Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1879)
- Date
- 1879-07-29
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
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absichtliche Nachahmung de. Zehnworte mit ihrer ganzen Scenerie. Zeigt sich doch bei Matthäus die bestimmte Absicht, gegen den Paulinismus, das „Heidenchristenthum", zu Felde zu ziehen, wovon bei Lucas, in dessen Bericht alles Zurückgehen auf Schriftstellen fehlt, keine Spur. Stellen sich doch die Auslegungen der Schrifttexte bei Matthäus ganz von der Art dar, einen „Zaun" um die Vorschriften des Sittengesetzes herzustellen, wie es bei den Schriftgelehrten um die Halacha Brauch und Ziel war. Welcher Gegensatz jedoch zwischen den Zehnworten und der Bergpredigt sammt der Feldpredigt besteht, wie mangelhaft, auf Sentimentalität und auf Auflösung der staatlichen und überhaupt der bürgerlichen Gesellschaft hinauslaufend, die Bergpredigt ist, haben wir dort nachgewiesen. Ein jüdischer Theologe hätte dies Alles nicht übersehen dürfen, um so mehr, da wir glauben, daß.jeder ernsten Prüfung seitens eines unbefangenen Kritikers dies Alles nicht entgehen kann; doch sehen wir hiervon ab. Die Gründe des Verfassers für jene Hypothese, daß das „nicht" ausgelassen, sind hinfällig. Er. kann sich nicht darauf berufen, daß Jesus so nicht gesprochen haben könne, denn wir haben cs ja nur mit dem Berichterstatter bei Matthäus zu thun. Auch nicht darauf, die Schriftgelehrten hätten sonst gleich widersprochen, denn erstens ist von deren Anwesenheit keine Rede, sondern nur von der allerlei Volks aus allen Gegenden des Landes (— natürlich, um das ganze Israel zu vertreten, wie es um den Sinai versammelt gewesen —}, zweitens weiß er ja nicht, ob die Schriftgelehrten nicht widersprochen hätten, nur daß der Berichterstatter keine Notiz davon nahnr. Was Widerspruch hilft, hat man bis jetzt genugsam erlebt. Schon Viele haben protestirt, und die christlichen Theologen bleiben inuncr noch bei der ursprünglichen Lesart stehen. Hat doch auch kein einziger Codex das „nicht". Allein wir gehen weiter, und sagen: wenn wirklich das „nicht" dastände, wenn es wirklich bei Matthäus geheißen hätte: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind „nicht" hassen" — so ist die Sache noch nicht viel besser, sondern immer noch eine Verdrehung des Schriftworts, und daß dies die jüdischen Gelehrten heute noch nicht betonen, ist wirklich merkwürdig. Wir haben bereits wiederholt darauf aufmerksam gemacht. Sehen wir uns die Schriftstelle noch einmal an. Sie lautet (3 Mos. 19, 17. 18): „Haffe deinen Bruder nicht in deinen: Herzen, verweisen magst du deinen Nebemnenschen, du sollst dich nicht rächen und nicht Zorn nachtragen, sondern liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Dies ist doch vollständig klar. Du sollst Denjenigen, der sich als Feind gegen dich bethätigt, nicht Haffen, sondern unbedingt und ohne Unterschied deinen Nächsten lieben, ob er dir Gutes oder Böses thue. Der Schlußsatz also enthält die Vorschrift, den Feind zu lieben gerade so, wie jeden anderen Nächsten. Es ist dies auch ganz psychologisch. Bei erlittener Feindseligkeit ist die natürliche Empfindung der Haß und der Wunsch nach Rache. Tiefe muß daher erst in unsrem Herzen unterdrückt und beseitigt werden, um der unbedingten Liebe zum Nächsten Raum zu geben. Was thut nun der Berichterstatter der Bergpredigt? Er dreht die Sache um: Du sollst Deinen Nächsten lieben und deinen Feind „nicht" hassen. Durch diese Umkehr der Satzfolge ist von der allgemeinen Nächstenliebe der Feind ausgeschloffen, der nur nicht gehaßt werden solle. Er verdreht die Satzsolge im Schrifttexte, um hinzufügen zu können: nein, du sollst den Feind nicht blos nicht Haffen, sondern ihn auch lieben. Dieser Unterschied aber ist, wie wir erwiesen haben, dem Schrifttexte ganz fremd und das Gegentheil richtig. Und von dieser Verdrehung des Schrifttextes aus rührt die immer wiederholte Behauptung der christlichen Theologen her, das mosaische Gesetz verbiete nur den Feindeshaß, das Christenthum gebiete die Feindesliebe, oder nach dem eigentlichen Matthäustexte: das mosaische Gesetz gestatte, den Feind zu Haffen, das Christenthum fordere, ihn zu lieben! Wie wir also auch die Stelle bei Matthäus lesen, so enthält sie, fehlt das „nicht", eine Fälschung des mosaischen Schrifttextes, schieben wir das „nicht" ein, eine absichtliche Verdrehung desselben. Gerade für das Publicum, für welches Astruc in der Revue de Belgique schrieb, wäre eine solche Auseinandersetzung der wahren Sachlage am rechten Platze gewesen. Allein diese mangelhafte Betrachtung des gedachten Schriftwortes rächt sich auch positiv an unsrem Verfaffer. In seinem dritten Artikel nämlich dcducirt er, daß die mosaische Moral sich nicht auf die Verbindlichkeiten beschränke, welche das Recht des Nächsten auferlegt, sondern auch aus der Liebe zu Gott die Liebe zum Nächsten als nothwendige Consequenz folge, und zeigt, wie diese Nächstenliebe gegen die Dürftigen, gegen die Arbeiter, gegen die Fremden, selbst gegen die Thiere durch die bestimmtesten Vorschriften zur Thal wurde. Hier ist es nun, wo der Verfaffer den schweren Jrrthum begeht. Folgendes zu sagen: „Das jüdische Gesetz, welches sich vor jedem Uebermaß zu bewahren versteht, selbst vor dem des Erhabenen, befiehlt uns nicht, unsre Feinde zu lieben. Es hängt in Wirklichkeit nicht von uns ab, unsre Gefühle gegen Die, welche uns Böses gethan haben, zu befehligen (commandor), aber es ist uns «täglich, unsrem Verdruß und unsrem Haß Schweigen aufzuerlegen und unsre Wünsche nach Rache auszulöschen." Es ist uns, meint er, möglich, wohlthatig gegen Den zu sein, der es nicht gegen uns war, aber bis zur Liebe kann der Mensch feinem Feinde gegenüber nicht gehen. In dieser Auseinandersetzung erscheint uns Alles irrig. Zuerst ist es nicht richtig, daß das mosaische Gesetz uns nicht gebiete, den Feind zu lieben, da es, wie wir gezeigt, heißt: „Du sollst nicht Haffen, sondern deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Ferner, wie kann der Verfasser sagen, unsre Gefühle können nicht befehligt werden? Wenn das Schriftwort sagt, du sollst nicht Haffen und keinen