanden, aber die Majorität blieb dagegen. Herr Zuckermann und die zehn Gleichgesinnten verließen den Sitzungssaal, der Golowä (Präsident) tvurde dadurch gezwungen, die Sitzung wegen Abwesenheit eines Drittels der Glaßnv zu schließen — und die Juden von Kiew blieben doch ohne eure Harckwerksschule („Nußnaja Prawda"). Bei uns in Petersburg exiftirt seit einigen Jahren eine medicinische Hochschule -für Damen. Die Hochschule wurde auch von vielen jüdischen Mädchen besucht, die zu diesem Zwecke meistentheils aus der Provinz kamen. Die Jüdinnen bildeten gewöhnlich ungefähr 30 Procent der Schülerinnen. Dieses gefiel den Vorgesetzten der Hochschule nicht (weshalb? das wisien wir nicht) und sie projectirl jetzt, die Zahl der Jüdinnen auf IO Procent der Gesammtgabl zu beschränken, das heißt, bei der alljährLch«, Achnrchme werden die Jüdinnen nicht mehr als 2/10 aller Aufgenommeue» sein dürfen. Die Facta sprechen für sich und brauchen keine Erklärung . . . Traurig, aber wahr.' W. B. Amerika. NtW-Drltlltts, im Juni. (Privatmitth.) Vor Kurzem wurde hier der fünfte Jahresbericht der Touro Infirmary und Iiebrew Benevolent Association ausgegeben. So segensreich die Wirksamkeit dieser beiden mit einander verbundenen Vereine ist, würde ich doch auf diesen Bericht nicht näher eingehen, wenn nicht mit demselben ein Report über die während der furchtbaren Epidemie des gelben Fiebers im Jahre 1878 ausgeübte Unterstützung verbunden wäre. So sehr jedes menschenfreundliche Herz von dem schrecklichen Walten einer solchen Geißel erschüttert wird, so erhebend wirkt wiederum der Blick auf die Aufopferung und Alles überwindende Liebe, die hierbei auch besonders im Kreise unsrer Glaubensgenossenschaft sich bcthätigte. Deshalb wird eine Mittheilung aus diesem Berichte auch an dieser Stelle angemessen sein. Es gilt hier nämlich nicht blos Geldunterstützungen zu leisten, auch nicht etwa die gewöhnliche Krankenpflege zu üben und die Leichen zu bestatten, sondern beides Letztere ist mit so vieler persönlicher Gefahr verbunden, und die Pflege der Erkrankten erfordert so viel Aufmerksanckeit und Sorgfalt, daß eine rühmenswerthe Hingebung, ein wahrer Heroismus erforderlich ist. Dabei müssen die Gesunden nicht minder berücksichtigt und durch gute Ernährung, Bekleidung und Wohnungsbeschaffenheit vor der unheimlichen Krankheit bewahrt werden. Weiter müssen die Hinterbliebenen, namentlich die Waisen versorgt werden. Und endlich kommt hinzu, daß die Zeit einer solchen Epidemie mit Geschästslosigkeit, mit dem Darniederliegen aller Gewerbe verbunden ist und dadurch Familien Alnwsen zu fordern gezwungen sind, die sich vor Kurzem gegen diesen Gedanken auf's Aeußerste gesträubt hatten. Dennoch kann mit Befriedigung auf die Leistungen des Vereines zurückgeblickt werden. Die Mittel desselben konnten natürlich nicht ausreichen und ein Aufruf wandte sich an die Glaubensgenossen der Union. Der Erfolg war glänzend: 50,000 Dollars (212,500 M.) liefen ein. 1168 Personen wurden unterstützt. Darunter waren -573 Kranke, von denen 128 starben. Außer den Waisen und Wittwen, welche von dem Vereine unterstützt werden, wurden 25 Waisen in das Waisenhaus ausgenommen. 18 Personen waren Tag und Rächt in Thätigkeit, um die Kranken zu pflegen, oft in de» ärnrlichsten Räumlichkeiten, aus denen der Patient nicht entfernt werden durfte, tveil jede Bewegung der Tod gewesen wäre, die Gebete zu sprechen, die Leichen zu bestatten, die Hinterlaffenen zu versorgen und jede erforderliche Wohlthat zu üben. Die Vergeltung solcher Wirksamkeit steht allein bei Gott. Möge er die oftheimgesuchte Stadt für lange Zeiten gnädig schützen!