Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1879)
- Date
- 1879-07-29
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
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487 als ein „Organ für Hochschulen" ausgiebt. Der Geist, der in diesem Blatte obwaltet, ist schon daraus erkenntlich, daß es die Wahl eines Juden zum Dekan der juristischen und eines anderen zum Dekan der philosophischen Facultät, sowie eines Protestanten zum Nector an der Wiener Universität mit unverkennbarem Nichtbehagen begleitete. Jetzt läßt sich dasselbe über das Scheiden des Dr. Falk aus dem preußischen Unterrichtsministerium in einer Weise aus, daß man die Absicht erkennt, die Verdienste dieses Mannes um die preußischen Universitäten, die durch seine Anstrengungen mit den umfassendsten Lehrmitteln, namentlich für die Naturwissenschaften und die Medicin, ausgestattet tvurden, herabzusetzen. Das Blatt schreibt u. A. auch: „Ein hochconservativer Nachfolger Dr. Falk's könnte höchstens versuchen, bei Ernennungen von Professoren seine Parteirichtung mehr als bisher zu berücksichtigen." Wäre dies für die Universitäten noch nicht genug? Worin besteht denn die Kraft derselben, wenn nicht in der Wahl tüchtiger Docenten nach ihrer wissenschaftlichen Bedeutung? Erfahrungsmäßig hat dabei das Vorschlagsrecht der Facultäten, worauf sich die A. M. beruft, keinen entscheidenden Einfluß. Am meisten zeigt sich die A. M. durch die Aussicht erfreut, daß „die theologischen Facultäten unter einem hochconservativen Cultusminister numerisch nur gewinnen können." Ob die Zahl den Hauptwerth bildet, ist freilich noch eine andere Frage. Oesterreich-Ungarn. Ans Galizien, 13. Juli. (Privatmitth.) Aus den jüngst stattgefundenen Wahlen lassen Sie mich nur noch eine Erscheinung hervorheben, nämlich aus Brody, wo der jüdische Advocat Dr. Gottlieb dem christlichen Hofrath Dr. Sohor gegenüber stand. Da geschah es, daß die Christen mit allem Eifer für den Juden, die Juden mit aller Macht für den Christen eintraten, und zwar weil die Einen der Vorschrift des Centralwahlcomitos gehorchten, die Juden selbst einen Glaubensgenossen, so begabt und ehrenhaft er auch ist, von dem Cornitö nicht annehmen wollten. Ich führe die» nicht an, um die Wahlbewegung, soweit sie die jüdische Bevölkerung betraf, weiter zu characterisiren, sondern um den Gegnern der Juden den Beweis vorzuhalten, daß nichts unwahrer ist, als die Behauptung, die Juden hielten in politischen Fragen zusammen und hätten dabei nur das Interesse ihrer Glaubensgenossenschaft im Auge. Dies trifft nur in den seltensten Fällen zu. Frankreich. Paris, 1ü. Juli. Es hat hier einige Sensation erregt, daß der Jesuitenzögling Mortara ein Sendschreiben gegen das Ferry'sche Gesetz über den Universitätsunterricht und namentlich gegen den Art. 7, der die unerlaubten Congregationen, namentlich also die Jesuiten von der Ertheilung von Unterricht ausschließt, zu Gunsten seiner Meisterveröffentlicht hat. Ein Corr. der „K. K." schreibt mit Recht hierüber: „Da der „junge Mortara" der Geschichte angehört, so wird der jetzt den Jesuiten heimgefallene großjährige Mortara nichts daran ändern können, daß inan fort und fort von dem ihm in früher Jugend angethanen Gewissenszwange spricht. Gar komisch ist, daß er jetzt von der „abscheulichen Entweihung der heiligen Rechte der Familienväter" faselt, ohne sich zu erinnern, daß gerade er selbst als Kind das Opfer einer solchen Gewaltthat gewesen ist." Rußland. Petersburg, 9. Juli. (Privatmitth.) Wir haben einen herben Verlust zu verzeichnen. Am 15). April d. I. verschied L. V. Koteljansky, einer der wenigen Juden, die sich bisjetzt einen Namen in der russischen Literatur erwarben. Er hatte sich durch eine Anzahl Novellen bekannt gemacht, deren beste „Tschinscheviki“ in dem verbreitetsten russischen Journal ,,0teoliestwonnija Sapisk i “ veröffentlicht ward und allgemeinen Beifall fand. Zuletzt war er einer der Hauptarbeiter der Zeitung „Russkaja Prawado.“ Der Kreis unsrer russischjüdischen Literaten ist noch so klein, daß wir den Heimgang dieses Mannes sehr zu beklagen haben, und widmeten ihm fast alle Blätter einen warmen und anerkennenden Nachruf. Um so lieber heben wir hervor, daß in den letzten Lieferungen des oben citirten Journals ein Roman einer Jüdin Olga Schapir unter dem Titel „Eine von Vielen" veröffentlicht wird, unsres Wissens das erste Beispiel einer russisch-jüdischen Schriftstellerin in der Landessprache; frühere wie Mirjam Marke! schrieben hebräisch. Der Roman von Olga Schapir wird von vielen Kennern als eine der besten Erscheinungen in der modernen russischen Literatur gepriesen. Zur Charactcrisirung unsrer Zustände gehört es, daß der Streit um die Blutbeschuldigung noch immer geführt wird, daß Männer von Ruf wie der Historiker Kostomaroff — freilich in der judenfresserischen Zeitschrift „Xowoje lYrenija“ — gegen die klare und gründliche Beweisführung des Prof. Chwolson aufzutreten wagen, ohne der Lächerlichkeit anheimzufallen. Es versteht sich, daß Chwolson nicht zurückbleibt, und seine Gegner in die bekannten Schlupfwinkel verfolgt: es könnte doch immerhin eine Secte unter den Juden beständen haben, oder noch bestehen, welche jenem kannibalischen Brauche obläge. Da hätten sich allerdings in Rußland unser Gegner auf diese oder jene russische christliche Secte berufen können, wie z. B. die berüchtigten Selbstverstümmler. Chwolson weißt überzeugend nach, daß dies den Juden selbst, die doch in abgeschlossenen Ghetti wohnen mußten, nicht unbekannt hätte bleiben können, und es in deren höchstem Interesse schon um ihrer Selbsterhaltung willen liegen mußte, eine solche Secte,